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Chinesisches

Als Fremder in einem fremden Land hat man das Privileg, sich daneben zu benehmen, aus dem Rahmen zu fallen, Dinge zu wagen, die man sich zuhause nie trauen würde. All das wird einem nachgesehen. Weil man nicht zählt. Jedenfalls nicht richtig. Als Mensch. Als wandelnder Geldbeutel schon. Wer länger (viele Jahre also) in einem fremden Land (die USA, wo fast alle eingewandert sind, ist da wohl eine Ausnahme) lebt, bringt es im besten Fall zum Status eines Eingeheirateten. Und dass ein solcher (Frauen sind mitgemeint) nichts zu sagen hat, nie richtig Ernst genommen wird, das weiss ja nun wirklich jeder.

Als ich im Jahre 2002 an einer privaten chinesischen Universität Englisch unterrichtete, gab es da Minibusse, die zwischen der Universität und der knapp eine Stunde entfernten Stadt verkehrten. Die Buschauffeure fuhren derart halsbrecherisch, dass ich jeweils um mein Leben fürchtete. Ich fragte die Studenten: ob sie bei diesen Busfahrten keine Angst hätten? Doch, doch, alle hatten sie Angst, doch da könne man eben nichts machen…
Ich schon, ich bin Ausländer. Ich lasse mir auf ein Blatt Papier auf Chinesisch schreiben „Bitte langsam fahren“ und halte den Zettel dem Busfahrer beim nächsten Mal vor die Nase. Dieser grinst, nickt und siehe da, die Fahrt geht in ganz zivilisiertem Tempo vonstatten. Bei der Rückfahrt mache ich es genauso. Und siehe da, auch dieser Fahrer fährt (mir zuliebe, wie ich mir vorstelle) mit mässigem Tempo (das geht gar nicht anders in der Stadt). Doch kaum ist er aus der Stadt raus, drückt er wie gewohnt aufs Gaspedal. Ich sitze zuhinterst im Bus und brülle sehr laut auf Englisch „Hey, spinnst Du eigentlich?“ Alle Fahrgäste drehen sich um und fragen sich wohl, was für ein Heini solchen Lärm macht. Ich hätte auch auf Schweizerdeutsch brüllen können, meine Worte verstand eh keiner, meine Botschaft hingegen schon, jedenfalls der Fahrer. Ab da verlief die Fahrt wieder gemächlicher. Als ich an meinem Zielort aussteige, lacht der Fahrer und schüttelt mir die Hand.

In China ist man als Ausländer ein Exot. Schon weil man nicht chinesisch ausschaut. Noch exotischer ist der Ausländer, der Chinesisch spricht (um allfälligen Missverständnissen vorzubeugen: ich gehöre nicht dazu). Da freuen sich die Chinesen drüber, aber sie wundern sich auch und einige sind misstrauisch, fragen sich, ob man vielleicht ein Spion sein könnte. Übrigens: einige des Chinesischen mächtige Westler sind christliche Missionare (und christliches Missionieren ist in China verboten) und manchmal auch Spione. Am exotischsten aber ist der Chinese, der kein (oder nur wenig) Chinesisch kann. Chris zum Beispiel ist als Kind chinesischer Eltern in Kanada aufgewachsen, spricht nur gerade ein paar Brocken Chinesisch und wird deshalb von den Chinesen mit grosser Reserviertheit behandelt: Was bildet der sich eigentlich ein? Glaubt der eigentlich, er sei was Besseres?

Als ausländischer Lehrer kann ich mir Fragen erlauben, die sich ein chinesischer (oder mit China gut vertrauter) Lehrer wohl kaum trauen würde. Und ich tue es auch: Wie es komme, dass sie die gelbe Rasse genannt werden? – ich sähe hier nämlich niemanden mit gelber Hautfarbe. Sicher, einige hätten dunklere, andere hellere Haut. Aber gelb? Niemand will sich äussern, einige grinsen, andere tuscheln. Ich hätte gehört, in China würden Hunde gegessen – wer von Ihnen hat schon einmal Hund gegessen? Einer. Ihm ist schlecht geworden. Ich könne vom Aussehen her nicht zwischen einem Koreaner und einem Chinesen unterscheiden – ob Sie es könnten? Sie können es, zu meinem nicht geringen Erstaunen, offenbar auch nicht.

Auch wenn man sich in fremden Ländern mehr Freiheiten zugesteht als in heimischen Gefilden, überreizen sollte man die Dinge nicht.
Einmal bin ich von einem Studenten (dem Klassensprecher, also einem linientreuen Kommunisten) zum Essen eingeladen worden. Ich werde mein Essen selber bezahlen, und er seines, habe ich gleich zu Beginn klar gestellt. Der Student hat etwas gezwungen gegrinst, doch akzeptiert.
Das ist nicht sehr höflich? Ja, stimmt. Wieso hab ich es also gemacht? An dieser Schule war es gang und gäbe, dass Studenten ihre Lehrer einluden, sei es zum Essen, sei es zu einem Besuch bei den Eltern. Das wurde gemacht, um sich die Lehrer gewogen zu machen. Nahm der Lehrer die Einladung an, so stand er künftig in der Schuld des Studenten (das chinesische System basiert darauf, sich einander gegenseitig zu verpflichten) und von ihm wurde erwartet, dass er den Schüler beim Examen nicht durchfallen lassen würde. Ich selber bin mal ganz offen gefragt worden, was ein bestandenes Examen koste.
Während des Essens spuckte der Student Knochenstückchen, die er ja, zugegeben, schlecht hinunter schlucken konnte, neben sich auf den Teller. Ich fand das grauenhaft. Doch was tun? Es ihm, da das hier offenbar gängiges Benehmen war, nachmachen? Ging nicht, auch weil ich keine einschlägige Übung hatte und womöglich was weiss ich wohin spuckte. Doch ich wollte auch nicht. Was ich auch nicht wollte: ihm zuzuschauen, wie er (zugegeben, gekonnt) neben den Teller spuckte. Und so guckte ich halt einfach weg. Und manchmal – angewidert und fasziniert zugleich – auch wieder hin.
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Über Identität

Natürlich muss man nicht die eigene Kultur hinter sich lassen, um seine Identitäten neu oder anders zu definieren. Man kann das überall tun. Doch wo immer man es auch tut (und fern der Herkunftskultur fällt es vielen oft leichter), überall setzt es die Einsicht und den Mut voraus, sein Leben selber in die Hand nehmen zu wollen.

Amartya Sen, Professor in Harvard und ehemals Master des Trinity College in Cambridge, erhielt 1998 den Nobelpreis für Ökonomie. Sein neuestes Buch, Die Identitätsfalle (C.H. Beck, 2007, 2. Auflage) trägt den Untertitel ‚Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt’ und dieser suggeriert, dass man es hier auch mit einer Auseinandersetzung über die Thesen Huntingtons zu tun hat – und dem ist denn auch so, aber nicht nur. Zudem: auch wenn der Buchtitel gut getroffen ist, der englische Originaltitel (Identity and Violence: The Illusion of Destiny) macht deutlicher, worum es dem Autor in diesen hier versammelten Texten (es handelt sich um sechs Vorlesungen über Identität, die an der Universität Boston gehalten wurden) geht: dass der Mensch seine Identität wählen kann. Genauer: er kann sich entscheiden, welchem Aspekt seiner Identität er in einer gegebenen Situation den Vorrang geben will, denn die Identität ist kein eindimensionales ehern Ding, das nur der Entdeckung harrt, sondern sie ist erfunden, gemacht, konstruiert und ziemlich mannigfaltig, jedenfalls die von Herr Sen, der sich wie folgt selber beschreibt:

"Was mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeshischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Brahmanen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert, auch ein „Leben vor der Geburt“) angeht. Dies ist nur eine kleine Auswahl der unterschiedlichen Kategorien, denen ich gleichzeitig angehören kann – daneben gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Zugehörigkeitskategorien, die mich je nach den Umständen bewegen oder fesseln können."

Das Buch macht zweierlei klar: Identität ist nicht einfach nur eine Sache der Selbsterkenntnis, sondern auch eine der Wahl. Gleichzeitig hängt Identität nicht nur von uns selber ab, sondern wird uns häufig zugeschrieben. In den Worten von Sen:

„… auch wenn uns selber klar ist, wie wir uns sehen möchten, ist es unter Umständen schwierig, andere dazu zu bringen, uns genauso zu sehen. Als in Südafrika noch die Apartheid herrschte, konnte jemand, der nicht weiß war, nicht verlangen, ungeachtet seiner Rassenmerkmale einfach als Mensch behandelt zu werde. Er wurde in der Regel in die Kategorie gesteckt, die der Staat und die dominierenden Mitglieder der Gesellschaft für ihn vorgesehen hatte.“

Was also ist zu tun? Laut Sen … „im identitätsbezogenen Denken den Elementen der Vernunft und der freien Wahl Geltung zu verschaffen“, und genau dies tut er in den in diesem Buch versammelten Texten. In der Praxis bedeutet das unter anderem, einen Menschen nicht nur über seine Religion zu definieren: „Die Religion ist nicht und kann nicht die allumfassende Identität eines Menschen sein.“ Akzeptiert man zum Beispiel, dass Muslim oder Christ zu sein „keine allesverschlingende Identität ist“, wird einem unschwer aufgehen, dass Muslime (wie auch Christen) in ganz vielen politischen und kulturellen Fragen ganz unterschiedlicher Auffassung sein können. Solche Erkenntnis ist speziell in Zeiten von Nöten, in denen fast alle, die in den Medien gemeinhin als Terroristen bezeichnet werden, sich als Muslime verstehen.

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Es versteht sich: gänzlich frei wählen können wir unsere Identität natürlich nicht, denn diese hängt ja auch von der Hautfarbe, Körpergröße, dem Geschlecht etc. etc ab, hingegen können wir uns entscheiden (nicht im absoluten Sinne, doch immerhin), welchen Aspekten unserer Identität wir Priorität geben wollen. So kann zum Beispiel ein in der Schweiz Geborener durchaus nicht jodeln lernen wollen und braucht sich deswegen nicht weniger als Schweizer zu fühlen (obwohl: fern der Heimat mag er deswegen als untypischer Schweizer gelten).

Die kulturelle Prägung ist Teil unserer Identität. Doch die eigene Kultur, die übrigens kein homogenes Attribut und zudem ständig im Wandel ist, kann auch als beengend empfunden werden. Weshalb es denn für in der Schweiz Aufgewachsene auch nur eine ernstzunehmende Frage gibt: bleib ich hier oder wandere ich aus?

Mein jüngerer Bruder Thomas, an der Universität Genf ausgebildeter Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch, ist ausgewandert, in die USA, zuerst nach New Mexiko, später nach Kalifornien, wo er heute in Marin County eine eigene Firma, „Swiss Window Cleaning“, betreibt. Seine Schweizer Lehrererfahrung hatte er zwar interessant gefunden, doch schien ihm eine Anstellung als Staatsangestellter unattraktiv und einengend. Fensterputzen wäre für ihn in der Schweiz kein Thema gewesen (Schweizer Gymnasiallehrern kommt so was nicht in den Sinn), aus Abenteuerlust (abenteuerlustig ist man meist fern vom angestammten Zuhause) und Geldmangel, hat er sich fern der Herkunftskultur darauf eingelassen. Nicht dass er sich jetzt ausschliesslich als Fensterputzer oder Geschäftsinhaber definieren würde: er hat ganz einfach seinen bisherigen Identitäten eine weitere hinzugefügt.

Natürlich muss man nicht die eigene Kultur hinter sich lassen, um seine Identitäten neu oder anders zu definieren. Man kann das überall tun. Doch wo immer man es auch tut (und fern der Herkunftskultur fällt es vielen oft leichter), überall setzt es die Einsicht und den Mut voraus, sein Leben selber in die Hand nehmen zu wollen.

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PS: Die Lektüre der Identitätsfalle lohnt auch deswegen, weil sie unter anderem aufklärt über Sachen, die gut zu wissen sind, wenn man Politiker von Frieden und Demokratie schwafeln hört. Dies zum Beispiel: „Die größten Rüstungslieferanten auf dem Weltmarkt sind heute die G-8-Staaten, die für 84 Prozent der zwischen 1998 und 2003 verkauften Waffen verantwortlich waren. Japan, das einzige nicht-westliche Land unter den G8, ist auch das einzige, das sich nicht an diesem Handel beteiligt. Allein die Vereinigten Staaten waren für etwa die Hälfte der auf dem Weltmarkt abgesetzten Waffen verantwortlich, wobei zwei Drittel der Exporte in Entwicklungsländer einschließlich Afrikas gingen.“

Erstveröffentlichung im Titel-Magazin, Karlsruhe, 30. Juli 2007
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In Santa Cruz do Sul

Eine halbe Stunde vor der Landung meldete sich der Pilot: die Wetterprognose habe auch ihn überrascht, es schneie in São Paulo, die Temperaturen lägen bei etwa vier Grad, der Winter habe sich früher als erwartet gemeldet. Von Schnee war am Flughafen dann aber gar nichts zu sehen, hingegen offene Schuhe, Miniröcke und T-Shirts zuhauf – und dies schien ja nun nicht gerade auf einen Wintereinbruch hinzuweisen. Diese Piloten wissen offensichtlich nicht gerade viel vom Wetter, sage ich zu meinem italienischen Mitreisenden, der ebenso verblüfft wie ich die sommerlich gekleideten Passagiere mustert. Erst eine Woche später dämmerte mir – ich hatte inzwischen von verschiedenen Seiten gehört, dass es in São Paulo noch niemals geschneit habe – dass das wohl (ich traf am 1. April in São Paulo ein) ein Aprilscherz gewesen war.

Am Flughafen von Porto Alegre erwartete mich Ricardo, der 59jährige Besitzer einer Sprachschule in Santa Cruz do Sul, wo ich die nächsten Monate Englisch unterrichten werde. Santa Cruz liegt im Landesinneren des südlichsten brasilianischen Staates, Rio Grande do Sul (10 Millionen Einwohner; die Fläche ist etwa siebenmal grösser als die der Schweiz), hat 120 000 Einwohner und einzelne Beschilderungen (Oktoberfest, Stadtbus) machen klar, dass Deutsches hier prominent vertreten ist – auf dem Markt am Samstagmorgen kann man deutsche Wurst und deutsches Brot kaufen. Obwohl die Einwohnerzahl etwa dreimal höher liegt als die von Chur, fühlt sich das Stadtzentrum ähnlich gross an. Das liegt daran, dass Santa Cruz sehr ausgedehnt – an Platz fehlt es in Brasilien, ganz m Gegensatz zur Schweiz, wahrlich nicht – angelegt ist.

Die Schule hatte ich im Internet gefunden. Ich verfüge über ein in Australien erworbenes Nachdiplom in angewandter Linguistik und hatte bereits in andern Ländern Englisch unterrichtet und so schickte ich meinen Lebenslauf hin. Die Antwort erfolgte postwendend: Sie seien interessiert. Ob ich mit einem Telefoninterview einverstanden sei? Eine Kanadierin, die viele Jahre für die Schule gearbeitet hatte und jetzt für die fachliche Prüfung der Kandidaten zuständig war, rief mich an. Das Telefonat dauerte eine gute Stunde. Mir machte das Ganze einen recht seriösen Eindruck.

Am Morgen nach meiner Ankunft findet ein Orientierungsgespräch statt. Ich erfahre, dass der Stundenplan für die kommende Woche jeweils am Freitagabend abgegeben werde, dass ich eine Anwesenheitskontrolle durchzuführen habe, dass manchmal auch kurzfristig Änderungen an der Planung vorgenommen werden müssten. Ich unterschreibe, dass ich für etwaige Beschädigung der Wohnungseinrichtung ein Depot zu hinterlegen habe, erhalte ein Handy, damit ich jederzeit erreichbar bin und das ist es dann auch schon. Bezüglich des Unterrichts findet kein ‚Briefing’ statt. Was die Schüler bisher gemacht haben, was ich mit ihnen durchzunehmen habe, darüber sagt man mir nichts.

Die Unterrichtsmethode, das weiss ich von den Informationen auf der Schulwebsite, basiert auf der Idee des „natural approach“, was im Wesentlichen meint, dass die Schüler die Sprache mittels Konversation erlernen sollen. Methodik-, Didaktik- oder Grammatik-Kenntnisse setzt diese Methode nicht voraus.

Meine Schüler bestehen aus Erwachsenen und Teenagern; die Erwachsenen arbeiten fast alle in der Tabakindustrie. Einige sind eloquent, andere bringen den Mund nicht auf. Das Übliche also. Jaqueline, eine elegant gekleidete Business-Frau, Ende zwanzig, fragt: ich sei doch jetzt seit zehn Tagen hier, was denn mein erster Eindruck sei? Mir sei es zu wenig brasilianisch, antworte ich. Alle grinsen; sie wissen, dass man auf der ganzen Welt Brasilien mit Rio, Bahia und Samba und nicht mit den Nachfahren deutscher und italienischer Auswanderer gleichsetzt.

In einer Klasse erzähle ich, dass ich im argentinischen Mendoza, nach einem Vortrag über Interkulturelle Kommunikation, darauf hingewiesen worden sei, dass eine Bemerkung wie „Heutzutage wo nicht mehr nur die Reichen, sondern auch Heiri und Trudi durch die Welt reisen“ nicht opportun sei, da Argentinier (viele haben, aufgrund der wirtschaftlichen Misere des Landes, kein Geld, um gross zu reisen) Anstoss nehmen könnten. Zudem wäre es besser, nicht von den ‚Americanos’, sondern den ‚Norte Americanos’ zu reden. Ob die Brasilianer diesbezüglich auch so sensibel seien? Brasilianer wüssten in der Regel gar nicht, dass sie in Südamerika lebten, meint einer unter zustimmenden Gelächter; den Brasilianern genüge zu wissen, dass da, wo sie seien, Brasilien sei. Und überhaupt: wenn man sich Brasilien auf der Karte ansähe, merke man sehr schnell, dass es seinen Rücken Südamerika, seine Vorderseite jedoch Europa zugewandt habe.

Es versteht sich: es gibt so viele Brasilien wie es Brasilianer gibt. Und doch scheint es hier im Süden (zumindest bei den gut ausgebildeten Leuten, mit denen ich bisher vorwiegend zu tun hatte) Konsens darüber zu geben, dass man auch ganz gut ohne den Norden und den Nordosten des Landes, die man als wenig effizient empfindet, auskommen könnte. Als ich, zwei Jahre ist es her, ein paar Monate im Nordosten unterwegs gewesen war, unterhielt ich mich einmal mit der Leiterin einer Sprachschule, die mit ihrem Mann von São Paulo, hauptsächlich der Kriminalität wegen, nach in João Pessoa, einer Stadt an der Küste mit rund 800'000 Einwohnern, umgesiedelt war. Was Sie denn, bevor sie hierher gezogen, für eine Vorstellung von den Leuten hier gehabt habe? Sie seien langsam. Und, sind sie es? Sie sind noch langsamer als ich mir das vorgestellt habe, meinte sie.
Ob der Süden Brasilien so effizient ist wie seine Bewohner glauben … nun ja, wer glaubt, sich selber richtig einschätzen zu können, glaubt an den Storch oder studiert möglicherweise Management. Als ich an einem Samstagmorgen das Wasser im Bad andrehe, kommt ausser einem Glucksen gar nicht. Ich frage nach, was los sei? Die Stadt habe das Wasser abgedreht. Ohne Vorwarnung, einfach so? Offenbar. Und wann das Wasser wieder laufe? Üblicherweise nach kurzer Zeit. Und was heisst das? Ein paar Stunden.

Das war morgens um acht. Vor dem Mittagessen – da ich mir vorstellte, dass man bestimmt dafür besorgt sei, dass die Leute kochen können – fragte ich noch mal nach, ob es da keine Auskunftsstelle gebe? Am Samstag arbeite die Verwaltung nicht, doch sie würden anrufen. Die Linie sie dauernd belegt, die hätten, wohl wegen der vielen erzürnten Anrufe, den Stecker raus gezogen. Nachmittags um halb fünf gibt es immer noch kein Wasser. Soviel zur Effizienz des Südens.
Die Schule befindet sich in einem wunderschönen Bau aus der Kolonialzeit. Ich bewohne ein grosses Zimmer im ersten Stock des Annex, mit eigenem Bad; die Küche muss ich tagsüber teilen, habe sie jedoch am Abend und am Wochenende für mich; die Schulleiterfamilie bewohnt den unteren Hausteil. Nach zwei Wochen finde ich plötzlich das Schreibpult und die Holztruhe mit einem durchsichtigen Plastik überzogen, zudem wurde der Polsterstuhl durch einen harten, unbequemen Holzschemel ersetzt. Takako, Ricardos Frau habe das angeordnet, sie wolle Möbel und Polster schonen, erklärt die Haushälterin. Ich brauche aber einen bequemen Stuhl, erwidere ich, ob man denn nicht ein Tuch über das Polster legen könne? Die Haushälterin hält Rücksprache, meinem Wunsch wird entsprochen.

Ist die Tatsache, dass Takako, eine gebürtige Japanerin, die ich jeden Tag sehe und spreche, mich nicht direkt informiert, vielleicht typisch Brasilianisch? Oder eher Japanisch? Oder etwa keines von beiden?
Direkt seien die Brasilianer nicht, sagt Ricardo, doch direkter als die Japaner, das schon. Wie er denn die Brasilianer charakterisieren würde? Da falle ihm spontan ein, was ihm einmal ein international tätiger brasilianischer Wirtschaftsboss gesagt habe: die Brasilianer seien geistig und seelisch gesünder als viele andere. Massenselbstmorde von Sekten, wie in den USA, gebe es hierzulande zum Beispiel nicht.

Ich frage meine Schüler: die Brasilianer nähmen die Dinge leicht, seien von ihrem Naturell her fröhlich und gelassen. Das deckt sich mit dem, wie ich sie bis jetzt selber erlebe: mit einem verbissenen Brasilianer (Frauen sind wie immer eingeschlossen) habe ich bisher nicht zu tun gehabt.
Sein Herkunftsland lernt man ja so recht eigentlich erst bei der Rückkehr aus dem Ausland kennen. Weil man dann vergleichen kann. Und es auch tut. So musste Ricardo, nach einem längeren Aufenthalt in Amerika nach Brasilien zurückgekehrt, sich von neuem ins Stimmregister (bei Wahlen besteht in Brasilien Abstimmungszwang) einragen lassen. Vor dem Schalter wartete schon eine lange Schlange. Da ihm das Anstehen für eine solche Formalität zu blöde war, begab er sich einfach zu einem andern Schalter und erklärte der dort sitzenden Beamtin, dass er nicht verstehe, wie das Formular auszufüllen sei. Sie zeigte ihm nicht nur wie das zu tun sei, sie machte es auch gleich für ihn. Und sagte zum Schluss: ‚So, und jetzt stellen Sie sich schön in die Schlange und warten bis Sie an die Reihe kommen.’ Als Ricardo dann in der Schlange wartete, erblickte er ein grosses Plakat, worauf detailliert angegeben war, wie das Formular auszufüllen sei. „Hätte ich in Amerika am Schalter gesagt, ich wisse nicht, wie man das Formular ausfüllt, hätte mich die Beamtin ganz gewiss – und zwar mit einem Gesichtsausdruck, der deutlicher als Worte sagt: Kannst Du nicht lesen, Depp? – auf das Plakat an der Wand verwiesen.“

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Ich gehe zur Arbeit, zum Einkaufen, ins Fitness; ich lese, schreibe, höre Musik – ich tue hier das, was ich in der Schweiz auch tue. Die Landschaft schaut auch nicht viel anders aus, sofern man nicht genau hinguckt. Wenn man das jedoch tut, sieht man Pflanzen und Blumen, die man nicht einzuordnen weiss und entdeckt, dass es hier Früchte gibt, die an Baumstämmen wachsen, wie schwarze Chriesi aussehen und lernt, dass sie Jaboticaba heissen

Dass man in Brasilien und nicht etwa in der Schweiz ist, merkt man aber spätestens am Freitagabend, wenn die aufklappbaren Gartenstühle (die die Brasilianer, wo auch immer sie unterwegs sind, dabei zu haben scheinen) auf die Trottoirs entlang der Avenida do Imigrante, die durch einen von Bäumen überdachten Gehweg in der Mitte in zwei Fahrspuren geteilt ist, rausgestellt werden und die Bars ihre Türen öffnen: Hunderte, vor allem Jugendliche, treffen sich da bei lautester Musik zum Plaudern, Gucken, Bier- und Mate-Trinken (Mate ist eine Art Kräutertee, der durch Aufguss kleingeschnittener trockener Blätter des
Ilex paraguayensis gewonnen wird). Allüberall verstreute Glasscherben zerbrochener Flaschen zwingen einen anderntags mit offenen Augen durch die Strassen zu gehen. Übrigens: Beliebte Treffpunkte sind auch Tankstellen, die Plastikstühle und -Tische auf ihrem Areal platzieren und, allerdings nur in den Städten, Alkohol verkaufen dürfen. Ricardo meint, das habe mit der Anhänglichkeit der Brasilianer für ihr Auto zu tun: am liebsten liessen sie es nämlich gar nicht aus den Augen.

Auffällig ist auch, dass viele Restaurants reichhaltige Buffets anbieten – man sucht sich sein Mahl selber aus und bezahlt nach Gewicht. Vor allem angetan haben es mir die Süssigkeiten und insbesondere die ‚Mousse de Maracujá’. Ich frage im Supermarkt, wo auch, wie im Pizolpark, Brot und Süssigkeiten hergestellt werden, ob es die hier auch gäbe. Sie könnten sie auf Bestellung machen, sagt die Verkäuferin. Ich zucke, die Schultern, lächle: ich hätte eher an eine einzelne Portion gedacht.

Als ich eine Woche später im selben Supermarkt die Fleischauslage beäuge, tippt mir jemand auf die Schulter. Als ich mich umdrehe, steht eine Verkäuferin hinter mir, die sagt, heute gebe es Einzelportionen von „Mousse de Maracujá.“ Erfreut kaufte ich eine, die dann aber leider nicht ganz so gut war wie die, die ich noch in allerbester Erinnerung hatte.

In Ländern, wo die Sonne intensiver scheint, nehmen die Menschen es mit der Zeit nicht immer so genau. Sicher, das ist ein Klischee und deshalb nicht immer wahr. Häufig aber eben doch. Umso erstaunter bin ich deshalb, als ich an einem Samstag um fünf nach zwölf vor der zugeschlossenen Haupttüre der Schule stehe (um zwölf ist am Samstag Schulschluss). Wenn es ans Nachhausegehen geht, sind wir nie unpünktlich, erklärt Ricardo.

So richtig warm ist es heute nicht, doch sonnig und so gegen zwanzig Grad. Die Leute tragen alle Jacken und Pullover, ich bin der Einzige im T-Shirt. Von meiner Vorstellung, Brasilien sei ein tropisches Land, lass ich mich nicht so schnell abbringen.

Freitagnachmittag unterrichte ich jeweils, zusammen mit zwei Lehrerinnen (es handelt sich um ein soziales Projekt der Schule, wir Lehrer arbeiten ohne Entgelt), in einem der ärmeren Stadtteile von Santa Cruz. Eine Favela, wie ich fälschlicherweise angenommen hatte, ist ‚Menino Deus’ jedoch nicht, denn Favelas sind illegale Ansiedlungen, häufig ohne Strom und Wasser. Eines der in der Gegend ansässigen Tabakunternehmen hatte auf dem Gelände am Fusse des Gefängnisses (keine besonders begehrte Wohnlage) ein Stück Land gekauft und eine Sporthalle darauf gestellt, die jetzt als Gemeinschaftszentrum dient. Es wird von einer Wache gesichert und von einer Sozialarbeiterin betreut. Die Buben und Mädels sind so um die fünfzehn und wesentlich motivierter als die Teenies, die ich sonst unterrichte.

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57 Prozent der Bevölkerung, so eine Umfrage vom Mai 2006, halten die Gewalt für das wichtigste Problem des Landes. Weit abgeschlagen folgt an zweiter Stelle (mit 12 Prozent) die Gesundheit. Wie die meisten Umfragen offenbart auch diese nichts, was man nicht auch ohne sie gewusst hätte.
Amnesty International Schweiz schreibt im Jahresbericht 2007: „ Probleme auf dem Gebiet der öffentlichen Sicherheit sowie Mängel im Strafvollzug und im Justizwesen verbunden mit systematischen Menschenrechtsverletzungen trugen zu einer unvermindert hohen Rate der Gewaltkriminalität in Brasilien bei. Die ärmsten Bevölkerungsschichten hatten die meisten Opfer unter den Zehntausenden von Toten zu beklagen, die durch Schusswaffengebrauch ums Leben kamen. Weit mehr als 1000 Menschen starben im Berichtsjahr bei Auseinandersetzungen mit der Polizei. In vielen dieser Todesfälle deuteten die Umstände auf exzessiven Gewalteinsatz der Sicherheitskräfte oder extralegale Hinrichtungen hin, während die offizielle Darstellung der Polizei üblicherweise Tod durch «Widerstand gegen die Staatsgewalt» lautete.“

Klar, Gewaltkriminalität gebe es auch in Santa Cruz, doch sei dies schon ein recht sicherer Ort. Er sei nahe ‚Menino Deus’ aufgewachsen, sagt ein Manager, seine Mutter wohne immer noch dort. Besuche er sie, sei er schon vorsichtiger als anderswo in der Stadt. Wenn er zum Beispiel aus dem Wagen steige, um das Tor aufzuschliessen, stelle er den Motor ab und ziehe den Schlüssel raus, denn da könne es immer vorkommen, dass einem aufgelauert werde.
Ob ich schon gehört hätte, dass Takako am Sonntag ihre Handtasche mit dem Portemonnaie sowie Kreditkarten und Ausweisen gestohlen worden sei? fragt Ricardo. Sie sei im Garten beschäftigt gewesen, habe das Fenster zum Wohnzimmer offen gelassen und da sei dann der Dieb (oder die Diebin, war ich versucht zu sagen) eingestiegen und hätte die Tasche an sich genommen.
Heute Morgen nun (zwei Tage später) sei alles Geklaute, fein säuberlich gebüschelt und mit Plastik umwickelt, im Briefkasten deponiert worden. Nur das Bargeld habe gefehlt.

Erstveröffentlichung unter dem Titel "Sarganser lehrt in Brasilien Englisch" im Sarganserländer, Mels, Juni 2008
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Descubriendo Suiza

"Warum rennen hier alle so?" Yona, denke ich mir, muss sich wie auf einem andern Planeten fühlen. Die einzigen, die ich in Kuba habe rennen sehen, waren Diebe auf der Flucht vor der Polizei.

Nicht, dass ich auf ihre Frage eine Antwort gehabt hätte, schließlich verstehe ich auch nicht, was mich bereits im Flughafengebäude in Eilschritt verfallen lässt, und warum, kaum habe ich heimischen Boden betreten, ich bereits leicht gestresst auf meine Umwelt reagiere. Mir fällt das selten einmal auf; ich bin hier zu Hause.

"Me siento como un ventilador". Yona sitzt auf dem Rücksitz und dreht und wendet ihren Kopf in alle Richtungen und findet alles "lindo", also hübsch und niedlich und schön, im besonderen alle modernen Gebäude, weil es solche in Kuba kaum gibt.
Den wunderschönen, aus der Kolonialzeit stammenden, Bauten in Havannas Altstadt hat Yona nie was abgewinnen können. Für sie strahlen die zusammenbrechenden Häuser von Habana Vieja nicht in erster Linie den traurigen Charme aus, den der Tourist wahrnehmen mag; für sie bedeutet in Alt-Havanna zu wohnen, dass man hier beim nächsten Hurrikan um einiges gefährdeter sein wird als in den neueren Siedlungen am Stadtrand.

Wir machen Ausflüge in die nähere Umgebung. Chur, Bad Ragaz, Oberschan, Buchs. Auf dem Werdenbergerseeli schwimmen ein paar Enten ganz nah dem Ufer entlang. In Kuba wäre dies undenkbar, sagt Yona. Und warum? Die wären da schon längst gegessen worden.

"Da ist jemand an der Tür." Ich reagiere nicht und so stellt sie die Dusche ab und sagt, "jetzt hör doch". Aus der oberen Wohnung ist ein Klopfen zu vernehmen, da schlägt jemand einen Nagel ein. "En Suiza", erläutere ich, "da klopft man nicht an die Tür, en Suiza, da klingelt man."

Dieses Jahr liegt der Schnee auch im Flachland zentimeterdick auf den Aesten der Bäume. "Mira que lindo". Yona streckt die Zunge raus und leckt den Schnee vom Ast. Und dann versucht sie mit weit aufgesperrtem Mund Flocken zu fangen. Mir gefällt, an meine Kindheit erinnert zu werden. Und Yona freut sich, mit den Sinnen zu spüren, was sie nur aus dem Fernseher kennt. Die Leute sind alle so ernst hier, sagt sie anderntags. Vermutlich haben sie Angst, ihnen würden, bei dieser Kälte!, beim Lachen die Zähne aus dem Mund fallen.

Spontane Begegnungen, wie in Kuba, die kannst du hier vergessen, sage ich und erinnere mich an eine holländische Touristin, die gemeint hat, der Unterschied zwischen Amsterdam und Havanna liege darin, dass man an Bushaltestellen in Amsterdam nicht von Wildfremden angequatscht werde, die dann munter drauflos parlieren und einen nach ein paar Minuten so mir nichts, dir nichts, und nicht etwa, weil der Bus kommt, einfach stehen lassen und ihres Weges gehen. Nein, mit dieser Art von Ansprache muss man in der Schweiz nicht rechnen, außer von Besoffenen und anderen Zugedröhnten. Auch wenn vor nicht allzu langer Zeit ein Schweizer Nachrichtenmagazin behauptet hat, dass wir jetzt alle wahnsinnig multikulturell und überhaupt viel lockerer geworden sind, so wollen wir doch nach wie vor am allerliebsten alleine im Zugabteil sitzen.

Einmal, bei der Einfahrt in den Zürcher HB, sehen wir auf der uns gegenüberliegenden Schiene wie ein Zug gerade dabei ist, den Bahnhof zu verlassen und Yona fragt: "Und wo fährt der jetzt hin?" Wir kaufen uns, für einen Monat, ein Generalabonnement der Schweizerischen Bundesbahnen und machen uns fortan jeden zweiten Tag auf, die Schweiz zu entdecken.

Zuerst fahren wir das Rheintal hinunter, nach Altstätten. Der Bahnhof der Appenzeller Bahn liegt am anderen Ende der Stadt, und der Fahrplan ist so angelegt, dass wir den Zug gerade um einige wenige Minuten verpasst hätten, hätte nicht der Buschauffeur, aus reiner Freundlichkeit und ohne etwa von uns darum gebeten worden zu sein, den zuständigen Bahnbeamten per Funk zu einer Verschiebung der Abfahrtszeit bewegen können. Als wir eintreffen, ist das Zweitklassabteil bereits voll besetzt und so weist uns der Kondukteur, wortlos, Plätze in der leeren ersten Klasse zu. Das Züglein setzt sich in Bewegung, wechselt an steiler Stelle auf Zahnrad und ächzt gemächlich den Berg hoch, uns einen Ausblick über die in der Sonne liegende Rheinebene bescherend, der mich zu lautstarken Ausbrüchen der Begeisterung hinreissen lässt, die meine Begleiterin schmunzelnd und leicht amüsiert quittiert.

Nach Arosa, Davos und Obersaxen sind wir gefahren, und über den Bernina-, den Oberalp- und den Jaun-Pass. In St. Gallen haben wir die Klosterkirche bestaunt, in Zürich die weihnachtlich beleuchtete Bahnhofstrasse bewundert, und in Bern wollte Yona unbedingt Kaufhäuser gucken gehen.

Eine Stadt hat uns so gut gefallen, dass wir sie gleich zweimal besucht haben: La Chaux-de-Fonds. Auch wegen des Namens. Aber auch wegen der rechtwinklig angelegten Straßen. Und weil da die Luft irgendwie anders war. Jedenfalls atmeten wir anders. Oder glaubten es zumindest. Wenn schon in der Schweiz leben, dann hier, sagt Yona. Auch wegen der Migros mit der Glaskuppel.

Neben den modernen Gebäuden, speziell den Glaspalästen, haben es ihr vor allem die Autos angetan. In den ersten Monaten hat sie sich bei Fotos immer vor irgendwelchen, für meine Begriffe absolut Unbemerkenswerten Wagen in Positur gestellt. Ganz ähnlich wie die Touristen in Kuba, die sich mit Vorliebe vor den amerikanischen Oldtimern aus den Sechzigern ablichten lassen.

Als unsere Rumfahrerei sich nach einem Monat ihrem Ende nähert und wir langsam genug davon kriegen, manchmal bis zu zehn Stunden im Zug zu sitzen, schlage ich vor, noch zwei kurze Ausflüge vor die Haustüre zu machen.
Zuerst fahren wir mit dem Postauto in's Weißtannental, wo oberschenkeldicke und mehrere Meter lange Eiszapfen die Straße säumen und Yona zu Begeisterungsausbrüchen hinreißen. Und dann fahren wir noch in die Flumserberge, spazieren im Schnee, verpassen den Bus nach Flums und entdecken, dass wir auch mit der Kabinenbahn über Oberterzen wieder herunter kommen können: Ich weiche erschrocken zurück, als die Kabine, nachdem sie den letzten Mast vor dem Abgrund passiert hat, mit großer Wucht ins Tal runterstürzt. Yona jubelt "como una montana rusa". Das klingt viel hübscher als Achterbahn, auch wenn es dasselbe meint, und mein flaues Gefühl im Magen legt sich ein wenig und dann vollständig, als Yona ausruft "es lindisima", sich die Nase an der Scheibe plattdrückt und wir beide gebannt den unter uns liegenden Walensee bestaunen, den ich seit vielen, vielen Jahren kenne und trotzdem, und vielleicht gerade deswegen, zum ersten Mal aus dieser Perspektive sehe.

Ein paar Tage später machen wir diesen letzten Ausflug nocheinmal. Weil's der schönste gewesen ist. Und weil er so bequem vor der Haustür liegt, dass ich mich freue, ihn doch noch entdeckt zu haben.

Erstveröffentlichung in Schreibkraft, Graz, Winter 2003
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Brasilianische Begegnungen

Markus ist ein Freund und meint es sicher gut.
Erstaunlich also, dass ich ihm zuhöre. Gut möglich, dass ich zu erschöpft, zu ausgelaugt oder für einmal zu gleichgültig bin, um zu widersprechen Und noch erstaunlicher, dass ich mich ein paar Wochen später noch erinnere, was er gesagt hat, und es dann sogar umsetzte. Weil mir gar nichts andres übrig blieb.

‚Sag einfach mal nichts, hör einfach nur zu’, hatte Markus, der genau so gerne redet wie ich auch, gesagt. Und gemeint, so würde ich garantiert die Frau meines Lebens kennen lernen

Kaum hatte ich die junge Frau am Strand von Maceio angesprochen, erzählte sie mir auch bereits ihr Leben, das ganze, und während sie also redete, vom geschiedenen Mann, von den Kindern, der Mutter und vom Studium, erinnerte ich mich an den Satz von Markus und dachte so bei mir, dass, auch wenn ich wollte (ich wollte nicht), ich bei dieser Frau mit Reden niemals zum Zug kommen könnte, weil die überhaupt gar nicht zu bremsen war. Mangels Alternative (die Frau war ausgesprochen hübsch) entschied ich mich zuzuhören (konkreter: abzuwarten). Leider musste sie jedoch, nachdem sie ausgeredet, eiligst (und ohne sich mit mir verabreden zu wollen) zur Vorlesung an die Uni.

Noch auf der Stelle beschloss ich, Markus’ Ratschlag in den Ordner „Sonstige: Sozialarbeiter, Psychologen etc.“ abzulegen. Das ist der Ordner, den ich fast gar nie öffne, also eine Art Papierkorb, den ich jedoch, im Gegensatz zum regulären Papierkorb, nicht leere, weil es ja sein könnte, das darin Befindliches vielleicht doch noch irgend einmal, man weiss schliesslich nie, von Nutzen sein könnte.

Und siehe da: ein paar Wochen später sass ich im Bus neben einer jungen, hübschen Frau (übrigens: nicht alle Brasilianerinnen sind jung und auch nicht alle sind hübsch – ich weiss wovon ich rede, ich bin in den letzten Monaten genug oft neben alten Männern, mittel alten Damen etc. etc. gesessen), die allerdings kein Wort mit mir redete. Eigenartigerweise ging mir der Spruch von Markus durch den Kopf und so sagte ich auch nichts. Eineinhalb Stunden lang. Dann musste die junge Frau aussteigen. Bevor sie dies tat, richtete sie das Wort an mich: sie gehe hier zur Schule, arbeite jedoch üblicherweise im Hotel Marupiara, lächelte sie, gab mir ihre Karte, ich gab ihr meine, und lächelte ebenfalls. Die Visitenkarte wies sie als Nilo Ferreira, Supervisorin der Rezeption, aus. Ich fühlte mich ganz beschwingt.

Als ich am nächsten Tag, leicht nervös und hoffnungsfroh, das Hotel Marupiara aufsuchte, mich nach ihr erkundigte und die Karte vorwies, wurde ich gebeten, einen Moment Platz zu nehmen. Zehn Minuten später tauchte ein mittelalterlicher, übergewichtiger und stark schwitzender Herr auf, der sich als Nilo Ferreira, Supervisor der Rezeption, vorstellte. Oh, sagte ich und zeigte ihm errötend die Karte (da stand in der Tat Supervisor und nicht etwa Supervisorin drauf), das müsse ein Missverständnis sein. Nun, die Person auf der Karte, das sei er, lächelte er. Aha, lächelte ich. Ob hier vielleicht eine junge, hübsche Frau, die einmal die Woche zur Schule ... Nilo lächelt so wie die lächeln, die von Berufs wegen lächeln müssen. Da es nicht so aussieht, als ob er nächstens in die junge Frau mutieren würde, grinse ich weiterhin blöd, stehe auf, schüttle ihm die Hand und verlasse das Hotel Marupiara so beschwingt wie es mir gerade noch möglich ist.

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“Centro Cultural Brasil – Alemanha” steht auf einem Schild in der Nähe meines Hotels in Recife, doch niemand, den ich frage, weiss, wo es sich befindet. Schliesslich versuch ich’s an einer Tankstelle. Der junge Tankwart fragt erwartungsfroh, ob ich aus Deutschland sei? Aus der Schweiz, lächle ich und mache mich darauf gefasst, mir im akzentschweren Infinitiv ein paar Banalitäten zu meinem Herkunftsland anhören zu müssen.

Woher aus der Schweiz? will der Tankwart wissen. Aus der Ostschweiz, an der Grenze zu Liechtenstein und Österreich. Er strahlt. Er kenne vor allem Bern und Umgebung, sagt er auf Schweizerdeutsch, mit leichtem Akzent, aber recht fliessend. Ob er Auslandschweizer sei? Nein, nein, er sei einfach mal sechs Monate im Land gewesen, es habe ihm gefallen, die Sprache habe ihn interessiert, deshalb.

Das “Centro Cultural Brasil – Alemanha” ist ganz in der Nähe, doch der Portugiesisch-Kurs recht teuer. Ich überzeuge mich in Nullkommanix, dass man eine Sprache nur durch Praxis, jedoch nie in einer Schule lernt.

Zwei Tage später treffe ich in einem teuren Touristenort auf einen Strassenhändler, der handgemachte Ledersachen feilbietet. Zu stolzen Preisen. Die erklären sich eben mit der Handarbeit, sagt er. Mir leuchtet das zwar ein, doch der Preis ist mir doch zu hoch.
Wir unterhalten uns auf Spanisch. Ich erzähle ihm von meiner gerade zwei Tage alten Theorie, dass man eine Sprache nur durch Praxis lernt. Er stimmt zu, sagt, er habe sein Spanisch auch so gelernt; er spricht es gut. Dann fügt er hinzu, auch Englisch habe er so gelernt. Und gibt mir eine Kostprobe. Sie klingt grotesk und in jeder Beziehung daneben.
Ich wechsle schnell wieder zu Spanisch und beschliesse, mir das mit dem Sprachkurs doch noch einmal zu überlegen.
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Istanbuler Momentaufnahmen

Als ich mich am 1. Oktober 2005 nach Istanbul aufmache, um dort am Berlitz Language Center für zwei Monate Englisch zu unterrichten, weiß ich von dieser Stadt (und von der Türkei) so gut wie gar nichts, und genau deshalb will ich hin: Ich möchte erleben, wie diese Metropole und die Menschen, die da leben, auf mich wirken, will Eindrücke sammeln, möchte erfahren, wie sich das Leben in einer muslimischen Kultur anfühlt. Leiten lassen will ich mich dabei alleine von dem, was mir zufällt.

Vorbereitet habe ich mich nicht, weder Reise- noch Kulturführer gelesen, die Türkei/Europa-Debatten in den Medien nur am Rande verfolgt, von Orhan Pamuk und Yasar Kemal sind mir nur gerade die Namen geläufig. Trotzdem komme ich natürlich mit Vorstellungen, weiß zum Beispiel, dass Istanbul in Kunstkreisen und in der Klubszene gerade hip ist ("Cool Istanbul", titelte Newsweek unlängst), auch ein Bild, eine Karikatur vielmehr, von den Türken habe ich im Kopf: ein düster dreinblickender, schnauzbärtiger, vornüber gebeugter Mann, gefolgt von, in drei Metern Abstand, einer Frau im Regenmantel und mit Kopftuch, an der rechten Hand zwei Kinder, in der linken drei Plastiktüten, die mit ihm Schritt zu halten sich bemüht.

Mesut ist Personalchef bei Berlitz und erwartet mich am Flughafen. Er ist Mitte dreißig, trägt weder Schnauz, noch geht er vornüber gebeugt, vielleicht weil er längere Zeit in New York und nicht in Berlin gelebt hat. Oder weil er Istanbuler ist. Für Istanbul gelte, sagt er, was auch für New York gelte: New York sei New York (und nicht etwa mit Amerika gleichzusetzen) und Istanbul sei Istanbul, die Türkei etwas ganz anderes.

Ich nicke zustimmend. Weil ich das über New York auch schon gehört habe. Da jedoch viele Bewohner New Yorks gar nicht dort geboren und aufgewachsen sind, sondern von anderswo, und vielfach vom Land, stammen, zweifle ich nicht wenig, ob da wirklich so viel dran ist.

Mesut weist auf Häuser und Wohnblöcke an einem Hang hin. Alles illegal gebaut, sagt er. Und warum wird das toleriert? Die Bewohner seien Wähler, die Behörden wollten gewählt werden, unpopuläre Entscheide dabei wenig hilfreich.

Wir fahren über eine der beiden Bosporusbrücken, ich gucke nach rechts und nach links, sage wau und toll (und meine es auch). Mesut ist sichtlich bemüht, sich seinen Stolz nicht allzu sehr anmerken zu lassen. Nach einer guten Stunde Fahrt treffen wir auf der asiatischen Seite vor einem Wohnturm im Stadtteil Erenköy, das gänzlich aus Wohntürmen zu bestehen scheint, ein (später werde ich rausfinden, dass fast ganz Istanbul aus solchen Wohntürmen besteht). In einer großzügigen, hellen, mit Stuck verzierten Wohnung im sechsten Stock wird mir ein Zimmer zugewiesen, Mesut stellt mir meine drei Mitbewohnerinnen vor, Nellie, Maxi und Claire, aus Australien und Neuseeland, alle drei um die sechzig, drückt mir seine Visitenkarte und den Wohnungsschlüssel in die Hand und verabschiedet sich. Etwas verblüfft bin ich schon, dass ich in einem Land, das gerade von einer muslimischen Regierung geführt wird, mit drei mir unbekannten Frauen in einer Wohnung untergebracht werde.

Mein erster Schüler ist Arzt und arbeitet als Produktmanager für ein türkisches Pharmaunternehmen; lieber würde er allerdings für eine internationale Firma arbeiten, hauptsächlich des wesentlich besseren Salärs wegen. Sein Englisch ist akzeptabel; wir machen Konversation und landen irgendwann auch bei der Schöpfung. Er ist Muslim, die Evolutionstheorie lehnt er ab. Ich wundere mich: wie das zusammengehe, Arzt zu sein und die Evolutionstheorie abzulehnen? Er habe darauf keine fixfertige Antwort parat, da müsste er länger darüber nachdenken. Dann solle er das doch bitte bis zum nächsten Mal tun, seine Argumentation interessiere mich sehr. Er scheint einverstanden, doch es kommt zu keinem nächsten Mal: von der Administration werde ich ein paar Tage später erfahren, der Mann käme nicht mehr zu mir in die Stunde und möchte seinen bisherigen Lehrer zurück (dieser war jedoch gerade wegen exzessiven Alkoholkonsums gefeuert worden).

Eine Kollegin aus Kanada sagt, man wisse nie, woran man mit den Türken sei. Die lächelten einem ins Gesicht, seien betont freundlich, aber hintenherum, da sei das eine ganz andere Geschichte. Eine andere Kollegin, Amerikanerin (sie lebe wegen der Politik ihrer Regierung nicht in Amerika, sagt sie), die mit einem Türken verheiratet ist und Türkisch spricht, pflichtet ihr bei. Da wo ich herkomme, sei das auch nicht so viel anders, sage ich. Und füge hinzu: in einer fremden Kultur fallen einem eben immer wieder Dinge auf, die man in einer vertrauten Umgebung gar nicht bemerkt.

Serina ist um die sechzig, in der Türkei aufgewachsen, besitzt einen kanadischen Pass und hat gleichzeitig mit mir bei Berlitz zu unterrichten begonnen. Sie spricht mit den Angestellten der Schule ausschließlich Englisch, obwohl die meisten von ihnen nur Türkisch verstehen; sie will nicht, dass man weiß, dass sie des Türkischen kundig ist.

Eines Tages werden ihr, im Einkaufsgedränge, Geld und Kreditkarte geklaut. Um die fünfzig Frauen, allesamt Diebstahlsopfer, hat sie auf der Polizeistation gezählt. Anderen sei viel mehr abhanden gekommen als ihr, sagt sie. Ich verpflichte mich, niemandem von ihrem Missgeschick zu erzählen: sie will nicht, dass andere erfahren, was ihr zugestoßen ist.

Indirekt seien die Türken, sagt die Dame, die bei Berlitz für die Schulung der Lehrkräfte zuständig und selber Türkin ist. Zudem hätten sie keine Ahnung, wie man akademisch, also strukturiert, schreibe, denn Türken würden generell wild mit Sätzen um sich werfen; dass eine Geschichte Anfang, Mittelteil und Ende haben sollte, ließen sie gänzlich außer Acht. Blätter mit Beispielen werden verteilt. Die Arbeiten scheinen uns alle ganz logisch strukturiert; die angeblich schlechteste Arbeit finden wir unisono die beste.

Am Donnerstag ist in Erenköy jeweils Markt. Hunderte von Ständen werden frühmorgens in kürzester Zeit aufgebaut, Planen zum Schutz gegen allfälligen Regen über die Straßen und die Stände gespannt, eine logistische Meisterleistung. Obst und Gemüse präsentieren sich wunderbar aufgetürmt; Käse, Fisch, Gewürze sind appetitlich zur Schau gestellt; Stände mit Kleidern, Schmuck und Schuhen reihen sich aneinander. Mittendrin auch ein Stand für Damenunterwäsche. Undenkbar, dass auf einem Schweizer Markt ein Mann mit BHs in der Luft rumwedelt und sie lautstark zum Verkauf anpreist.

Ali ist Kardiologe und Klinikdirektor, er hat ständig ein verschmitztes Lächeln im Gesicht. Was er von der Kopftuch-Debatte halte? Zuviel Geschrei. Nur eine Minderheit, vielleicht zehn Prozent, trage in Istanbul Kopftücher. Seine Mutter trage eins, sein Vater halte gar nichts davon, die Ehe gehe gut.

Vor einigen Jahren hat er mit seiner Firma Konkurs gemacht. Um dies künftig zu vermeiden, ist er nochmals an die Uni und hat einen MBA erworben. Mich verblüfft und fasziniert seine Offenheit. Wie er sich charakterisieren würde? Als jemand, der alles hinterfrage. Zudem leide er an spontaner Aufmerksamkeit. Wenn er zum Beispiel Treppen steige, dann müsse er diese zählen. Das scheine mir wenig spontan, eher zwanghaft, sage ich. Nein, nein, zwanghaft, medizinisch gesehen, sei das nicht, zwanghaft sei es nur, wenn es Auswirkungen auf das eigene Leben habe. Ich belasse es bei einem Ah ja.

Er arbeitet an der Uni in Edirne. Eine schöne Stadt, wenig Touristen, ein Besuch lohne sich, ob ich mitkommen wolle? Um sechs in der Früh fahren wir los, in einer der Trabantenstädte holen wir Alis Eltern ab, die für eine Weile bei ihm leben werden. Ali und ich unterhalten uns die ganze Fahrt über – auf mich, der ich in der Schweizer Postkartenlandschaft aufgewachsen bin, wirkt die karge Landschaft mit dem weiten Himmel ungemein befreiend – , die Eltern sitzen still auf den Rücksitzen. Eigentlich wäre er gerne Ingenieur geworden, erzählt er. Doch wer, gebührenbefreit, an der prestigeträchtigen Istanbuler Militärakademie habe studieren wollen, habe damals keine Wahl gehabt, denn die Armee brauchte zu dieser Zeit Ärzte. Ob er denn heute lieber Ingenieur wäre? Da er nicht wisse, wie das wäre, stelle sich ihm die Frage nicht, sagt er.

Ob er Orhan Pamuk gelesen habe? Angelesen. Der werde gekauft, der werde nicht gelesen, falls doch, dann nur, weil man politisch mit ihm einig gehe, jedenfalls nicht, weil er ein guter Schreiber sei. Er lacht, als ich sage, ich hätte "Snow" nach 143 Seiten entnervt aufgegeben, fände den Autor einen ganz furchtbaren Langweiler, seine unzähligen, peinlich prätentiösen, hölzernen Dialoge seien mir unerträglich, gewesen; derjenige auf Seite 143 liest sich so:

"How beautiful the universe is" whispered Necip.
"What would you say is the most beautiful part of life?" asked Ka.
"All of it" said Necip after a pause, as if we were betraying a secret.
"But doesn’t life make us unhappy?"
"We do that to ourselves. It has nothing to do with the universe or its Creator."
"Tell me about that landscape."
"First, put your hand on my forehead and tell me my future", said Necip.

Ich habe in der Folge noch andere auf Orhan Pamuk angesprochen, bin auf niemanden gestoßen, der ihn gut findet. Nur Gamze Deniz, die selber Autorin ist, mag seine Bücher. Nicht "Snow", die älteren.

Auf Gamze, die auch Verlegerin ist, hat mich ein befreundeter Verleger aufmerksam gemacht. Ich solle doch mal bei Aritab vorbeischauen, das sei ein gerade im Entstehen begriffener Verlag, der nächstens zwei von ihm verlegte Werke, die "Yeti Stories" und die "Bhutanese Folk Tales", auf Türkisch herausbringen werde.

Das Büro von Aritab liegt in Besiktas, einem der direkt am Bosporus gelegenen Stadtteile. Gamze ist 28, hat mit 18 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht und wurde 1994 als jüngstes Mitglied in den türkischen Schriftstellerverband aufgenommen. So sehr sie sich einerseits der europäischen Mentalität verbunden fühle, sie spüre gleichzeitig eine starke Affinität zu Asien, besonders zu Bhutan, wo sie vor Kurzem gerade gewesen und wohin sie bald wieder hin wolle. Das Spezielle, ja der Reichtum der Türkei liege gerade darin, dass sowohl die europäische als auch die asiatische Seite stark ausgeprägt seien. Sie selbst spüre beide Seiten in sich, und zwar intensiv. Und fragt sich: Warum eigentlich sich für die eine oder andere Seite entscheiden müssen?

Istanbul besteht aus einer europäischen und einer asiatischen Seite, die europäische sieht aus, wie man Istanbul von Fotos her kennt, also orientalisch (Moscheen, Minarette, Kaffeehäuser und Basare), die asiatische Seite hingegen präsentiert sich als Ansammlung von Wohnsilos, die irgendwo auf der Welt stehen könnten. Auf den ersten Blick zumindest, doch nach und nach entdecke ich, dass all das, was auf der europäischen Seite ins Auge fällt, durchaus auch im asiatischen Teil vorhanden ist, nur nicht so offensichtlich, weshalb man auch eher selten Touristen zu sehen kriegt.

Er fühle sich immer leicht unwohl, habe immer etwas Angst, wenn er auf der europäischen Seite beruflich zu tun habe, sagt Alpay, der Ingenieur ist. In Istanbul gebe es ja wöchentlich kleinere Erdbeben, von denen man zwar kaum was spüre, doch wisse man schließlich nie, ob sich da nicht eben doch einmal ein größeres Beben ereignen werde und wenn dann die beiden Brücken ausfielen, dann sitze er fest und komme nicht zu seiner Familie auf der asiatischen Seite. Ich frage auch andere: ob sie ähnliche Gefühle hätten? So offen wie Alpay äußert sich zwar niemand, doch vermeine ich Zustimmung wahrzunehmen.

Siebzehn Millionen sollen in Istanbul leben.
Was mich umhaut, sind diese unglaublichen Menschenmassen hier. Besonders in Eminönü oder auf der Galata-Brücke, sage ich zu Nahit. Ob ich schon mal in Indien gewesen sei? lacht sie.

Nahit ist Professorin für Kinderpsychiatrie an einer der Istanbuler Universitäten und lässt mich wissen, dass es in der Türkei, wo 40 Prozent der 65 Millionen Einwohner unter 18 Jahre alt seien, nur gerade 150 Kinderpsychiater gebe.

Wir machen Konversation. Ihr Englisch ist flüssig. Wieso sie Stunden nehme? Es gehe ihr darum, sich sicherer zu fühlen im sozialen Umgang mit ihren "hyper-active colleagues from Michigan". Sie ist clever, witzig und sagt so aufschlussreiche Sätze wie diese: "Turkish people do not like long sentences. They use two or three words one of which is a swear word and the other is a slang word. This is especially true for men, women usually copy the TV-presenters."

Wir reden über die Medien. Die Fernsehnachrichten in der Türkei handelten davon, welches Starlet welchem Star im Supermarkt in die Augen geblickt habe, führt Nahit aus. Wie sie sich denn informiere? Bei den Taxifahrern. Genau wie die Journalisten, sage ich.

Mit Nellie, einer meiner Wohngenossinnen, mache ich Ausflüge.
Die Fähren, von denen man die tollsten Ausblicke auf die eindrückliche, aus verschiedenen Epochen stammende, oft direkt am Wasser gelegene Istanbuler Architektur hat, haben es uns besonders angetan. Gigantisch, der Personen- und Warenverkehr, der sich hier auf dem Wasser abspielt.

Einmal, im Zug nach Sapance, das etwa zwei Stunden Fahrt von Erenköy entfernt an einem See liegt, fallen unsere Blicke auf zwei Männer, die, während sie sich unterhalten, heftig mit den Händen gestikulieren und es für das Normalste auf der Welt zu halten scheinen, von Zeit zu Zeit die Hand auf dem Oberschenkel des Partners liegen zu lassen. Ob das unter Schweizern auch vorkomme?, fragt Nellie. Eher nicht. Und in Australien? Wenn das einer machen würde, würde ihm der andere eine scheuern.

Wie wir wohl auf die Türken wirken? Gehen wir in ein Lokal, so geht Nellie sofort zum Fenster und reißt dieses auf. Ob es nun draußen kalt ist, ob es andere Leute im Lokal hat, spielt dabei keine Rolle. Eindeutig zwanghaft, sage ich. Wegen dem Rauch, antwortet sie.

Geht das in Ordnung, wenn wir in einer Viertelstunde kurz das Klassenzimmer verlassen, damit wir essen können?, fragen mich ein paar Studenten des Abendkurses. Ich gucke wohl einigermaßen verblüfft und so beeilen sie sich zu erklären, sie würden seit Sonnenaufgang fasten und erst bei Sonnenuntergang wieder essen und trinken. Wir gehen alle in die Küche, wo wir, die ganze Klasse, nicht nur die Fastenden, essen und trinken – ich werde jedes Mal ganz selbstverständlich mit eingeladen.

Das ist meine erste Begegnung mit Ramadan, die zweite ereignet sich am folgenden Tag, als ich abends gegen fünf eine sehr, sehr lange Menschenschlange vor meinem Brotladen warten sehe – in dieser Zeit wird ein spezielles Fladenbrot gebacken, dass offenbar alle haben wollen. Und was fällt während des Ramadan sonst noch auf? Einige Kolleginnen reden davon, dass die Studenten nicht bei der Sache seien, wohl ständig ans Essen dächten. Mir selber scheint, es habe in dieser Zeit mehr Bettler (bis auf einen Mann habe ich nur Frauen gesehen) auf den Straßen. Dass überhaupt Bettler zu sehen sind, verwundert mich; in einer Kultur, in der die Gemeinschaft und nicht die individuelle Verantwortung betont wird, hatte ich mir vorgestellt, es gäbe das nicht.

Woran würde ich, wenn ich nicht wüsste, dass ich mich in Istanbul in einer muslimischen Kultur aufhalte, dies merken? Vielleicht daran, dass es viele Moscheen gibt? Oder daran, dass ich in den Kaffeehäusern, an denen ich spätabends vorbeikomme, ausschließlich Männer beim Kartenspiel sehe? Oder vielleicht daran, dass die Menschen, die ich um Auskunft frage, alle ausgesprochen zuvorkommend und hilfsbereit sind?

Keiner meiner Studenten trägt Schnauz, keine der Studentinnen Kopftuch, doch fast alle rauchen. Ich bin in einer Weltstadt und die Leute wirken auf mich so unterschiedlich wie Leute in einer Weltstadt eben sind. Obgleich: im Vorortszug, den ich oft nehme, kommt es mir manchmal vor, als ob jeder einzelne Mann einen Schnurrbart und jede einzelne Frau ein Kopftuch trüge.

Was auffällt: An fast jeder Ecke findet man einen Frisiersalon (haben die Türken vielleicht einen stärkeren Haarwuchs als andere?) oder eine Apotheke (ein Arztbesuch koste mehr als der Gang zum Apotheker, der oftmals genau so gut helfen könne, wird mir gesagt), sehr oft sieht man auch Kleinlaster, die Früchte zum Verkauf anbieten. Erstaunt bin ich auch über die vielen, offenbar herrenlosen, Katzen und Hunde, letztere häufig im Rudel, auf den Straßen, nicht zuletzt, weil sie alle gut genährt scheinen. Ich erwähne dies in einer meiner Klassen und ernte Erstaunen, dass mich das erstaunt. Dass man sich der frei herum laufenden Tiere annimmt, finden alle normal. Sie führe immer Hunde- und Katzenfutter im Kofferraum ihres Autos mit, sagt eine junge Frau.

Was auch auffällt: An vielen metallenen Gartenzäunen kann man Plastiktüten mit altem Brot hängen sehen. Das sei für die Zigeuner, sagt Volkan, die würden sie dann einsammeln. Und in der Tat kann man da, wo ich wohne, ab und zu einen von einem Pony gezogenen Wagen sehen, dessen Mitfahrer diese Tüten mitnehmen.

Volkan habe ich im Internet-Café kennen gelernt. Der Betreiber des Cafes, den ich gerade was gefragt hatte, verstand kein Englisch. Ob ich Deutsch verstehe?, bot Volkan seine Hilfe an. Er ist in Köln geboren, kam mit elf Jahren nach Istanbul zurück und war seither keiner deutschen Sprachumgebung mehr ausgesetzt, weshalb er jetzt Wörter wie 'kommunikieren' und 'finanzlich' benutzt. Anfang dreißig ist er, 1994 hat er sich an der Istanbuler Universität für Geophysik eingeschrieben (wofür er 32 Passfotos einreichen musste), das Studium zuerst wegen Jobs und dann wegen dem Militär längere Zeit unterbrochen, ist jetzt wieder immatrikuliert und hofft, demnächst seinen Abschluss zu machen. Er lebt bei seinen Eltern, lädt mich zu sich nach Hause ein. Ab und zu gehen wir miteinander spazieren. Er liebt es, in die verschiedensten Geschäfte auf einen Schwatz reinzugehen. Ob das typisch türkisch sei? Auf jeden Fall, lacht er.

Ob er eine Freundin habe? Nein, leider, das sei in der Türkei anders als im Westen, hier seien die jungen Frauen darauf aus, zu heiraten. Sicher, Beziehungen wie im Westen gebe es auch, doch eigentlich nur bei den Besserverdienenden.

Beim Fußballspiel Schweiz/Türkei ist es zu Ausschreitungen gekommen. Spiegel online führt auf, was die schweizerischen und die türkischen Zeitungen darüber berichten. Die Schweizer Zeitungen schreiben, die Schweizer seien im Recht, die türkischen behaupten dasselbe von den Türken. Was ich davon halte? werde ich gefragt. Ich wisse nur, wie sich die jeweilige Landespresse äußere, antworte ich, zudem hätte ich kein Interesse an der Geschichte und wolle mich auch nicht nationalistisch vereinnahmen lassen. Der Fragesteller scheint ob meiner Antwort enttäuscht. Und hakt nach: wer denn jetzt Recht habe? Ich wiederhole, was ich bereits gesagt habe.

Von einer Schweizer Deutschlehrerin höre ich, dass sie und ihr türkischer Freund (beide interessieren sich nicht für Fußball), sich dieses Spiels wegen heftigst gestritten hätten.

Ekrem, von Haus aus Ingenieur, wird in Kürze eine Stelle als Manager eines Sportklubs antreten. Er habe früher zum Nationalteam gehört, sagt er. In welcher Disziplin? Eigentlich habe er alles geworfen, was man werfen könne, doch Spitze sei er vor allem im Kugelstoßen gewesen..

Ekrem ist ein stämmiger Mann, Typ gutmütiger Bär, so um die einsfünfundachtzig. Ob er seine Geschäftspartner, wie es die türkische Sitte gebiete, immer zum Essen einlade? "Not always", lacht er, "between usually and sometimes".

Eines Morgens, als meine Zeit in Istanbul sich dem Ende zuneigt, bemerkt er das Berlitz-Plakat an der Wand. Es ist ein altes, eingerahmtes Bild, das Städte aufführt, in denen Berlitz offenbar einmal Schulen betrieben hat. Erwähnt ist auch Konstantinopel, und als Ekrem das sieht, sagt er seltsam aggressiv, das gehe nicht, das sei gegen das Gesetz, die Bezeichnung Konstantinopel sei nicht erlaubt, er werde mit der Direktion sprechen. Ich bin ganz verblüfft, meint er das ernst? Ich frage nach: Ja, das tut er.

Es ist dies nicht das erste Mal, dass ich stutzig werde, mich frage, ob die Istanbuler nicht eben doch mehr mit der Türkei, und damit dem nationalen Stolz, zu tun haben, als ihnen vielleicht bewusst (und möglicherweise lieb) ist.

Ganz schnell scheint man hier beleidigt, ganz heftig folgt darauf die Reaktion. Und zwar von Leuten (nein, nein, nicht von allen), mit denen man sich doch gerade noch scheinbar ganz unkompliziert über Gott und die Welt hat unterhalten können und die einem die ganze Zeit über derart 'normal' vorkamen, dass man sich schon gefragt hat, ob die denn eigentlich gar nichts Türkisches (auch wenn man nicht hätte sagen können, was das denn nun genau sei) an sich hätten.

"Weißt Du", sagt mir Ende November, kurz vor meiner Abreise, Andres, ein mit einer Türkin verheirateter kubanischer Musiker, mit dem ich mich ab und zu im Internet-Café treffe und mit dem mich unter anderem verbindet, dass ich sein kubanisches Spanisch verstehe, "weißt Du, die Türken, die sind nicht wie wir."
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Erstveröffentlichung unter dem Titel "Als Gastarbeiter in Istanbul" in "Die Gazette", München, März 2006.

Was wir von anderen Kulturen nicht lernen sollten

"Wie wir von anderen Kulturen lernen können“, verspricht der Untertitel des in der Edition Trickster im Peter Hammer Verlag erschienenen Bandes Fast nichts Menschliches ist mir fremd. Da mich diese Frage seit vielen Jahren umtreibt, ohne dass ich bislang jedoch, es sei geklagt, darauf endlich die (inständig erhoffte) definitive Antwort gefunden hätte, nahm ich das Buch einigermaßen gespannt zur Hand. Leider fand ich die endgültige(n) Antwort(en) auch diesmal nicht. Von HANS DURRER

Eigentlich hätte mich ja bereits der Titel (Fast nichts Menschliches ist mir fremd) stutzig machen müssen, denn mir ist nämlich ziemlich viel Menschliches recht fremd. Zum Beispiel, was auf der Seite 91 geschildert wird:

"Ich erinnere mich noch lebhaft an den Abend bei den Tiv in Nigeria, als mein Tiv-Assistent (der Tiv schreiben, aber fast kein Englisch konnte) mir verkündete, er sei zurück vom Fluss, wohin er zum Baden gegangen war. Beiläufig erwähnte er, dass ein Mann ertrunken sei, während er dort war. Der Mann war ein Fremder, sagte er, der nicht wusste, dass das Flussbett etwa drei Meter vom Ufer plötzlich abfiel. Er trat über die Abbruchkante, konnte nicht schwimmen und ertrank. „Hat jemand versucht ihn zu retten?“ Er sagte, nein. Ich wusste aber, dass er ein kräftiger Schwimmer war – „Hast du nicht versucht, ihn zu retten?“ Seine Antwort: „Er gehörte nicht zu den Meinen.“

Ich brauche keinen Ethnographen, um mir klar zu machen, dass das Menschenbild der Tiv und meines (ich finde es selbstverständlich, dass ein guter Schwimmer in einer solchen Situation zu Hilfe eilt) nicht nur weit auseinander liegen, sondern unvereinbar sind. Ja, mich interessiert nicht einmal, was es mit dem Tiv-Menschenbild auf sich hat – ich gucke mir das Resultat an (das Verhalten und seine Auswirkung also), und das reicht mir. Ethnographen (jedenfalls Paul Bohannan und Dirk van der Elst, die Autoren des Buches) sehen das offenbar anders:

"An diesem Abend erfuhr ich einiges über meine eigenen innersten Wertbegriffe: dass meine Vorstellung von den „Meinen“ sich von seiner Vorstellung deutlich unterschied. Dass ich mindestens ein halbes Dutzend Zusammenhänge anführen könnte, wer denn nun „meine“ Leute wären und welche Verpflichtungen ich ihnen gegenüber hätte und dass diese sich von Kontext zu Kontext änderten. Er hatte davon eine ganz – nun ja, andere Auffassung. Ohne es zu wollen, empfand ich für ihn und sein ganzes Volk Verachtung. Es dauerte ein bis zwei Tage, bis ich mich an unser Verschiedensein gewöhnt hatte. Ich fragte mich, wo ihre allgemeine Menschlichkeit blieb, musste mich aber, vielleicht einen Tag später, auch selber fragen, wo ich denn meine Idee her hatte, ich sei für die Menschheit verantwortlich.
Manche geben auf und fahren nach Hause, wenn ihnen dergleichen widerfährt. Andere machen auf „Eingeborene“. Und wieder Andere gewinnen die schmerzliche Erkenntnis, dass sie ihrerseits Werten anhängen, die Außenstehenden bizarr vorkommen.
Den Schlüssel für die Überwindung des Kulturschocks findet man in der eigenen Reaktion. Sobald man sich eingestehen kann, dass man irrational und sinnlos emotional reagiert hat, hat man eine Chance, mit der Sache gedanklich klar zu kommen. Man kann sich jetzt fragen, wie diese neuen Daten sich mit all dem anderen Wissen, das man hat, vereinbaren lassen. Aber man muss ein neues Gleichgewicht finden – was nicht immer leicht ist. Aber es lohnt sich unbedingt."

Ich war mir zuerst nicht sicher, ob ich da richtig gelesen hatte. Und las deshalb noch mal, ganz langsam, doch der Satz verlor (im obigen Kontext wohlverstanden) nichts von seiner Absurdität: „Sobald man sich eingestehen kann, dass man irrational und sinnlos emotional reagiert hat, hat man eine Chance, mit der Sache gedanklich klar zu kommen.“ War der heftige Widerwille, dass man einem Ertrinkenden nicht zu Hilfe eilt, so man denn dazu fähig ist, etwa „irrational und sinnlos emotional“? Natürlich nicht. Zudem: auch wenn er es wäre (es sei betont: er ist es nicht), mit einer Sache gedanklich klar zu kommen, ist nur für Leute eine Lösung, die das Leben vornehmlich geisteswissenschaftlich-akademisch angehen.

Ständig die Werte der eigenen Kultur zu hinterfragen, ist genau so ethnozentrisch wie zu glauben, nur die eigene Kultur sei von Wert. Nichtsdestotrotz: nicht alle Kulturen sind von gleichem Wert. Für mich zum Beispiel sind Kulturen, in denen Frauen weder Auto fahren noch ohne Begleitung eines männlichen Verwandten aus dem Hause dürfen, klar von minderem Wert als Kulturen, wo solches selbstverständlich ist.

Die entscheidende Frage, so Bohannan und van der Elst, sei: Was sind das für Ideen, die einen davon abhalten, Andere zu verstehen? Welche eigenen Ideen hindern beispielsweise Nordamerikaner daran, klar zu hören, was die Chinesen sagen. Ein Grund, warum es zwischen beiden Völkern zu so häufigen Missverständnissen kommt, ist vielleicht in ihrer zutiefst unterschiedlichen Haltung gegenüber Autorität und Macht zu suchen.

Dieser Ansatz leuchtet ein und ist sinnvoll. Wenn es denn wirklich an der Verständigung hapert. Doch nicht alles, was in einer Kommunikation schief läuft, will repariert werden. Manchmal ist es nämlich so, dass Konflikte geradezu gesucht werden. Und das ist nicht immer verwerflich. So konnte man in Spiegel online vom 18. November 2007 etwa lesen:

"Präsident Hugo Chávez ist erneut aus der Rolle gefallen: Auf dem Opec-Gipfel in Saudi-Arabien bekreuzigte sich der Venezolaner vor Gastgeber König Abdullah und nahm in seiner Rede gleich mehrfach auf Christus Bezug – das ist nach den Gesetzen des islamischen Landes streng verboten."

„Asking and listening“ heißt Bohannans und van der Elsts Buchtitel im Original. Kein besonders origineller, doch grundsätzlich vernünftiger Ansatz, den ich teile. Meine Sympathie gehört jedoch Chávez’ provokanten Worten in Saudi-Arabien.

P.S.: „Gute Ethnographen erzählen ihren Lesern etwas über sich selbst, ihre Überzeugungen, ihren persönlichen Kulturschock“, schreiben Bohannan und van der Elst. Man kann da nur zustimmen und anfügen: und möglichst mit ein bisschen Humor. Besonders schön illustriert hat das – obwohl kein Ethnograph – der Schweizer Schriftsteller Markus Werner in Der ägyptische Heinrich, wo er einen Aufenthalt in Kairo schildert: „Nachdem ich mich im nahen Swissair-Restaurant, bedrängt von sechs Kuhglocken, ein wenig gestärkt hatte, ging ich zurück zum Hotel. Auf den Gehsteigen herrschte ein solches Gewimmel, dass Zusammenstöße nur durch ständige Ausweichmanöver vermieden werden konnten, wobei mir auffiel, dass immer ich es war, der ausweichen musste, während die Einheimischen, als wäre ich Luft, nie auswichen und Platz machten – ein Verhalten, das ich als späten Rachereflex auf jene Zeiten deutete, als sich die europäischen Herren, worunter gewiss auch mein Heinrich, den Weg durch die Einheimischen mit Stockhieben bahnten.“
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