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Die Schweizer Sonne

Die Sonne geht auf, sagen wir. Doch tut sie es?
Wie immer, es kommt drauf an.
Von meinem Fenster aus - ich lebe in der Ostschweiz - sehe ich die nahe gelegenen Berggipfel in hellen Sonnenschein getaucht, der sich langsam ausbreitet und sich die Hänge runter bewegt bis er schliesslich den Talboden erreicht.
Da, wo ich bin, geht die Sonne nicht auf, sie kommt runter. Und zwar von rechts oben.
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Henri und die Buchbesprechung

Wie meist übersprang er auch an diesem Morgen die Politik, die Wirtschaft und den Sport; die gängige Prioritätenordnung stellte die Kultur an den Schluss. Auf der ersten Seite fand sich unter dem Titel "Ins Hirn gekrochen, ins Herz gespäht" eine Buchbesprechung mit diesem Vorspann: "Drei Chinesen mit dem Kontrabass: Der in Berlin lebende Schweizer Autor Matthias Zschokke legt mit `Das lose Glück` einen neuen Roman vor."

Henri las selten einmal Schweizer Autoren, interessierte sich auch nur mässig, was über sie gesagt wurde. Ein Bild von Herrn Zschokke war dem Artikel beigefügt. Ein schlanker, attraktiver Mann, der offenbar Wert auf sein Äusseres legte. Weisse, weite Bundfaltenhosen, schön gearbeiteter, einfacher, brauner Gürtel, weisses Hemd mit Polokragen.
Im Ammann Verlag sei der Roman erschienen, stand am Ende des Artikels vermerkt. Henri mochte das Programm dieses Verlages, vor allem aus ästhetischen Gründen. Und manchmal fanden sich unter den schön gestalteten Büchern auch Lese-Perlen.

Der Rezensent besprach Zschokkes Buch in der Art und Weise wie Henri sich vorstellte, dass Bücher besprochen werden müssten: er las, dass der Rezensent Oscar Wilde gelesen und sich Gedanken über Zahnärzte und Postmoderne gemacht hatte. Zschokkes Werk, so war weiter zu erfahren, sei nach "einem altbekannten Muster konstruiert. Das Muster heisst: Drei Chinesen mit dem Kontrabass sitzen auf der Strasse und erzählen sich was."

Henri war ein solches Muster nicht geläufig und auch etwas verwirrt, denn in Zschokkes Buch kamen gar keine Chinesen vor. Auch der Kontrabass fehlte und anstelle der Strasse gab es einen See.

Der Rezensent hatte nicht nur das Buch gelesen, er hatte sich auch über den Autor kundig gemacht. Dabei war ihm aufgefallen, dass "viel Gewese", sowohl von Kritikern als auch vom Autor selbst, darum gemacht worden sei, dass Herr Zschokke seit 1980 in Berlin wohnt. Das missfiel dem Rezensenten. Und um die Dinge ins rechte Licht zu rücken, liess er die Leser wissen, dass der Herr Zschokke in Bern geboren und in Ins aufgewachsen sei. Wahrlich genug Grund, so möchte man meinen, dass der Mann Wert darauf legt, in Berlin ansässig zu sein.

Der Rezensent mochte diesen Matthias Zschokke nicht. Und deshalb mochte er auch das Buch nicht. Anders war nicht zu erklären, dass er am Schluss seiner Besprechung eine ganz wunderbare, in sich abgeschlossene, Stelle zitierte, `Zerrupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, pickend über einen Hof schreiten, vogelfrei, im losen Glück.`, und dann forderte: "Von diesen Hühnern hätte man gern mehr erfahren."

So recht eigentlich sollte man nur Bücher von Autoren besprechen, gegen die man nichts hat, dachte Henri. Oder noch besser: die man mag.
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Von der Hoffnung, meiner Feindin

Ich habe nur einen Feind: die Hoffnung.
Ständig sagt sie mir, alles werde nicht nur gut, sondern noch besser werden; immerzu treibt sie mich an, nie lässt sie mich sein, wo und wie ich bin.

Was wäre der Mensch ohne Hoffnung? habe ich einmal gelesen. Nicht nur Hemingway hat sich dies gefragt, doch ihm, als Alkoholiker (wenn, was wir über ihn gelesen, der Wahrheit entspricht), war die Hoffnung wohl überlebensnotwendiger als anderen, die vielleicht etwas weniger leiden und deshalb dieser tröstenden Vorstellung, dass alles, in der Zukunft, der fernen, eigentlich immer nur besser werden kann, nicht so stark bedürfen.

Wer in der Gegenwart lebt, bedarf der Hoffnung nicht. Vorausgesetzt natürlich, er (oder sie – die künftig immer mit gemeint werden soll) lebt gerne in dieser Gegenwart. Ein solcher muss nicht vertröstet werden, ein solcher schätzt, was er hat.

***

Der Mensch ist grundsätzlich unzufrieden angelegt, und deswegen ein sehnsüchtiges Wesen. Um mit Wilhelm Busch zu reden: was er hat, das will er nicht, und was er will, das hat er nicht. Und deshalb braucht er die Hoffnung, dass er eines (meist fernen) Tages (vielleicht aber auch erst im Himmel), haben wird, was er jetzt schon will (und dann möglicherweise nicht mehr haben möchte – doch das wäre eine andere Geschichte).

Ständig also hofft der Mensch auf bessere Zeiten. Diesen Vorgang bezeichnet man auch als warten. Dem Spanisch sprechenden Latino ist das eh dasselbe, für ihn bedeuten sowohl hoffen als auch warten esperar, was uns zum Schluss zwingt, dass wenn der Latino hofft, er zur gleichen Zeit auch wartet, und wenn er wartet, er ganz offenbar sogleich hofft. So richtig unmittelbar eingeleuchtet hat mir das, als ich letzthin auf den Bus wartete und dabei hoffte, dass er auch käme.

Für die Latinos ist also der Fall gelöst: sie haben absolut Null-Chance, jemals in der Gegenwart leben zu können. Und scheinen auch gar kein Problem damit zu haben, man denke nur an ihr andauerndes mañana. Oder meint das vielleicht das Gegenteil? Dass also das Heute das Wichtige und alles andere bis morgen warten könne?

Wir andern aber, die wir so gewiss sind, dass wir im Hier und Jetzt leben sollten (möglichst entspannt natürlich), wir haben ein Problem damit, dass wir, so sehr wir es auch wollen, es einfach nicht können.

Wo ein Wille, da kein Weg, sagt uns dazu der Psychologe von heute, und wir glauben zu ahnen, dass da was dran sein könnte, nur haben wir nicht den leisesten Schimmer, wie wir das jetzt praktisch umsetzen sollten. Im Gegensatz zum Psychologen – der fordert für solche Weisheiten Honorar.

Wir trotten also weiterhin ratlos durch die Gegend, wobei wir von Zeit zu Zeit auf Leute treffen, die behaupten, im Grunde sei alles ganz einfach, man müsse nur in der Gegenwart leben. Es sind dies in der Regel Menschen, die den Anblick in Blüte stehender Blumen unweigerlich mit Begeisterungsschreien kommentieren. Ich gestehe, mir ist ein solches Naturell nicht gegeben, und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob ich wünschte, mir wäre ein solches mitgegeben worden. Und wenn ich schon beim Gestehen bin: mir ist von den mir bekannten drei Zeitzonen – der Vergangenheit, der Gegenwart, der Zukunft – die Gegenwart am wenigsten lieb. Nicht dass ich das gut finde, doch es ist so.

In einer Kultur gross geworden, die dem Sollen, dem Müssen, eine Prominenz zuweist, die einen in Null-Komma-Nix die Flucht in den Buddhismus antreten lässt, reagiere ich auf Aufforderungen, die mit „Du musst nur“ anfangen, automatisch mit Verweigerung und fühle mich dann fast augenblicklich auf eine mir nicht so recht erklärliche Art schuldig.
Doch so eine Sollens-Kultur bringt es eben auch mit sich, dass man immer weiss, dass die Dinge nicht so sind, wie sie sein sollten. Und darauf hofft, wenn man denn das Seinige zu tun bereit ist, dass die Dinge eines Tages so sein könnten, wie sie eigentlich sein sollten.

Sisyphus scheint davon nicht sonderlich überzeugt gewesen zu sein. Der konzentrierte sich darauf, den Stein den Hügel hinauf zu rollen. Und tat das und nur das und sonst gar nichts. Camus soll gesagt haben, man müsse sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Obwohl mir der Gedanke sympathisch ist, habe ich mir bisher Fliessbandarbeiter nicht als fröhliche Menschen vorgestellt, aber ich bin ja auch kein anerkannter Philosoph.

Lasst alle Hoffnung fahren! hatte ich ja eigentlich immer als Drohung interpretiert. Wenn dem nun aber gar nicht so wäre, wenn das in Wirklichkeit eine Aufforderung wäre, sich der Realität, also dem, was ist, zu stellen? Und einfach zu tun, was zu tun ist, und sich darüber keine weiteren Gedanken zu machen?

Ich weiss nicht so recht. Es klingt mir doch ein bisserl arg nach „glücklich, wer nicht denkt“, und dazu mag ich mich eigentlich nicht äussern, schon deshalb nicht, weil es, das weiss jeder, eindeutig was für sich hat, doch eben genauso eindeutig ziemlicher Humbug ist. Schliesslich ist einer, der denkt, deswegen nicht schon gleich unglücklich.

Und überhaupt, so sagt man, zeichne das Denken den Menschen doch aus.

***

Es gehe darum, den Wald voller Affen im Kopf zur Ruhe zu bringen, sagt der buddhistische Mönch im Hauptsitz des "World Fellowship of Buddhists" in Bangkok. Wir sollten den Atem beobachten, ihm einfach folgen, konstatieren, was passiere. Wenn Gedanken uns ablenkten, sie weder verscheuchen, noch ihnen nachgeben, sondern sich sagen, aha, ein Gedanke, und dann wieder zum Atem zurückkehren.
Ein Mann (der sei früher Professor in Berkeley gewesen, raunt mir mein Nachbar zu) meldet sich: er habe das schon oft geübt, doch nach zwei, drei Minuten sei er regelmässig weg von seinem Atem und voll in Gedanken.
Der Mönch lacht. Das sei normal. Er solle einfach weiter üben.

Mir geht es so wie diesem Mann: ganz schnell bin ich wieder bei meinen Gedanken (und sie bei mir). Das ist vertrautes Territorium. Und überhaupt finde ich meinen Atem zu beobachten ganz und gar nicht attraktiv.

Wir üben jetzt eine halbe Stunde lang Meditation im Gehen, sagt der Mönch. Stehen Sie gerade, fassen Sie den Punkt am Ende der Halle, wo Sie hinwollen, ins Auge. Und jetzt konzentrieren Sie sich auf Ihre Füsse: wie sie auf den Boden treffen, abrollen, sich heben.
Diesmal geht’s, diesmal spüre ich das Heben, Senken, Auftreffen, Abrollen der Füsse, die Vorwärtsbewegung des Körpers, und ohne dass mich Gedanken sofort wieder wegholen. Diesmal brauche ich nicht zu hoffen, diesmal bin ich ganz einfach – und tue, was ich tue.
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Wie (s)ich mein Leben wieder einmal nicht änderte

Mein Leben zu ändern, radikal, definitiv, das wollte ich immer schon. Und obwohl ich die Male, die ich’s versucht hab und gescheitert bin, nicht mehr zählen mag, gebe ich nach wie vor nicht auf, nehme mir immer wieder vor, dass ich ab dann und dann (meist an einem Montag, nie an einem Freitag), alles ganz anders, viel besser und nur noch toll und gut machen werde.

Eines Tages las ich in einem Ratgeber, dass man den Tag, an dem man sein Leben ändern wolle, zu einem speziellen Tag machen müsse. Man solle sich, stand da, immer wieder und immer wieder sagen: heute ist mein Entscheidungstag. Nun ja, dachte ich, schaden kann’s auf jeden Fall nicht und so sagte ich: Heute ist mein Entscheidungstag.

Ich machte mir einen zweiten Kaffee. Und sagte von neuem: heute ist mein Entscheidungstag.
Nichts passierte, weder äusserlich noch innerlich. Ich wusste aus Erfahrung, dass meine Motivation, diesen Tag zum absoluten Wendepunkt in meinem Leben zu machen, von Stund zu Stund abnehmen würde. Ich musste mich also konzentrieren, doch worauf nur?

Einmal hatte mir ein Bekannter gesagt, das Heil liege im Tun. Sofort hatte ich an Workaholics gedacht. Jetzt sage ich mir: sieh doch nicht immer alles so negativ, versuch es halt mal. Okay. Tun also. Aber was?
Warum mir bei Tun immer körperliche Betätigung (und nicht etwa Schreibtischarbeit) in den Sinn kommt, weiss ich nicht genau. Ich vermute, es ist wegen dem Fernsehen. Wird nämlich dort ein Beamter gefilmt, sieht man ihn nie einfach nur die Akten lesen. Immer geht er einen Gang entlang, immer nimmt er etwas aus dem Regal oder blättert in einem Buch. Letzthin habe ich sogar einen gesehen, der die Treppe im Bundeshaus zu Bern, nein, nicht hinauf, hinunter und nach draussen rannte.
Wie wär’s mit Joggen? Bei dem Wetter sicher nicht. Meditieren? Vielleicht etwas zu passiv um als Tun durchzugehen, doch mit irgendwas muss ich schliesslich anfangen. Obwohl, also meditieren, das dauernde Stillsitzen, das liegt mir schon ganz und gar nicht, das ist irgendwie so ziemlich gegen meine Natur.

Jetzt reiss dich zusammen, sagte ich mir, heute ist doch dein Entscheidungstag.
Ich setzte mich hin und konzentrierte mich auf meinen Atem. Ein. Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Und Ein. Und Aus. Nur den Atem beobachten. So aufmerksam wie möglich. Nichts verändern wollen. Beobachten. Da sein. Wach sein.
Ich fühlte mich eher schläfrig als wach. Schon nach wenigen Minuten drifteten meine Gedanken zu den wichtigen Dingen des Lebens. Sagte doch der letzthin der Schweizer Bundespräsident im Fernsehen, er fahre gerne Tram, weil da niemand Aufhebens um ihn mache. Wusste gar nicht, dass man in die Politik geht, weil man nicht speziell beachtet werden will. Und dann die Calmy-Rey, die Aussenministerin, die müsse jetzt einen Neutralitätsbericht schreiben, hab ich gelesen. Da drauf wartet der Rest der Welt sicher schon ganz atemlos. Na ja, vielleicht doch nicht, aber ihr Kollege Schmid, der wartet garantiert darauf, weil der sich ja so genervt hat, dass die Calmy-Rey die israelischen Angriffe auf den Libanon „unverhältnismässig“ genannt hat und das geht natürlich schlecht mit unserer Neutralität (von der die Calmy-Rey wiederum gesagt hat, es gebe einige, die darunter verstünden, in den vier Landessprachen nichts zu sagen) zusammen, weil so, wie es heisst, die militärische Zusammenarbeit mit Israel verunmöglicht werde. Neutralität ist also, was den Schweizern, die daran verdienen, nützt. Irgendwie hätte man das ja gerne etwas genauer gewusst: was für Geschäfte macht die neutrale Schweiz eigentlich mit der israelischen Armee?
Beim Atem bleiben. Ein. Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Und Ein. Und Aus. Ich versuchte aus halbgeöffneten Augen auf den Wecker zu gucken. Wo stand er bloss? Ich liess meine Blicke durchs Zimmer schweifen. Erfolglos. Nun ja, die zwanzig Minuten, die ich mir zum Ziel gesetzt hatte, waren bestimmt noch nicht um. Also weiter. Ein Aus. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Dableiben. Es gibt nichts Wichtigeres als da zu sein. Das habe ich mal bei einer Gruppenmeditation gehört. Leuchtet mir ein. Ein. Aus. Und Ein. Und Aus. Gott, ist das langweilig. Am liebsten hätte ich jetzt ein Vanille-Glacé Ein. Und Aus.

So fertig. Achtzehn Minuten waren’s. Ganz okay für den Anfang.

Ich sitze wieder am PC. Und sage mir: heute ist mein Entscheidungstag. Und füge hinzu: immer noch. Doch es passiert auch weiterhin nix. Alles ist wie immer. Ich sitz am PC und tue, was ich immer tu: ich schreib. Doch weil heute mein Entscheidungstag ist, red ich mir ein, es sei nicht so wie immer, es sei ein ganz klein wenig anders, weil nämlich mein Bewusstsein doch ein klein wenig wacher ist als auch schon. Und genau das scheint das Problem: dass ich erwarte, es müsste anders sein, weil ich mir doch Mühe gebe.

Wenn Erwartungen töten könnten, wäre ich schon lange tot.
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Von der Schwierigkeit, nützlich sein zu wollen

Im Oktober 2003 brachte ein Selbstmordattentäter einen mit Sprengstoff beladenen Krankenwagen vor dem Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Bagdad zur Explosion. Zwölf Menschen starben, darunter zwei irakische Rotkreuz-Mitarbeiter. Im Fernsehen sah man das teilweise zerstörte Gebäude, davor einen riesigen Krater und eine aufgelöste, sichtlich unter Schock stehende IKRK-Frau, die sagte, dass nicht zu verstehen, wie jemand das Rote Kreuz, das doch auf der Seite der Opfer und schon seit so vielen Jahren im Land sei, habe angreifen können.
Während da eine Welt zusammenzubrechen schien, sass ich zuhause vor dem Fernseher und hatte – zugegeben, wenig nobel – keine Gefühle des Mitleids; im Gegenteil, ich regte mich auf. Was brachte diese Frau, die ich ganz atemlos und ziemlich schrill in Erinnerung habe, bloss dazu, anzunehmen, das IKRK müsste von solch brutalen Anschlägen verschont – was ja wohl implizierte, dass es sich als Ausnahme empfand – werden? Die Neutralität?, die lauteren Absichten?, die Gewissheit, auf der Seite des ‚Guten’ zu stehen? Und wenn ja, was wäre mit all den andern, die genauso lautere Absichten haben mochten, die auch nur ‚das Gute’ wollen, ja dafür sogar in den Kampf zogen?

Als ‚modeste mais utile’ wird der IKRK-Delegierte in einer Broschüre charakterisiert, die mir, als ich selber einer war (in den Jahren 1993/1994), in die Hände fiel – soviel Wunschdenken erheiterte mich, nicht zuletzt, weil ich, obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Monate dabei, noch keinen (Frauen sind, wie immer, mitgemeint) getroffen hatte, der dieser Beschreibung entsprochen hätte (mich selber eingeschlossen). Als ich dem ‚chef de délégation’, einem Mann, den ich als recht humorvollen Typ kennen gelernt hatte, im Glauben, einen Witz zum Besten zu geben, von dem ‚modeste mais utile’ berichtete, meinte dieser, zu meiner Verblüffung, das sei eine ausgesprochen treffende Beschreibung, genau so sehe auch er den Delegierten.

‚The only politically correct car nowadays’, meinte ein Passant (bildete ich mir den leichten Neid, ja den Respekt, hinter seinem Lachen nur ein?), als ich ‘meinen’ mit dem IKRK-Emblem gekennzeichneten Toyota Corolla auf dem Parkplatz einer gerade sehr populären Diskothek im südafrikanischen Durban abstellte. Es war die Zeit vor den ersten gemischtrassigen Wahlen, es gab viel Gewalt im Land und ich fühlte mich in der Tat recht sicher und geschützt im Rot-Kreuz-Auto. Doch mehr: ich fühlte mich auch ziemlich speziell, das Bewusstsein, eine internationale, wohl-angesehene Organisation zu vertreten, war erhebend. Und auch um Frauen kennen zu lernen, war es hilfreich, wenn man erwähnen konnte, dass man für das Rote Kreuz im Einsatz war – es war eine Aura des ‚Heldenhaften’, die einen umgab. Man lächelte darüber, und genoss es.

Es versteht sich: niemand nimmt das IKRK so wichtig, wie das IKRK sich selber.

*

Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes, wurde in eine wohlhabende Genfer Familie hineingeboren, engagierte sich in jungen Jahren für christliche Ideale (er war aktiv beim Verein Christlicher Junger Männer), absolvierte eine Banklehre und trat im Alter von sechsundzwanzig ins Geschäftsleben ein – als Repräsentant der ‚Compagnie genevoise des Colonies de Sétif’ in Nordafrika und Sizilien. In der Folge erwarb er in Algerien auch ein Stück Land. Da er, um dieses bewirtschaften zu können, Wasserrechte benötigte (und derentwegen mit der Kolonialbehörde im Streit lag), beschloss er, persönlich bei Napoleon III vorzusprechen. Dass der sich gerade auf dem Schlachtfeld befand, schreckte Dunant nicht und so begab er sich nach Norditalien, wo er im Juni des Jahres 1859 eintraf und von den Anhöhen bei Castiglione aus beobachtete, wie sich die Armeen von Napoleon III und dem österreichischen Kaiser Franz Josef in den Rebhängen und Schluchten von Solferino gegenseitig niedermetzelten – nach geschlagener Schlacht, die sechs Tausend Tote forderte, lagen Tausende von Verwundeten beider Armeen Seite an Seite in den Kirchen, auf den Plätzen und in den Gassen Castigliones. Dunant, damals Anfang dreissig, wurde aktiv. Michael Ignatieff beschreibt es in The Warrior’s Honor so: „Sending for medical dressings and other essential supplies, and enlisting village women, he set about tending the wounded, aided by a pair of passing English gentlemen on holiday. … He had never nursed anyone in his life. Dressed in his increasingly bloodstained white linen suit, he wandered among the dead and dying, crammed into the nave of the village church, passing out cigars in the belief that the whiff of a good Havana would allay the stench of putrefying wounds. There was little but water to clean the wounds and some lint for field dressings … It is doubtful Dunant saved a single life that weekend. After only a few days, he gave up and returned to Geneva. But what he had seen was to change his life.”

Dunant brachte seine Erfahrungen zu Papier; 1862 wurde „Un Souvenir de Solferino“ in einer Auflage von 1'600 Exemplaren veröffentlicht. Das dünne Buch ist in drei Teile gegliedert: zuerst wird die Schlacht geschildert, dann das Schlachtfeld nach den Kämpfen, und sodann ein Plan vorgelegt, gemäss dem die Nationen der Welt Hilfsorganisationen neutraler Freiwilliger, welche für die Betreuung im Kriege Verwundeter auf beiden Seiten zu sorgen hätten, gründen sollten. Dunant fand schon bald Gleichgesinnte: fünf angesehene Genfer Bürger – sie bildeten den Kern des nachmaligen IKRK – schlossen sich im Februar 1863 zusammen, um die Idee zu verbreiten. Mit Erfolg: Im August 1864 organisierte die Schweizer Regierung eine Konferenz, an welcher die Vertreter von zwölf Regierungen die Genfer Konvention unterzeichneten, welche Michael Ignatieff so zusammenfasst: „The convention, the first of its kind, agreed to ‚neutralize’ hospitals, ambulances, and medical staff, and it established the principle that enemy soldiers deserved the same medical treatment as troops of one’s own nation. It did not fix any penalties for noncompliance, and it had no mechanism of enforcement, but it set a standard that combatants had to meet if they wished to be thought ‘civilized’, and for Dunant that was enough. Even in Dunant’s time, the idea of ‘civilizing’ warfare seemed a paradoxical – even a perverse – notion.”

Kann man den Krieg zivilisieren? Und wenn man es könnte, sollte man? Ist denn der Krieg nicht ‚ab ovo’ genau das Gegenteil dessen, was wir gemeinhin unter ‚zivil’ verstehen? „Der Krieg“, liest man bei von Clausewitz, „ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen“, denn das Ziel sei „den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ Tolstoi jedenfalls, ein Zeitgenosse Dunants, der selber am Krimkrieg und weiteren Schlachten und Belagerungen teilgenommen hatte, wollte von Regeln im Krieg nichts wissen. So schrieb er in ‚Krieg und Frieden’:
„Mit dem Brand von Smolensk hatte ein Krieg eingesetzt, der mit keiner Tradition früherer Kriege zu vergleichen war. Das Einäschern der Städte und Dörfer, der Rückzug nach gewonnener Schlacht, der Schlacht bei Borodino und dann nochmals der Rückzug, der Brand Moskaus, das Abfangen der Marodeure, die Wegnahme von Transporten, der Freischärlerkrieg – dies alles wäre Abweichungen von der Regel.
Napoleon fühlte dies, und seit der Zeit, da er sich in der regelrechten Pose eines Fechters in Moskau hingestellt und gesehen hatte, dass der Gegner statt des Degens einen Knüppel über seinem Haupt schwang, beklagte er sich ununterbrochen bei Kutusow und Kaiser Alexander darüber, dass der Krieg gegen alle Regeln geführt werde, als ob es für das Hinmorden von Menschen Regeln gäbe. Doch trotz aller Klagen der Franzosen über das Missachten der Kriegsregeln, und obgleich es auch allen Russen höheren Standes aus irgendeinem Grund beschämend schien, mit dem Knüppel dreinzuschlagen, und sie lieber nach allen Regeln der Kunst eine Quart- oder Terzlage eingenommen oder einen kunstvollen Ausfall in der Prime gemacht hätten, erhob sich der Knüppel des Volkskrieges mit all seiner drohenden, majestätischen Kraft, fragte nach niemands Geschmack und nach keinerlei Regeln, sondern erhob sich in dummer Einfalt, aber Zweckmässigkeit, ohne viel zu bedenken schlug zu und verprügelte die Franzosen so lange, bis das ganze Invasionsheer niedergemacht war.
Und Dank sei unserem Volk das nicht wie die Franzosen im Jahre 1813 nach allen Regeln der Kunst salutiert, den Degen umgewendet und ihn anmutig und höflich einem grossmütigen Sieger übergeben hat, sondern im Augenblick der Prüfung, ohne zu fragen, nach welchen Regeln andere Völker in ähnlichen Fällen losgeschlagen haben, mit Einfalt und Harmlosigkeit zum ersten besten Knüppel gegriffen und mit ihm so lang losgedroschen hat, bis sich das Gefühl der Erbitterung und Rache in seiner Seele in Verachtung und Mitleid aufgelöst hatte.“

Nichtsdestotrotz: eine solche Welt will der Mensch nicht, er erträgt sie nicht, weshalb er denn (genauer: einige, meist im Abendland Angesiedelte) auch nach Mitteln und Wegen sinnt, das (unvermeidbar scheinende) gegenseitige Abschlachten, zu ‚zivilisieren’, auch wenn, wie die Friedensnobelpreisträgerin von 1905, Baronin Bertha von Suttner (gemäss dem New Yorker) meinte, „that improving the laws of war was like regulating the temperature while boiling someone in oil.“ – in Ergänzung zur Konvention von 1864 wurden 1949, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die vier Genfer Abkommen unterzeichnet, die auch heute noch in Kraft sind, 1977 kamen dann noch zwei Zusatzprotokolle hinzu. Die Grundlage (und zugleich die Kurzfassung) der gesamten Abkommen bildet dieser Satz (der sich in allen vier Abkommen an gleicher Stelle mit identischem Wortlaut findet): "Personen, die nicht unmittelbar an den Feindseligkeiten teilnehmen, einschließlich der Mitglieder der Streitkräfte, welche die Waffen gestreckt haben, und der Personen, die durch Krankheit, Verwundung, Gefangennahme oder irgendeine andere Ursache außer Kampf gesetzt sind, werden unter allen Umständen mit Menschlichkeit behandelt, ohne jede auf Rasse, Farbe, Religion oder Glauben, Geschlecht, Geburt oder Vermögen oder auf irgendeinem anderen ähnlichen Unterscheidungsmerkmal b
ruhende Benachteiligung" (Art. 3 II GA I-IV).

Hier wird nicht der Kampf ‚humanisiert’, hier wird gesagt: wer nicht kämpfen will oder nicht mehr kämpfen kann, soll geschont werden. Das gilt auch für medizinische Helfer. Es ist dies eine Regelung, welcher die Mehrheit der Staaten der Welt zugestimmt hat, wohl nicht zuletzt, weil der Krieg damit als „a normal anthropological ritual“ (Ignatieff) akzeptiert wird und den Genfer Konventionen nur darum zu tun ist, dass „ warriors conform to certain basic principles of humanity“. Anders gesagt: es handelt sich um Minimalforderungen, die dem Kampf um das Eigentliche (die Macht) nicht im Wege stehen können. Doch auch diese sind (aus menschenrechtlicher Sicht) nicht unproblematisch, implizieren sie doch, unter anderem, dass es schlimmer sei, wenn bei einem Angriff Frauen, Kinder und alte Leute (Zivilisten) zu Tode kommen, als wenn Soldaten getötet werden.

“Yet the Geneva Conventions”, schreibt Hendrik Hertzberg im New Yorker, ”have been surprisingly successful, given that the activity they regulate is in many ways inherently lawless. The reason is not just that gentlemen prefer to slaughter each other in the most ethical way possible. To the extent that the Conventions have been observed, they have been observed mainly because it was in the interest, mutual or individual, of warring entities to observe them. If you took their soldiers prisoner, they might take yours; and if you tortured theirs they might torture yours. If you made a habit of torturing and killing enemy prisoners, then enemy soldiers and enemy units would be reluctant to surrender. As long as the other side was still strong enough to fight, mistreatment of prisoners was, in theory, deterrable; once the other side was too weak to carry on, it was pointless.”

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‚It is a fictional CIA and its only real existence is in my mind, but I would point out that the same is true for men and women who have spent forty years working within the Agency. They have only their part of the CIA to know, even as each of us has our own America and not two Americas will prove identical.
Norman Mailer: Harlot’s Ghost

Raus aus der Schweiz und international tätig sein, einer nützlichen Arbeit nachgehen, mit einem Schweizer Gehalt und ohne auf die Schweizer Sozialversicherungsleistungen verzichten zu müssen, dies schwebte mir vor, als ich mich beim IKRK bewarb. Sogar das Gebot der Neutralität, das mir die meisten Jahre meines Lebens für nichts anderes als feiges Abseitsstehen und schamloses Profitieren gestanden, schreckte mich nicht mehr. Im Gegenteil, ich fand das Konzept mittlerweile gar intellektuell attraktiv – wer konnte letztlich schon sagen, was richtig, und was falsch, und überhaupt: war es nicht ausgesprochen nobel, nicht zwischen schuldig und unschuldig zu unterscheiden, sondern einfach zu helfen?

Die Praxis, wie immer, ist um einiges verzwickter (doch das war mir damals noch nicht wirklich klar) wie, zum Beispiel, die internationalen Helfer in Ruanda erfahren mussten, als sie sich in den riesigen Camps der gerade noch Täter gewesenen Hutus annahmen. „ ... what made the camps almost unbearable to visit was the spectacle of hundreds of international humanitarians being openly exploited as caterers to what was probably the single largest society of fugitive criminals against humanity ever assembled“ (Philip Gourevitch: We wish to inform you that tomorrow we will be killed with our families).

In einem dreiwöchigen, intensiven Einführungskurs in der Nähe von Genf wurden wir Neu-Rekrutierten auf unseren Einsatz vorbereitet. Die Frage, die einzige, die uns alle in diesen Wochen fast ständig beschäftigte, war: Wo werden die mich bloss hinschicken? Jugoslawien war zu dieser Zeit ganz besonders aktuell und absolut keiner wollte dahin. Bis auf einen. Zumindest sagte der, dass er nichts dagegen hätte. Ich selber hoffte auf Asien, wo ich mich einige Jahre aufgehalten und wohlgefühlt hatte, und glaubte, meine Chancen stünden schon deswegen besonders gut, weil ich doch mit den dortigen Mentalitäten eigentlich recht gut vertraut war. Doch wer so denkt und träumt, kennt das IKRK nicht, denn der ideale Delegierte ist keineswegs der Spezialist, sondern der jederzeit und überall einsetzbare ‚Muster-Soldat’, der, will er eine humanitäre Karriere machen, gut beraten ist, wenn er seine Energien darauf konzentriert, am Hauptsitz in Genf eine gute Figur zu machen.

Das IKRK ist eine international tätige Organisation, deren leitendes Gremium ausschliesslich aus (gut situierten) Schweizern (der jetzige Präsident, wie auch sein Vorgänger, waren hohe Bundesbeamte gewesen), die mittels Kooptation gewählt werden, zusammengesetzt ist – das garantiert Konstanz und sorgt dafür, dass man unter sich bleibt.
Wie jede andere Organisation auch ist auch das IKRK zuallererst zum eigenen Wohle (zum eigenen Ruhm und dem ihrer Mitarbeiter) da; dass die offiziellen Verlautbarungen davon sprechen, dass man sich vor allem für die Opfer von gewalttätigen Auseinandersetzungen einsetze, ist deswegen nicht unwahr, doch Absichtserklärungen und Realität decken sich nun einmal nicht immer – das weiss jeder. Wer hätte zum Beispiel erraten, dass sich hinter „What We Stand For: Our Core Beliefs and Values. Objectivity is the substance of intelligence, a deep commitment to the customer in its forms and timing” die CIA verbirgt?

Mit meinen damals 39 Jahren gehörte ich zu den Delegierten, die man, das war die zu der Zeit herrschende Politik, schnell mit den verschiedensten Aspekten der Rot-Kreuz-Arbeit vertraut machen wollte, um sie dann in die untere Führungsschicht aufzunehmen, da für diese, so war damals zu hören, zuwenig geeignete Delegierte zur Verfügung standen.
Ich war der Regionaldelegation in Harare zugeordnet und wurde von da für ein paar Wochen zu Gefängnisbesuchen nach Malawi geschickt; dann begleitete ich einen Schweizer Berufsoffizier, der früher selber einmal Delegierter gewesen war, nach Windhoek und Lusaka, wo ich ihm bei Seminaren über ‚the law of war’ assistieren sollte (die Kursteilnehmer schienen mich, da ich älter war als der Offizier und meist nur still mit im Unterrichtsraum sass, zu unserer Erheiterung für den Supervisor zu halten), und schliesslich trug man mir auf, zusammen mit einem sambischen Rot-Kreuz Angestellten zu überprüfen, ob es an der sambisch-angolanischen Grenze, wie das Presseberichte behaupteten, zu einem Anstieg der angolanischen Flüchtlinge gekommen war.
Mir gefiel das alles ganz wunderbar, es war besser als Ferien – ich kriegte fremde Länder zu sehen, erlangte Einblicke in Welten, die mir sonst verschlossen gewesen wären und hatte den Eindruck, ich lerne was.

Nach wenigen Monaten wollte man mich nach Jugoslawien verlegen. Die Berichte, die zu der Zeit von dort kamen, machten mir grosse Angst, ich wollte da nicht hin und tat dies meinen Vorgesetzten in Harare wie auch in Genf kund. Man schlug mir Südafrika vor. Auch da verhiessen die Fernsehbilder kein geruhsames Leben, auch da war mir leicht bang. Trotzdem, mit Jugoslawien, wo man auf klar markierte (‚Presse’ oder ‚Rotes Kreuz’) Autos schoss und wo Delegierte bereits zu Tode gekommen waren, schien mir das nicht vergleichbar.

In Pretoria wurde ich auf meinen künftigen Einsatz in Natal vorbereitet. Ich besuchte Gefängnisse, wurde in die Township mitgenommen, wo man die Familien der Opfer von Gewaltakten besuchte und ihnen mit Waren und finanziellen Zuwendungen zu helfen suchte. Dann wurde ich nach Durban geschickt, wo eine der Sub-Delegationen ihren Sitz hatte: mir wurde das Gebiet Northern Natal zugeteilt, wo meine Aufgabe war, zusammen mit meinem Field-Officer, einem Zulu, ein Bild von den dortigen Verhältnissen zu bekommen – ich wäre ohne ihn nicht einsatzfähig gewesen (als Weisser, der zudem kein Zulu sprach, allein in ein Township reinzugehen, war keine gute Idee), er hingegen hätte diese Abklärungen auch ohne mich vornehmen können. Doch den lokalen Mitarbeitern traute man nicht immer; manchmal zu Recht, manchmal zu Unrecht.

Rotkreuz-Delegierte sind so eine Mischung aus Diplomat und Sozialarbeiter, die meisten haben höhere Schulen besucht, die wichtigste Qualifikation sei jedoch, sage ich einmal zu einem Kollegen, einen Führerschein zu besitzen. Das sei absoluter Quatsch, ereifert sich dieser, ein Studium absolviert zu haben sei essentiell, ohne ausgesprochene Fähigkeiten zu Analyse und Synthese könne man gar keine richtigen Lagebeurteilungen machen. Als ich mich nicht umstimmen lasse (und überhaupt: wer liest schon solche Lagebeurteilungen?) und darauf hinweise, dass jedenfalls meine Arbeit hauptsächlich aus Autofahren bestehe, wofür ja nun wirklich kein Studienabschluss notwendig sei, lacht er und meint, ‚toujours négatif, eh’ – er wurde später ‚chef de délégation’.

Natürlich war ich nicht der Einzige, der sich hin und wieder (auch laut) fragte, ob die (von mir häufig so empfundene) schlichte Präsenz vor Ort bereits als humanitäres Wirken durchgehen konnte. Erfahrenere Kollegen wiesen mich dann jeweils darauf hin, dass, zugegeben, es nicht immer klar, ob das, was man da tue, auch sinnvoll, doch das liege eben an der vertrackten Situation in Südafrika und sei bei den anderen Missionen, bei denen sie im Einsatz gewesen, immer ganz anders gewesen – nichtsdestotrotz: ich fand bald heraus, dass man sich an andern Orten, in anderen Einsatzgebieten, ganz ähnliche Fragen stellte. Ist ja auch klar: was sollen ein paar Delegierte (ich meine hier nicht Ärzte und medizinisches Hilfspersonal, an denen es vielleicht vor Ort mangelt) in einem Konfliktgebiet tun, was Einheimische (hätten sie denn das Geld, über das die internationalen Helfer verfügen) nicht auch selber tun könnten? Ähnliches muss sich im Oktober 1993 auch die indische Regierung gesagt haben: ein Erdbeben mit über 28'000 Toten verlangte nach schneller Hilfe. Das IKRK sowie, laut Time, „the U.S. Special Coordinator for International Disaster Assistance, the UN High Commissioner for Refugees and many nongovernmental organizations were set to go”, doch der indische High Commissioner in London zeigte sich nicht interessiert: “We are a big country. We have large resources. We have the organization. We are confident we can do the job ourselves”, sagte er.

Abgesehen vom Autofahren (das mir übrigens sehr gut gefallen hat – viel Schöneres als mit voll aufgedrehter Musik in der ganz wunderbaren südafrikanischen Landschaft
unterwegs zu sein, kann ich mir nicht vorstellen) und der Kontaktpflege mit Leuten, die zu wissen schienen (oder dies zumindest vorgaben), was politisch angesagt war (lokalen politischen Führern, Ärzten und Pflegepersonal in Krankenhäusern, Hilfsorganisationen, Polizei etc.), war ich hauptsächlich mit ‚assistance’ und ‚détention’ sowie, das versteht sich für eine von Geldgebern abhängige Organisation, mit dem Abfassen von Berichten beschäftigt.
‚Assistance’ bedeutete damals in Südafrika, Familien zu unterstützen, die wegen der vor allem an den Wochenenden aufflammenden Gewalt in den Townships Tote zu beklagen hatten; man half mittels Decken, Nahrung, Kochutensilien und Geld für die Begräbniskosten – von letzterem sah man jedoch bald wieder ab, weil die Begräbnisunternehmer, wenn sie wussten, dass das Rote Kreuz die Rechnung bezahlte, ihre Preise erhöhten.
Was die ‚détention’ anlangt, die ich, im Gegensatz zu anderen Rot-Kreuz-Aktivitäten, für bei weitem nicht so nützlich erachte, wie das IKRK den Anschein zu erwecken sich bemüht, muss ich etwas ausholen.

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Wer beim IKRK angestellt wird, hat ein ‚engagement de discrétion’ zu unterschreiben, worin man sich verpflichtet, “to observe the utmost discretion concerning matters with which I shall be called upon to deal or which may come to my knowledge and to consider myself bound by professional secrecy in this regard. My undertaking shall remain in effect even after I have left the service of the ICRC.”
Der Grund für solche Verschwiegenheit wird wie folgt begründet: “The objective of the ICRC is to provide protection and assistance for victims of war, civil war or internal disturbances and for other victims on whose behalf the ICRC is called upon to take action. To attain this objective as effectively as possible, the ICRC must at all times enjoy the confidence of governments and of the victims. This confidence is largely based on the neutrality of the ICRC, on the discretion with which it conducts its activities as a matter of principle, and more particularly on its undertaking that its representatives will not divulge what they have observed in the countries in which they work, especially during visits to places of detention.”

Diese zeitlich nicht limitierte Schweigepflicht ist, juristisch gesehen, nicht unproblematisch (die Schweizer Verfassung garantiert die Meinungsäusserungsfreiheit; zeitlich unbegrenzte Verpflichtungen gelten gemeinhin als unsittlich), andrerseits ist sie nicht unüblich, so kennen sie auch Ärzte, Anwälte und Bankiers, Berufsgruppen also, die vom Vertrauen, das man ihnen entgegenbringt, leben – bei uns sind euere Geheimnisse gut aufgehoben, dies ist, was das IKRK seinen Vertragspartnern (den jeweiligen Regierungen also) zusichert.

Verschwiegenheit ist in der Schweiz, einem Land, das der Diskretion seinen Reichtum verdankt, nicht nur Geschäftsprinzip, sie ist Teil des Nationalcharakters. Robin McKie drückte es im Londoner Observer (anlässlich der Besprechung von Deirdre Bairs ‚Jung: A Biography’) so aus: “… the Swiss tend to display a paranoid attachment to privacy that would embarrass Saddam Hussein. To assuage their precious sense of decorum, Bair, no matter how trivial the Jungian story or anecdote she was told, usually had to swear never to reveal her sources.”

Sicher ist dies: Da ich die IKRK-Verschwiegenheitserklärung unterschrieben habe, darf ich nicht davon berichten, was ich bei meiner Tätigkeit als IKRK-Delegierter gesehen habe. Wird mir damit kategorisch der Mund verboten? Nein, wird mir nicht, denn das IKRK arbeitet, wie der ehemalige Delegierte Dres Balmer (der sich nicht an die Schweigepflicht gehalten hat) in ‚Grünspan’ schreibt, „sehr oft an Orten, für die sich die Weltöffentlichkeit interessiert. Es kommt deshalb immer wieder in die Lage, Journalisten über seine Tätigkeit zu informieren.. Das IKRK kann diesem Interesse nicht einfach mit einem ‚no comment’ entgegentreten, und auf der anderen Seite kann es nicht alles sagen. Man hält sich in der Informationsarbeit an folgende Faustregel: ‚Wir sagen, was wir tun, nicht aber, was wir sehen.’“ (was unter anderem zur Folge hat, dass man sein Tun meist über Gebühr wichtig nimmt).

Was tut also ein Delegierter, der Gefängnisse besucht? Er geht in die Zellen und lässt sich von den Insassen über die Haftbedingungen informieren; es sind dies sogenannte ‚est’ (entretiens sans témoins), also Zusammenkünfte, bei denen kein Gefängnispersonal dabei ist. Zu Beginn eines solchen ‚est’ muss der Delegierte den Häftlingen klar machen, wer er ist, wen er vertritt und vor allem, dass sie sich von seinem Besuch nicht allzu viel versprechen sollen (was sie natürlich tun – weshalb würde einer sonst von so weit her angereist kommen, wenn nicht, um sie da rauszuholen?); was er könne, sei dies: allfällige Beschwerden den Behörden zur Kenntnis bringen. Was die Gefangenen beanstanden, trägt der Delegierte hernach dem Gefängnisvorsteher vor, der sich zu den Vorwürfen äussern kann. Daraufhin verfasst der Delegierte einen Report, der die Aussagen der Gefangenen wie auch der Gefängnisleitung beinhaltet, und der nun an die politischen Behörden geschickt wird. Es werden auch Kontroll-Besuche vorgenommen; dabei wird besonderes Augenmerk darauf gerichtet, ob allfällige Beanstandungen, die bei früheren Besuchen gemacht wurden, in der Zwischenzeit behoben wurden.

Auch das irakische Abu Ghraib Gefängnis ist von IKRK-Delegierten besucht worden.
„Der Skandal um die Bilder von den Misshandlungen und sexuellen Demütigungen irakischer Häftlinge im Gefängnis Abu Ghraib wirft die Frage auf, ob die Aktion des IKRK im Irak überhaupt eine Wirkung hat?“, fragte die Neue Zürcher Zeitung Mitte Juni 2004 den IKRK-Präsidenten Jakob Kellenberger. Worauf dieser antwortete: „Es waren ja nicht nur die Bilder, die schockierten, sondern die Wahrnehmung der damit verbundenen Leiden. Aufgrund dessen, war wir von den verschiedenen Gefangenenbesuchen im Irak wissen, wäre es sicherlich falsch zu behaupten, unsere Demarchen hätten keine Wirkung erzielt. Wir konnten beim Besuch im Januar dieses Jahres substanzielle Verbesserungen im Vergleich zum vergangenen Oktober feststellen und weitere beim Besuch im März im Vergleich zum Januar. Grundsätzlich ist zu sagen, dass selten alle Forderungen des IKRK aufs Mal erfüllt werden. Es ist immer ein Kampf um stufenweise Verbesserungen. Nach dem Anschlag vom Oktober 2003 auf unsere Delegation in Bagdad konnten wir zudem nicht sofort wieder Besuche in Abu Ghraib durchführen. Aus Sicherheitsgründen war dies erst im Januar möglich.“

Substanzielle Verbesserungen bereits im Januar? Und dies, so müssen wir wohl schliessen, aufgrund der IKRK-Demarchen? Wirklich?
Die diesbezügliche Informationslage ist einigermassen verwirrend. Am 8. Mai 2004 berichtete die Nachrichtenagentur Associated Press (AP), das IKRK habe bereits kurz nach der von Amerika angeführten Invasion des Irak auf Misshandlungen von Häftlingen aufmerksam gemacht, doch US-Zivilverwalter Bremer sagte, ihm seien die Anschuldigungen erst im Januar bekannt geworden. Und im Januar begannen denn auch die Untersuchungen, nachdem, wie das US-Kommando gemäss AP sagte, “a soldier at the lockup said he could not tolerate abuses he witnessed and presented pictures to his superiors.” Und was geschah mit den Vorstössen des IKRK zwischen März und November 2003 (welche, sehr zum Missfallen des IKRK – er sei „tief verstört“, wurde Präsident Kellenberger von der taz zitiert – vom Wall Street Journal öffentlich gemacht wurden und “described prisoners kept naked in total darkness and male prisoners forced to wear women's underwear … In another episode, nine men were arrested and beaten severely, and one of them died.”)? Wir wissen es nicht, doch es ist zu vermuten, dass diesen Vorstössen von den US-Verantwortlichen keine besondere Dringlichkeit zugeschrieben wurde, weshalb denn auch IKRK-Präsident Kellenberger bei einem Besuch im Januar 2004 in Washington (dies berichtete der Zürcher Tagesanzeiger online am 10. Mai 2004) höchste Regierungskreise persönlich auf die Missstände hinwies. Im Februar sei dann ein entsprechender Bericht an den Zivilverwalter Bremer, und den Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak, General Sanchez, übergeben worden.

Wären die Verbesserungen im Januar wirklich so „substantiell“ gewesen, wie von Herrn Kellenberger behauptet, dann ist schwer zu verstehen, weshalb er es für nötig gefunden, im selben Monat persönlich in Washington vorstellig zu werden. Der Eindruck drängt sich auf, dass das IKRK möglicherweise weniger Einfluss hat, als es sich hier den Anschein gibt. Im Übrigen: Die US-Militärs brauchen keine IKRK-Berichte, um zu wissen, was in ihren Gefängnissen vor sich geht. Und da ihnen auch bekannt, dass, was das IKRK weiss, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, haben sie auch keinen Grund, sich wegen unwillkommener Publizität Sorgen zu machen.

Ob das IKRK im Irak, in Guantanamo oder in Afghanistan zu allen Gefangenen, die in sein Mandat fallen, Zugang habe?, fragte die Neue Zürcher Zeitung den IKRK-Präsidenten, worauf dieser antwortete: „Zuerst möchte ich betonen, dass wir abgesehen von diesen drei Orten rund 470'000 Gefangene in über 80 Ländern besuchen, in Tschetschenien, in arabischen, afrikanischen und asiatischen Staaten. Um auf ihre Frage zu antworten: Ich habe in der letzten Zeit den Eindruck gewonnen, dass sich dort, wo wir in jüngster Zeit Probleme hatten mit dem Zugang zu den Häftlingen, tatsächlich Verbesserungen eingestellt haben.“ Gewiss, es sind dies beeindruckende Zahlen, doch Zugang zu haben, ist kein Wert an sich, Zugang zu haben bedeutet nur, dass Delegierte Inhaftierte registrieren und sich mit ihnen (ohne dass Zeugen zugegen sind) unterhalten können.
Trotzdem hat das IKRK ganz offensichtlich (Mitte Juni 2004) nicht zu allen Gefangenen, die in sein Mandat fallen, Zugang. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn nach wie vor gilt, dass wer zahlt (der wichtigste Geldgeber des IKRK sind die USA), auch befiehlt, obgleich IKRK-Präsident Kellenberger solches von sich weist: „Trotz der Bedeutung als grösster Geldgeber haben die USA nie versucht, die Unabhängigkeit des IKRK in Frage zu stellen. Wir haben in verschiedenen Fragen klare Meinungsverschiedenheiten, doch diese hatten keinen Einfluss auf die grosszügige finanzielle Unterstützung der USA für das IKRK oder auf den offenen und direkten Dialog zwischen uns.“

„Diskretion ist kein Selbstzweck“, war das Gespräch mit IKRK-Präsident Kellenberger (das Zitat stammt von ihm) in der Neuen Zürcher Zeitung überschrieben. Wirklich nicht? Doch vor allem: wem nützt sie eigentlich am meisten?
Mehr als zehn Jahre liegen meine Besuche in südafrikanischen Gefängnissen jetzt zurück, in der Zwischenzeit gab es die südafrikanische ‚Truth and Reconciliation Commission’, die ein Bild der zwischen 1960 und 1993 im Land verübten Grausamkeiten gezeichnet hat, das an Deutlichkeit wohl kaum zu überbieten ist (man lese Antjie Krog: Country of my Skull) – mit anderen Worten: es ist anzunehmen, dass heute bekannt ist, was bekannt sein kann. Wozu also die Diskretion? Weil es ohne sie keine Gefangenenbesuche gäbe. Und weil ohne diese Besuche das IKRK nur gerade eine Hilfsorganisation unter anderen wäre.
„Das Problem besteht darin“, so der IKRK-Präsident, „dass man den Entscheid, an die Öffentlichkeit zu gelangen, nicht aus der Optik einer spezifischen Situation treffen kann, sondern dessen allfällige Auswirkungen auf andere Kontexte berücksichtigen muss. Das IKRK wird weltweit an seiner vertraulichen Arbeitsweise festhalten. Nur unter ganz bestimmten Bedingungen gelangt es an die Öffentlichkeit. Und es sollen für diesen Schritt überall die gleichen Kriterien gelten.“ Zugegeben, keine leichte Aufgabe. Und man fragt sich natürlich, was denn diese Kriterien wohl sein könnten? Gegen die Publikation von Dres Balmers ‚Kupferstunde’ (einem ausgesprochen diskreten Roman über seine Erfahrungen als Delegierter in El Salvador) ist man im Jahre1982 gerichtlich vorgegangen, von Urs Marc Eberhards ‚Hilfe! Der Krieg ist aus! Aus dem Tagebuch eines Rotkreuzdelegierten in Pakistan’ (1977) ist solches hingegen nicht bekannt, und Richard Dennings ‚Heroes of the International Red Cross’ wurde 1982 gar vom IKRK selber herausgegeben. Einigermassen erstaunlich ist auch, dass der bereits erwähnte Michael Ignatieff einen Delegierten bei einem Gefängnisbesuch im September 1996 begleiten durfte. So hat er darüber berichtet:
„As the delegate took down one prisoner’s details, I folded the yellow registration card of the preceding prisoner, slid it into the plastic folder, and handed it to him. Many received their cards with a little bow or with the Afghan gesture of placing a hand briefly over the heart. Then each slipped his card into the inside pocket of his brown waistcoat. There was something sacramental about this ritual. In jails, lockups, cages, and camps around the world, prisoners like these have been getting cards like these, their guarantee of such protection and moral concern as the Geneva Conventions can offer them. It is proof that they have not been forgotten, that some foreigner will make it his business to demand information if they go missing or show up at his next visit with bruises on their bodies.
But the yellow cards do not seem to be nearly enough. Once everyone was registered and had his card, the prisoners seemed to press forward. One spoke urgently to the delegate for a long time. When they were taken by the Taliban, they were promised amnesty. They wanted the Red Cross delegate to take up their cause.
The delegate gathered his papers. He was peremptory: Amnesty was none of his affair. The I.C.R.C, wasn’t in the business of intervening on the ‘process of justice’. The Geneva Conventions are not about justice but about good treatment. The I.C.R.C. was here to make sure that the men were decently treated and fed and that when they were released they would get some assistance to get back to their villages. Dark looks were exchanged, and there was a lot of clicking of tongues as we bowed and made our way through the cell door.”

Nicht nur Gefangene, auch manche Delegierte (das schliesst IKRK-Ärzte ein – „It is not normally the ICRC's role to provide treatment. In certain situations, however, the ICRC may have to take action in emergencies or provide basic medical care in cases of dire need”, so das IKRK am 1.12.1994) haben Mühe, sich mit einem derart limitierten Mandat abzufinden. Und dass man den jeweiligen Regimes mit den Gefängnisbesuchen auch noch gleich ein Alibi verschafft (Wir haben nichts zu verbergen, das IKRK hat Zugang zu allen Gefangenen, lassen die Regierungen jeweils verlauten), macht nicht wenigen Delegierten zusätzlich zu schaffen.

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„Inwieweit wird das IKRK auch zukünftig als neutraler und unabhängiger Akteur innerhalb der internationalen Gemeinschaft verstanden werden?“, fragte die Neue Zürcher Zeitung, nicht ohne auf den „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“-Spruch von Herrn Bush hinzuweisen, den IKRK-Präsidenten Kellenberger. „Wir wollen eine unabhängige und neutrale Organisation bleiben. Das ist unser erklärter Wille und Entscheid. Als Folge der rhetorischen Polarisierung sind indes mehr Anstrengungen notwendig, um die spezielle Stellung des IKRK zu erläutern. Die Kommunikation ist von der operationellen humanitären Tätigkeit gar nicht mehr zu trennen. Wir haben deshalb eine eigene Direktion geschaffen und regionale Kommunikationszentren aufgebaut. Auch angesichts der Tatsache, dass heute die verschiedensten humanitären Organisationen aktiv sind, welche nicht alle die gleichen Einsatzgrundsätze anwenden, ergibt sich zusätzlicher Erklärungsbedarf.“

Eingedenk der IKRK-Faustregel ‚Wir sagen, was wir tun, nicht aber, was wir sehen’, wird das wohl bedeuten, dass wir künftig noch häufiger darauf hingewiesen werden, dass das IKRK in Krisengebieten auf der ganzen Welt Gefangene besucht. Gut, dass es das IKRK gibt, werden wir dann vermutlich denken, gut, dass da jemand dazu sieht, dass diese Gefangenen anständig behandelt werden.
Nur: so ist es nicht, denn das IKRK kann keine humane Behandlung garantieren (geeignete Druckmittel fehlen, selbst der Zugang zu den Gefangenen muss ausgehandelt werden), kann sie nur verlangen, sie jedoch nicht durchsetzen. Das ist wenig, deprimierend wenig. Es ist zu wenig, um guten Gewissens behaupten zu können, es sei zumindest ein Tropfen auf den heissen Stein.

Eine redigierte Fassung erschien in Die Gazette, München, im September 2004
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Über Ross Macdonald und Warren Zevon

Ross Macdonald wieder zu lesen, bedeutet, auf Szenen und Dialoge wie diese zu stossen:
„Noch einen Scotch, Doktor?“ fragte Marco.
Er wandte sich mir zu: „Etwas habe ich in meiner zwanzigjährigen Arztpraxis gelernt. Man muss jeden seine eigenen Fehler begehen lassen. Früher oder später nehmen sie doch wieder Vernunft an. Wenn ein Mann erst einmal ein Lungenemphysem gesehen hat, hört er zu rauchen auf. Und die Mädchen mit schweren Anfällen von Romantik werden wieder realistisch. Genau wie mein liebe Frau hier.“
Eine massige Frau in einer Art Mantilla tauchte hinter uns auf. Ihr Dekolleté schimmerte wie Perlmutt durch die schwarze Spitze. Sie hatte üppiges blondes Haar und einen unzufriedenen Mund. Ich stand auf.
„Redet ihr über mich““ fragte sie. „Das schätze ich nicht sehr.“
„Ja, ich habe deine realistische Ader gelobt, Audrey. Alle romantischen Frauen werden eines Tages wieder realistisch.“
„Die Männer zwingen uns dazu“, entgegnete sie. „Hat Marco mir meinen Daiquiri gemixt?“
„Ja. Das ist Mr. Archer, ein Detektiv.“
„Wie aufregend“, sagte sie. „Sie müssen mir ihre Lebensgeschichte erzählen.“
„Ich habe als Romantiker begonnen und mich allmählich zum Realisten entwickelt.“
Sie lachte und trank ihren Daiquiri, dann gingen die beiden in den Speisesaal hinüber.
(aus: Geld zahlt nicht alles).

Ross Macdonald wieder zu lesen bedeutet auch, sich an eine Sehnsucht von Kalifornien zu erinnern, der auch Aufenthalte vor Ort nichts anzuhaben vermochten, weil man instinktiv die Vorstellung, die man sich gemacht, sich zu sehen entschieden hatte. Obwohl, Anlass am amerikanischen Traum zu zweifeln, hatte es immer wieder gegeben. Als, zum Beispiel, in einem „No Shirt, No Shoes, No Service“-Schnellimbiss in Strandnähe, dessen Theke im Freien stand, ein barfüssiger, hemdloser, jedoch Shorts tragender junger Mann, der nur schnell ein Eis kaufen wollte, weggewiesen wurde und, da er sich dies nicht gefallen lassen wollte, er bereits Minuten später von einem Streifenwagen abtransportiert wurde, fühlte man sich schon etwas seltsam berührt, hatte man doch mit Kalifornien immer verbunden, dass man da mehr dürfe als anderswo.

“Ken Millar made me realize that I wrote my songs despite the fact that I was a drunk, not because of it.” Warren Zevon, der Singer/Songwriter, hat das gesagt. Dass Ken Millar, wie Ross Macdonald im wirklichen Leben hiess, und Zevon einiges verbunden hat, mag man nur schon daraus ablesen, dass der Krimiautor den damals von der Trunksucht genesenden Songschreiber im Krankenhaus besucht hat.
He did not want to die by drink, which he described as a coward’s death, steht in einem Artikel auf Zevons website zu lesen.

Dry your eyes my little friend, let me take you by the hand. Songzeilen wie diese, oder auch diese: The eternal Thompson gunner still wandering through the night. Now it’s ten years later but he still keeps up the fight, drücken das Grundgefühl, das Zevon und MacDonald eigen ist, aus. Einzelgängerische Seelen, nachdenklich, voller Mitgefühl, kämpferisch.

I want to live alone in the desert, I want to live like Georgia O’Keeffe, I want to live on the Upper East Side, and never go down in the street. So beginnt Zevons Splendid Isolation. Viel Sehnsucht liegt in solchen Zeilen, nach Weite, Anonymität, Unspektakulärem, und dem Mut, das zu tun, was man als seine Bestimmung erahnt. Honesty and vulnerability sei seine Währung, hat Jackson Browne über den Freund gesagt.

Ross Macdonald starb 1983 im Alter von 68 Jahren im kalifornischen Santa Barbara, Warren Zevon 2003, im Alter von 56, in Los Angeles.
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Von der Aufklärung verschont

Im November 2001 stellte der Freiburger Strafrechtsprofessor Franz Riklin unter dem Titel Von der Aufklärung verschont „eine unwahre und 54 wahre Geschichten zu den Missständen im Freiburger Justizwesen der letzten 10 Jahre“ ins Internet (http://www.FRinjuria.com – der Text ist mittlerweile bei Pendo auch als Buch erschienen). Das Erzählen dieser Geschichten war „zugleich ein Versuch, totalitäre Strukturen aufzuzeigen, wie man sie in den Niederungen des Freiburger Politghettos vorfindet“.

Um es gleich vorwegzunehmen: als ich damals aus dem Fernsehen von dieser Schrift erfahren habe, war ich gleich und ganz unbedingt von ihr (davon, was Titel und Untertitel versprachen) aufs Positivste eingenommen, schliesslich bin ich überzeugt, dass ein so kleines Land wie die Schweiz gar nicht anders als ungemein verfilzt sein kann. Zudem empfand ich Sympathie für Herrn Riklin, denn dass ein Schweizer Professor eine solche Schrift verfassen und ins Internet stellen könnte, das fand ich aussergewöhnlich und mutig – und das sind Rechtsprofessoren an Schweizer Universitäten (in meiner Vorstellung zumindest) im allgemeinen nicht.

Darf ein Professor kritisieren? fragt sich der Autor in seiner Einleitung und bemüht, ganz Jurist, gleich eine juristische Doktorarbeit: „Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft und der Rechtssprechung können Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst ausserdienstlich die Meinungsäusserungsfreiheit grundsätzlich im gleichen Umfang beanspruchen. Schranken bestehen allenfalls dann, wenn Beamte ihre Vorgesetzten oder die Politik ihrer Amtsstellen kritisieren, bzw. sich so äussern, dass eine einwandfreie Ausübung ihrer dienstlichen Funktion konkret gefährdet wird.“

Da er, wie er schreibt, solches nicht tut, und auch nicht getan hat, darf er also. Mehr: seine Treuepflicht als Beamter (auch hier fehlt der Hinweis auf die entsprechende juristische Literatur nicht) gebiete ihm dies geradezu. Und überhaupt, führt er aus: „Ich wäre gänzlich unglaubwürdig, wenn ich in Vorlesungen für faire Strafverfahren und die Einhaltung der Grundrechte plädiere, und bei schweren Missachtungen eben dieser Grundrechte in meiner näheren Umgebung geschwiegen hätte.“

Franz Riklin ist ein idealistisch gesinnter Mann: „Mein Hauptmotiv für diese Publikation ist es, einen Beitrag zur politischen Aufklärung im Kanton Freiburg zu leisten. Mein Idealbild
ist eine offene Demokratie, wie sie in Freiburg unter den herrschenden Zuständen nicht existiert.“

Man kann sich natürlich fragen, ob es denn eine solche offene Demokratie anderswo in der Schweiz gibt? Doch darauf geht Riklin nicht ein, hält jedoch fest, dass die Behauptung, „Missstände, wie sie in Freiburg vorgekommen sind, gebe es auch anderswo“, in dieser Form nicht richtig sei. „Ich bin überzeugt“, schreibt er, „dass es in einzelnen Kantonen besondere Strukturen gibt, welche Missbräuche auch im Justizwesen begünstigen und deren Behebung erschweren.“ Offenbar vor allem in Kantonen (Freiburg, Tessin, Wallis), in denen die Kirche, die katholische, eine noch immer wichtige Rolle spielt: „In Freiburg wirkt zweifellos der Umstand nach, dass die Bevölkerung seit dem Mittelalter bis in die neuere Zeit einer Doppelherrschaft unterstand, der weltlichen Obrigkeit und der Kirche.“ Dazu kommen die kleinräumigen Verhältnisse und die geografische Lage zwischen Deutsch und Welsch (recht abgeschottet, wenig zur Kenntnis genommen, eine Inselmentalität fördernd), die wesentlich am Politfilz Schuld tragen sowie „dass in Freiburg stärker als anderswo zumindest in Ansätzen Verhaltensmuster bestehen, die an das Mittelalter und an Zustände erinnern, wie man sie aus totalitären Staaten kennt.“

Kann das wirklich sein, dass es da mitten in der Schweiz einen Kanton gibt, in dem eine „wesentlich tiefere Verfahrenskultur“ herrscht als in andern Kantonen? Könnte es nicht sein, dass wenn man auch in anderen Kantonen so genau hinschauen würde, wie das in Freiburg getan wurde, man einen ganz ähnlichen Filz (und ganz ähnliche Missstände) finden würde?

Möglich. Ja wahrscheinlich. Dass Professor Riklin sich nicht auf die Äste hinauslässt, keine Vermutungen äussert, ist verständlich, doch dass grosse Teile der Bevölkerung lieber die Faust im Sack machen als offen Kritik zu üben, ist keine Freiburger Spezialität und hat auch nicht besonders viel mit dem Jahrhunderte langen Zusammengehen von weltlicher und kirchlicher Macht zu tun, es ist dies ganz einfach ein Verhalten, das überall, wo Menschen auf kleinem Raum zusammenleben (sei es in Singapur oder in der Schweiz) gang und gäbe ist.
Auch dass, wer politisch was werden will, sich besser nicht mit Justizkritik die Finger verbrennt, ist ein so allgemein verbreitetes Phänomen, dass man sich wundern kann, weshalb der Autor darauf beharrt, dass die Behauptung „in anderen Kantonen seien die Verhältnisse nicht besser“, zu simpel sei. Andrerseits kommt er damit dem bereits in der Luft hängenden Vorwurf, er habe es sich mit seiner pauschalen Kritik zu einfach gemacht, geschickt zuvor. Das muss er auch, geht es hier doch auch um seine Reputation: er berichtet von dem, was er untersucht hat; er spekuliert nicht, sondern legt Beweise vor; er argumentiert sachlich, attackiert nicht die Person.

Das lässt sich von seinen Gegnern nicht sagen; diese lassen sich auf eine Auseinandersetzung mit den Fakten gar nicht ein. Stattdessen wird dem Kritiker entgegengehalten: er sei nicht genügend informiert; seine Ausführungen seien polemisch oder unhöflich; nicht alles, was er sage sei richtig; man könne ihm wegen des Amtsgeheimnisses nicht antworten.

Nun ist sich der sachlichen Auseinandersetzung zu entziehen, nicht nur den Freiburger Behörden eigen – so gehen Machtinhaber ganz generell mit ihren Widersachern um. Auch auf den Mann zu spielen, seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen, gehört zu den gängigen Taktiken, wenn es darum geht, Macht und Einfluss zu bewahren.

***

Nichtsdestotrotz:
Es ist gut, dass es diese Schrift gibt, weil sie mit Akribie Missstände auflistet, die an die Öffentlichkeit gehören. Und es ist gut, dass diese Missstände von einem Mann vorgebracht werden, der, misst man ihn an seinem Aktivitäts-Ausweis, unverdächtiger kaum sein könnte. „Als früherer Anwalt, Untersuchungsrichter, stellvertretender Gerichtspräsident und nach über 25-jähriger Aktivität in der Militärjustiz sowie meiner langjährigen Tätigkeit als Professor für Straf- und Strafprozessrecht an der Universität Freiburg, während der ich öfters von Behörden und Privaten auch als Experte beigezogen wurde, fühlte ich mich in der Lage, die angetroffenen Missstände sachkundig zu bewerten.“

Weshalb dann nur dieses Missbehagen, das ich nach der Lektüre empfand? Vor allem, wo ich doch auch ganz besonders schätze, dass die ursächlich an diesen Missständen Beteiligten mit Namen genannt werden – es ist zu hoffen, dass sich einem die Herren Lamon und Cornu, die beide zur Schweizerischen Bundesanwaltschaft weggelobt wurden, im Gedächtnis festgesetzt haben. Und dass, wenn man beim nächsten Mal von den Aktivitäten der Schweizerischen Bundesanwaltschaft hört, man sich daran erinnert, was für Leute sie beschäftigt.
Warum also dann ein Missbehagen? Weil die Kritik, die hier vorgebracht, obwohl konkret an Freiburger Beispielen dargestellt, ganz grundsätzlicher Art, ja ein eigentliches Plädoyer für den sachlichen Umgang mit den Dingen ist; vom Autor ihrer Kraft beraubt wird, wenn er sie nur für den Kanton Freiburg gelten lassen will.

Es ist paradox: will jemand eine fundierte, sachliche Kritik vorbringen, so ist er gezwungen, den Gegenstand der Untersuchung einzugrenzen; doch diese Eingrenzung hat gleichzeitig zur Folge, dass damit ein Spezialfall geschaffen wird und alle daraus gewonnenen Erkenntnisse nur in Bezug auf diesen relevant sind. Mit anderen Worten: Verallgemeinerungen sind für jemanden, der ernst genommen werden will, unzulässig. Und so macht denn Riklin auch keine (weshalb seine Kritik im Ergebnis von ausserkantonalen Experten bestätigt worden ist).

Und was lernen wir, die wir nicht im Kanton Freiburg wohnhaft sind, daraus? Dass es in der Schweiz einen Kanton gibt (einen einzigen, so müssen wir, wenn wir die rein sachliche Untersuchung als Massstab nehmen, vermuten, da ja bislang von keinem anderen Kanton eine solche Studie vorliegt), der von der Aufklärung verschont geblieben ist.

Es gibt in der Schweiz insgesamt 26 Kantone, einige grösser, andere kleiner. Und jeder dieser Kantone, das versteht sich von selbst, hat seine ganz eigenen Traditionen und pflegt sie auch.
„Ich habe etwas, was du nicht hast“, sagt das Kind im Sandkasten zum Spielgefährten, ein Verhalten, das auch dem Erwachsenen eigen ist: man will sich abheben vom andern, man will speziell sein. Auf der politischen Ebene nennt man das „Kantönligeist“.

So segensreich diejenigen, die davon profitieren, dieses System (26 Kantonsverfassungen, 26 Kantonsregierungen für ein Land mit etwa 7 Millionen Einwohnern) auch finden mögen, dass es besonders effizient ist, mag man nicht behaupten. Doch das ist auch gar nicht sein Zweck. Sein Zweck ist Stabilität und diese, dafür ist bei soviel administrativem Aufwand gesorgt, ist gewährleistet.

Nun ist nicht anzunehmen, dass Menschen, nur weil sie ein paar Kilometer auseinander wohnen und deswegen verschiedenen kantonalen Regelungen unterstehen, sich wesentlich voneinander unterscheiden; und genauso wenig ist anzunehmen, dass die Mentalität, die aus jemandem einen Staatsangestellten macht, von Kanton zu Kanton besonders verschieden ist.
Und da weder die Verhältnisse noch die Auffassungen wegen ein paar Hügeln und ein paar Kilometern so arg differieren, haben im Kanton Freiburg untragbar gewordene Beamte wie die erwähnten Herren Lamon und Cornu eben auch ohne weiteres im Nachbarkanton ihr Auskommen finden können – Professor Riklin wunderte sich, dass „die Versager von Freiburg bei der Bundesanwaltschaft“ angestellt wurden, ich hingegen wunderte mich, dass der Professor sich hat wundern können.

Wer in der Schweiz lebt, führt ein Leben in der Enge.
„Die Leute, die in diesem Tal geboren waren, taten ihm leid; Sonne schien an die Felsen hoch oben, das Tal aber lag im Schatten, und wenn er zum Himmel schaute, kam es ihm vor, als wäre er in eine Zisterne gefallen.“ (Max Frisch: Wilhelm Tell für die Schule).

Und wo Enge, da ist auch Filz. Nicht, dass es ihn in weiträumigeren Verhältnissen nicht auch geben würde, doch da, wo man dichtgedrängt aufeinander hockt – man also die Gelegenheiten für das gegenseitige Geben und Nehmen derart verlockend vor der Nase hat, wäre man doch eigentlich schön blöd, wenn man sie nicht am Schopf packen würde, oder?

Mit anderen Worten: Politfilz gibt es überall, wo die Dinge (die Interessen) eng miteinander verflochten sind. Und dies ist nun einmal meist da der Fall, wo die Verhältnisse kleinräumig sind, also überall in der Schweiz.

Doch wehe, wer öffentlich so argumentieren würde! Der Unseriosität würde man geziehen, allgemeines BlaBla würde einem vorgeworfen. Man muss sich also vorsehen, sich nur keine Blösse geben, detailliert alle Vorwürfe belegen können. Und läuft damit Gefahr, seine nur
allzu berechtigte Kritik auf eine buchhalterische Fleissarbeit zu reduzieren.

Vielleicht ist es nämlich so, dass dem Professor vor lauter Sachlichkeit der Blick auf die Realität abhanden gekommen ist. Schliesslich kommen dem aufmerksamen Betrachter der schweizerischen Politlandschaft, auch wenn er nicht im Kanton Freiburg ansässig ist, die geschilderten Missstände (auch wenn ihm die Fakten häufig fehlen) in der Tendenz durchaus vertraut vor. Und weil sie ihm vertraut vorkommen (und er der These von dem von der Aufklärung unberührten Kanton Freiburg ohne Schwierigkeiten folgt), mag er sich vielleicht auch fragen, ob es nicht sein könnte, dass womöglich auch der Rest der Schweiz von der Aufklärung verschont geblieben sein könnte?

Um darüber urteilen zu können, müsste man wissen, was denn genau unter der Aufklärung
zu verstehen ist:
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?).

Dass der Mensch, seit Kant diese Gedanken formulierte, sich dadurch auszeichnet, mutig selber zu denken, springt einem nicht direkt in die Augen. Noch einmal der Philosoph aus Königsberg
„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so grosser Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdriessliche Geschäft schon für mich übernehmen. Dass der bei weitem grösste Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit ausser dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben ... Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen ...“

Dass sich daran, in den über 200 Jahren, die seit der Niederschrift vergangen sind, viel geändert hat, mag man eigentlich nicht erkennen. Weltweit, so wagen wir zu behaupten.

Und so meinte denn auch Kant, dass man „nur langsam zur Aufklärung gelangen“ könne, und antwortete auf die Frage „Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter?“ mit: „Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“

Das war im Jahre 1784.
Dort befinden wir uns, was unsere Einstellung anlangt, noch immer. Weil es eben so bequem ist, unmündig zu sein.

Erstveröffentlichung in www.vorwaerts.de im November 2004
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Ionesco und ich

Der am 26. November 1909 in Slatina geborene, ab 1938 in Paris lebende, Eugène Ionesco war einer meiner Jugendhelden. Und obwohl mir weder sein Werk noch sein Werdegang besonders vertraut sind und obwohl ich schon lange keine Helden mehr habe, fühle ich auch heute noch eine besondere Sympathie für diesen Mann. Das hat einerseits, so stelle ich mir vor, mit einer Aufführung von 'La cantatrice chauve' in einem Berner Kellertheater (das ist jetzt mehr als dreißig Jahre her), bei der ich Tränen gelacht habe, zu tun und andererseits mit seinen Tagebüchern ('Journal en miettes'/'Présent Passé Passé Présent'), die ich gelegentlich zur Hand nehme, wobei ich immer wieder erstaunt bin, wie gut mir das, was ich damals unterstrichen habe, immer noch gefällt, wie stark ich mich noch immer damit identifizieren kann. Beispiele aus 'Présent Passé Passé Présent', 1968:

"Alles, was Autorität ist, schien mir ungerecht und ist es auch … Ich weiß, dass jede Rechtsprechung ungerecht ist und jede Autorität willkürlich, selbst dann, wenn diese Willkür durch einen Glauben oder aber durch eine leicht zu entlarvende Ideologie gestützt ist. Die neuen Autoritäten sind ebenso ungerecht, ebenso unannehmbar wie die alten, denn sie werden durch Menschen verkörpert, das heißt durch persönliche und subjektive Leidenschaften, deren theoretische Objektivität mich nicht täuscht. Die offizielle Stellung, die Orden, die Ehren, das Verdienst maskieren nur Schandtaten und abgrundtiefe Dummheit."

"Was ich unannehmbar finde, sind die Bedingungen unserer Existenz. Auf der Erde zu sein, ist nicht annehmbar. Nicht verstehen zu können, ist unannehmbar, und wir können nicht verstehen, da die Endgültigkeit in unserem Wesen liegt."

Zugegeben, die beiden Zitate sind aus dem Zusammenhang gerissen. Doch Zusammenhänge, die ja schließlich nichts anderes als recht beliebige Konstrukte sind, interessieren mich nicht eigentlich. Und je länger, je weniger. Lese ich einen Text, so beschäftigt mich die Geschichte drumherum (wie das zeitlich und thematisch einzuordnen ist etc., also das, womit an Universitäten Lehrende es schaffen, Geld zu verdienen) wenig, wichtig ist mir vielmehr, ob die Lektüre mich unterhält, meinen Horizont erweitert, mich etwas entdecken lässt, mich etwas lehrt, mir zeigt, dass andere ganz ähnlich denken und empfinden wie ich selber auch. Dazu genügen oft kurze Passagen, Bruchstücke, einzelne Sätze – Shakespeares "The readiness is all", zum Beispiel, begleitet mich schon seit Jahren.
Je subjektiver sich jemand ausdrückt, desto größer die Chance, dass wir uns (da wir viel weniger einzigartig sind als wir gemeinhin annehmen) damit identifizieren können. Hier ein Beispiel aus Ionescos Jugend:

"Ich finde alte Tagebuchseiten, sie stammen aus … reden wir nicht davon. Sie sind so alt, dass mir schwindlig wird. Ich hatte eigentlich noch so gut wie nichts veröffentlicht, noch kein Theaterstück geschrieben, höchstens Dialogfetzen. Ich hatte dieselben Probleme, ich habe immer dieselben Probleme gehabt. Ich bin heute wie damals und wie von jeher unfähig, eine Antwort zu geben. Ich habe nichts gelöst; ich bin immer noch beim Fragen. Im Fragezustand bin ich, wenn das Bewusstsein wach ist. Sonst ist es das Vergessen, der Schlummer der Intelligenz. Hier also sind diese Seiten:

Es kommt vor, dass ich ab und zu aufwache, bewusst werde, merke, dass ich von Dingen und Leuten umgeben bin, und wenn ich sehr aufmerksam den Himmel oder auch die Wand oder auch den Boden oder auch diese Hand betrachte, die schreibt oder nicht schreibt, da kommt es vor, dass ich den Eindruck habe, ich sähe all das zum ersten Mal. Dann frage ich mich oder frage, als sei es das erste Mal: 'Was ist das?' Ich sehe mich um und frage: 'Was sind all diese Dinge? Wo bin ich? Wer bin ich? Was ist diese Frage?' In solchem Moment überflutet ein plötzliches Licht, ein starkes, blendendes Licht alles, lässt die Schatten unserer Sorgen, alle Schatten überhaupt verschwinden, das heißt alle Mauern, die bewirken, dass wir uns Grenzen, Unterscheidungen, Trennungen, Bedeutungen vorstellen und ausdenken. Es gelingt mir dann nicht einmal mehr, mir zum Beispiel die Frage zu stellen: Was ist die Gesellschaft? Oder auch irgendeine andere Frage, weil ich nicht über die erste, fundamentale Frage hinwegkomme, über das blendende, glühende Licht, das aus der Frage geboren ist, ein so starkes Licht, dass es alles umfasst, verbrennt, dass es, möchte man sagen, alle Dinge auflöst. Nur eine irrsinnige Liebe, ohne Objekt, kann dem blendenden Licht der Frage standhalten, und diese irrsinnige Liebe verwandelt sich, wächst, wird zu einer grundlosen Euphorie und scheint das Weltall in Flammen zu setzen." (Journal en miettes 1967).

Genau diese fundamentalen Fragen (mit der Erfahrung von grundloser Euphorie, doch ohne das Erlebnis dieses brennenden, glühenden Lichts) haben mich letzthin auf langen und meist ereignislosen Busreisen durch den Nordosten Brasiliens intensiv beschäftigt (auch, weil das Licht in den Hotels zum Lesen, das mir nicht zuletzt Halt gibt, nicht geeignet war, ich mich also nicht von dem, was einfach nur ist, ablenken konnte): Wer sich darauf einlässt, "alle Mauern, die bewirken, dass wir uns Grenzen, Unterscheidungen, Trennungen, Bedeutungen vorstellen und ausdenken" für einmal wegzulassen, macht in der Tat Erfahrungen, die einen Fragen wie "Was ist die Gesellschaft?" vollkommen absurd vorkommen lassen. Oder eben ganz einfach: "Es ist sehr einfach. Die Welt muss von denen regiert werden, die es interessiert, sie zu regieren. Wer verdient es, die Welt zu regieren? Diejenigen, die es interessiert, diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen. Mich interessiert es nicht." (Présent Passé Passé Présent’, 1968).

Seit Jahren beschäftigt mich, wie die Medien unser aller Wirklichkeit im Namen derer, die das Sagen haben, herstellen. Nicht bewusst war mir dabei lange Zeit, dass all das, was ich dabei erkannte, ich schon vor vielen, vielen Jahren gedacht habe und dass seither kaum eine wesentlich neue Erkenntnis hinzugekommen ist. Wie Ionesco habe ich mein Leben lang dieselben Probleme (und auch immer dieselben Fragen und dieselben Erkenntnisse) gehabt:

"Wie könnte unwahr sein, was in den Zeitungen steht? Es ist fürchterlich zu wissen, dass alles von einer kleinen herrschenden Gruppe bestimmt wird, dass alles, was in den Zeitungen steht, bewusst gelenkt, dann unbewusst von anderen übernommen wird, und dass der Masse das Gift als Nahrung dargeboten wird" ('Présent Passé Passé Présent', 1968).

Kurz vor seinem Tod gab Ionesco dem deutschen Fernsehen ein Interview: Das Leiden sei ihm ins Gesicht geschrieben, sagte der Moderator der Sendung (der sich offenbar für außergewöhnlich einfühlsam hielt) einmal. Ob er nie an Selbstmord gedacht habe? Ionesco blickte direkt in die Kamera und erwiderte, was er jetzt sage, sei natürlich "strictement entre nous", doch er sei sicher (er schaute gen Himmel), dass solches "ne l‘aurait pas plu au Seigneur."

Erstveröffentlichung im Aurora-Magazin, Salzburg 2007
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Armando

Im Januar 1997 rief mich Armando aus der Rehaklinik in Rheinfelden an, seine Bewegungsabläufe seien gestört, er müsse täglich Übungen machen, es sei mühsam, doch er sei zuversichtlich, nicht immer, doch meistens.
Er klang gefasst und darum bemüht, die Dinge positiv zu sehen. Er konzentriere sich jetzt darauf, seine Übungen zu machen, er wolle jetzt, verdammt-noch-mal, gesund werden. Ich glaubte auch Wut und Verzweiflung und Auflehnung heraus zu hören.

Ob der Armando das vor einem Jahr genau so gesagt hat und ob meine Interpretation seiner Gefühlslage richtig war, weiss ich natürlich nicht mehr. Ich habe ihn gefragt, er hält es für möglich. Ich habe es, wenn auch nicht Wort für Wort, doch sinngemäss, so in Erinnerung. Doch mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Wie sagt doch das russische Sprichwort so treffend: Er lügt wie ein Augenzeuge.
Wir sind eben alle auf eine bestimmte Art konditioniert, sehen, was wir sehen wollen, blenden aus, wo's uns nicht passt. Armando erinnert sich zum Beispiel ganz genau, dass ich mich während der Vorstellungsrunde in Genf mit „Je m'appelle Hans, je suis Suisse-Allemand“ vorgestellt habe. Selbstverständlich halte ich das für gänzlich unwahrscheinlich, da mein federales Französisch einen derartigen Hinweis auf meine Herkunft eigentlich erübrigt hätte. Andrerseits kann ich auch nicht mit Sicherheit behaupten, ich hätte diesen überaus doofen Satz nicht gesagt, denn dass ich mich nicht daran erinnere, besagt ja nur, dass ich mich eben nicht daran erinnere. Gesagt haben kann ich ihn gleichwohl. Sollte dies der Fall gewesen sein, ist nicht weiter verwunderlich, dass ich mich nicht mehr daran erinnern mag. Ich ziehe es nämlich vor, mich doch in einem etwas günstigeren Licht zu sehen.

Dass wir alle dazu neigen, unsere Lebensläufe unserem gegenwärtigen Erkenntnisstand unterzuordnen, geschönt selbstverständlich, versteht sich von selbst. Dies gesagt, werden wir, die an diesem Bericht Beteiligten, im Folgenden um die uns zur Zeit mögliche Aufrichtigkeit bemühen.

Kennen gelernt hatten wir uns im Januar 93 anlässlich des Einführungskurses für angehende Delegierte vom internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf. Wir gehörten beide zu den Älteren in der Truppe, was denn auch dazu beitrug, dass wir uns reichlich unwohl und angespannt fühlten, einerseits, weil man rund um die Uhr dabei zu sein hatte und sich nie zurückziehen konnte, was ich das letzte Mal vor 25 Jahren im Internat erlebt hatte, und andrerseits, weil man mit den 'humanitären Spielregeln', wie Armando den Umgang professioneller Helfer miteinander nennt, noch gänzlich unvertraut war. Dass sich zudem alles auf Französisch abspielte, bewirkte bei den Deutschschweizern – zugegeben, ich spreche hier fast nur von mir – auch nicht gerade eine Steigerung des Selbstwertgefühls. Ich habe selten so wenig geredet und soviel 'Hä' gesagt.

Armando, der früher erfolgreich Computer verkauft und eine leitende Stellung in einem Software-Betrieb eingenommen hatte, fuhr einen zweiplätzigen, roten, Toyota-Sportwagen, einen MR2, sagte dauernd 'tout-à-fait' und entsprach somit in so ziemlich gar keiner Weise dem Bild, das wir andern Humanitären uns von einem 'futur délégué CICR' machten. Armando wiederum, der genauso wie wir andern auch, seinem Leben eine neue und nützliche Richtung geben wollte, fragte sich, und auch mich, hin und wieder, was wohl die andern Teilnehmer des Kurses zur Mitarbeit bei einer humanitären Organisation motiviert haben mochte. Unsere Antwort war immer die gleiche: ganz sicher persönliche Probleme. Uns selber nahmen wir dabei natürlich aus.

Die Kriterien, welche die Verantwortlichen bei der Auswahl zukünftiger Delegierter zur Anwendung gebracht hatten, waren sowohl Armando als auch mir vollkommen schleierhaft. Richtig einleuchtend war uns eigentlich nur, dass wir beide in ganz besonderem Masse geeignet waren, im internationalen Rahmen humanitäre Aufgaben wahrzunehmen. Genauer gesagt hielt Armando sich selber für besonders befähigt. Und ich mich. Wie hielten uns für die Ausnahmen und waren die Regel.

Die Frage, die einzige, die uns alle in diesen drei Wochen fast ständig beschäftigte, war: Wo werden die mich bloss hin schicken? Jugoslawien war zu dieser Zeit ganz besonders aktuell und absolut keiner wollte dahin. Bis auf einen. Zumindest sagte der, dass er nichts dagegen hätte. Nein, nicht Armando. Der wollte nach Südamerika, glaubte jedoch nicht, dass er dorthin geschickt werden würde, unter anderem, weil sein Spanisch so gut nun auch wieder nicht war. Ich selber hoffte auf Asien, wo ich mich einige Jahre aufgehalten und wohlgefühlt hatte, und glaubte, meine Chancen stünden schon deswegen besonders gut, weil ich doch mit den dortigen Mentalitäten eigentlich recht gut vertraut war. Doch wer so denkt und träumt, kennt das IKRK nicht.

„Wie war Dein Briefing?“
„Französisch“, erwiderte Armando.
Er würde das nächste Jahr in Ayacucho, Peru, zubringen. Er habe bereits nachgeschaut, wer sonst noch dort sei. Es sei eine kleine Delegation und eine Krankenschwester sei auch dabei. Er werde sich da schon einrichten.

Mich verschlug es ins südliche Afrika.
Armandos Briefen war zu entnehmen, dass er ähnlich humanitär tätig war wie ich auch, sich also hauptsächlich mit der Frage beschäftigte, ob die schlichte Präsenz vor Ort bereits als humanitäres Wirken durchgehen konnte. Da er und die Krankenschwester, die sich als eine Bernerin namens Myriam entpuppte, mittlerweile ein Paar geworden und häufig zu zweit/alleine „en mission“ durch die Berge kurvten, schwärmt er noch heute von der Zeit in Peru.

Eineinhalb Jahre später trafen wir uns wieder in Zürich.
Ich hatte dem IKRK gerade ernüchtert Adieu gesagt, hielt mittlerweile, im Vergleich dazu, sogar das Verlagsleben, wo ich früher mein Brot verdient hatte, für professionell und trug jetzt Armando und seiner Freundin Myriam meine gesammelten Gedanken, Reflexionen, Analysen und Urteile zum Thema IKRK/Internationale Humanitäre Organisationen/Humanitärer Kolonialismus vor. Sie sagten kaum etwas, Armando nickte ab und zu und meinte „so isch es“, was ich damals noch als uneingeschränkte Zustimmung interpretierte. Heute neige ich eher dazu, ihr Schweigen als im wesentlichen durch meinen kaum zu bremsenden Redeschwall bedingt zu sehen. Nicht, dass sie alles ganz anders gesehen hätten, doch lässt sich die spezifische IKRK-Atmosphäre als Paar eben wesentlich leichter ertragen als wenn man auf sich alleine gestellt ist. Dass recht viele Delegierte denn auch schon nach relativ kurzer Zeit „en mission“ sich verheiraten, ist jedenfalls auffallend.

Armando und Myriam wurden für die nächsten Monate nach Kamembe, Ruanda, an der Grenze zu Zaire, geschickt. Myriam hatte Schiss vor diesem Einsatz, Armando freute sich auf die Herausforderung. Fünf bis sechs Flüchtlingslager gab es dort, das grösste mit etwa 20'000 Menschen. Im Gegensatz zu Peru war keine vernünftige Infrastruktur vorhanden, kein fliessendes Wasser, es fehlte am Nötigsten. Viele Delegierte wussten nicht, was sie tun sollten und waren auch deshalb voll mit sich selber beschäftigt. Das grösste Problem für Myriam und Armando bestand darin, sich nicht zurückziehen zu können, keine Privatsphäre zu haben. Anderen Delegierten schien dies hingegen nichts auszumachen, sie schätzten die Pfadilagerstimmung.

Es muss gesagt und soll betont werden: Was hier berichtet wird, ist nicht nachgeprüft oder, wie Journalisten zu sagen pflegen, recherchiert worden. Ich habe aufgeschrieben, was Myriam und Armando mir erzählt haben. So genau wie möglich. Und natürlich habe ich auch meinen Senf dazu gegeben.
Wahrheit ist immer subjektiv. Mit oder ohne Recherche. Kriterium hier war Aufrichtigkeit, subjektive Aufrichtigkeit
Im übrigen halte ich es mit Norman Mailer, der in seinem Buch über die CIA geschrieben hat: „It is a fictional CIA and its only real existence is in my mind, but I would point out that the same is true for men and women who have spent forty years working within the Agency. They have only their part of the CIA to know, even as each of us has our own America, and not two Americas will prove identical.“

Die nächste Stadt war Kuito, ein angolanisches Hiroshima. Ein einziges Desaster. Die Unterkunft hatte keine Fenster, fliessendes Wasser gab es auch nicht, zudem war die Stadt vermint und nur die Hauptachsen waren begehbar.
Zehn Wochen harrte Armando aus: allein, ohne Myriam, depressiv. Dass er kein Portugiesisch sprach, machte die Situation auch nicht leichter.
Dann wurde er verlegt und war jetzt zuständig für Pressearbeit. Das gefiel ihm ganz gut. Dann kam Myriam nach. Sie heirateten. Die Flitterwochen verbrachten sie in Kapstadt.

In der Rückschau, sagt Armando, gab es zu der Zeit Indikatoren, dass etwas nicht stimmte. In Kapstadt, beim Tauchen: Beim Zurückschwimmen, und das war nicht weit, habe ich gemeint, ich schaffe das nicht. Und dann, die hundert Meter den Hügel hinauf zum Auto, das habe ich auch fast nicht geschafft. In der folgenden Nacht hatte ich Wadenkrämpfe. Von da an bin ich jede Nacht, immer so gegen fünf/sechs Uhr mit Wadenkrämpfen aufgewacht. Und?, frage ich. Ich gewöhnte mich daran, sagt Armando.
Da war noch etwas anderes, sagt Myriam. Als Du mit Guido am Strand entlang gegangen bist und ich mit Peter, unserem Trauzeugen, hinter euch her, da haben Peter und ich uns lustig gemacht über den x-beinigen Gang der beiden Brüder. Damals habe ich dem absolut keine Bedeutung beigemessen.

Auf Angola folgte ein längerer Urlaub, zuerst in Südostasien, dann in Europa. Beim Tauchen in Phuket, in vierzig Meter Tiefe, wurde Armando schwindlig, so dass es bis zwanzig Meter auftauchte, um wieder klar im Kopf zu werden. Früher, da hatte er immer geglaubt, stärker als das Wasser zu sein, alles machen zu können, was er wollte. Und plötzlich ging das nicht mehr. Doch keine Sekunde hatte er das Gefühl, ein Problem zu haben.

Im Rückblick wird ihm deutlich, dass er da, im April 96, schwächer geworden ist. Da hätte ich etwas merken müssen, sagt er. Doch er hadere sehr wenig mit seinem Schicksal. Myriam tut sich schwerer. Dass sie als Krankenschwester nicht gemerkt habe, dass ihrem Mann etwas fehle, damit sei sie nur sehr schwer klargekommen.
Nach dem Urlaub folgt eine Weiterbildungskurs in Genf, dann der nächste Einsatz im Sudan. Khartoum war heiss und staubig, es herrschten Temperaturen von über vierzig Grad. Armando war sich am Eingewöhnen, Myriam sollte nachkommen. Eines Tages ging Armando zum baden an den Pool im Hilton, wo er auch eine IKRK-Krankenschwestern traf. Als er aus dem Wasser stieg, versteifte sich sein Bein. Was hast Du?, rief die Frau aus. Er guckte auf sein Bein und sagte, ach, das ist nichts, vielleicht war ich zu lange im kalten Wasser. Na ja, so lange mir das nicht beim Autofahren passiert, ist das halb so wild.

Zu diesem Zeitpunkt war auch anderen aufgefallen, dass Armando ein Bewegungsproblem hatte. Doch niemand sprach ihn darauf an. Im Nachhinein sagten dann alle, sie hätten natürlich schon bemerkt, dass er Schwierigkeiten mit dem gehen gehabt habe.

Bevor Myriam in den Sudan aufbrach, nahm sie in Bern einen Tenniskurs. In Juba, im Südsudan, gewann sie dann zum ersten Mal ein Spiel gegen Armando.
Auch beim Federball fiel ihr auf, dass ihr Mann plötzlich total schwach spielte.

Nach sechs Arbeitswochen im Südsudan hatten Myriam und Armando Anrecht auf eine Kompensationswoche, die sie am Strand von Lamu in Kenia verbrachten. Das war im Juli 96. Das Treppensteigen bereitete Armando Mühe, die Kälte der Klimaanlage beeinträchtigte seine Bewegungen. Zum ersten Mal gab er sich zu, ein Problem zu haben, doch der Leidensdruck war noch nicht gross genug, um vor Ort einen Arzt aufzusuchen. Zurück im Südsudan konsultierte er eine Ärztin vom IKRK, die auf Magnesium- und Calziummangel tippte.

In dieser Zeit ging Myriam durch den Kopf, es könnte womöglich MS sein. Doch sie sagte sich, sie wolle nicht den Teufel an die Wand malen.

Anfang September 96, bei einem Besuch in Nairobi, suchte Armando im Nairobi-Hospital einen italienischen Arzt auf. Dieser klopfte ihm mit dem Hämmerchen aufs Knie und meinte, oh, nicht gut. Es gebe drei Möglichkeiten: Aids, Gehirntumor oder eine seltene Art von Bilharziose, eine sogenannte Spinale Schistosomiasis. Es war morgens um zehn und Armando wurde gesagt, er solle nachmittags um drei wieder kommen, dann würde der Befund vorliegen. Die damals vor ihm liegenden fünf Stunden gehören nicht zu denen, die er nochmals zu durchleben wünscht.
Die Diagnose war Bilharziose, eine in Afrika und Südamerika weit verbreitete Tropenkrankheit, bei welcher ein Wurm über das Wasser in den menschlichen Organismus gelangt und dort seine Eier ablegt, vorwiegend in der Blase, in ganz seltenen Fällen aber auch in der Wirbelsäule. Diese Eier produzieren einen Schleim, der eine Entzündung der Abflussvene verursacht und zur Folge hat, dass das Gebiet der Wirbelsäule nicht mehr richtig mit Blut versorgt wird und die sich dort befindenden Nervenbahnen Schaden nehmen. Die Ansteckung erfolgt durch verseuchtes Wasser, am häufigsten beim Baden in einem See oder beim Sich-Waschen, allenfalls auch durch Trinken.
Der Arzt riet Armando inZürich noch ein MRI, ein Magnet Resonance Image, zu machen, um allfällige andere Möglichkeiten, insbesonders MS, auszuschliessen. Doch dieser, ganz zufrieden mit der Diagnose, gab es doch für Bilharziose eine medikamentöse Behandlung und so würde er in wenigen Wochen wieder der alte sein, wollte keine weiteren Untersuchungen.

Armando kehrte zurück nach Juba, schluckte seine vorgeschriebenen Tabletten, die Beschwerden gingen massivstens zurück und er war sichs zufrieden. Was blieb, war eine grosse Müdigkeit.

Wie schon der Arzt im Nairobi-Hospital ermunterte ihn auch der neue IKRK-Arzt in Juba für weitere Tests in die Schweiz zu fliegen. Schliesslich gab Armando nach.

Jedesmal, wenn Armando schildert, wie er, auf dem Weg in die Schweiz, auf dem Flughafen von Nairobi seinen Flug abwartete, zeigt sein Gesicht einen Ausdruck der absolut vollständigen Verblüffung, des wirklich totalen Staunens über seine eigene Wahrnehmung, so als ob ihm diese selber völlig unerklärlich wäre: Mein Gepäck habe ich aufgegeben, ich bin gut drauf, fühle mich fit und gehe auf einen Kaffee in die Airport-Lounge. Als ich mich wieder von der Ledercouch erheben will, eilt dienstbeflissen der Kellner herbei und fragt: „My I help you, Sir?“. Ich hab's nicht fassen können. Da denke ich, eigentlich gehe ich doch ganz gut, bewege mich stimmig, ziemlich normal halt. Und da kommt dieser Kellner und hält mich ganz offenbar für hilfsbedürftig. Mein Bild von mir hat da einen Sprung bekommen, einen massiven.

Im Zürcher Unispital wurde die Spinale Schistosomiasis bestätigt. Es gebe keine Garantie, dass er wieder 100% gesund werde, mit sechs Monaten müsse er auf jeden Fall rechnen.
Es folgten vier weitere Monate Sudan. Abgesehen davon, dass er sich immer müde fühlte, ging es ihm bestens.
Auch beruflich wurde es spannend. Das IKRK bekam plötzlich Bewilligungen, für die es jahrelang gekämpft hatte.
Dann wurde ein IKRK-Flugzeug entführt, Geiseln genommen und Armando war als Sub-Delegationsleiter extrem gefordert. Er fühlte sich in seinem Element.

In dieser ganzen Zeit machte er unter Anleitung einer IKRK-Ärztin, die auch Erfahrung mit MS-Patienten hatte, Bewegungsübungen. Ab und zu fragte er sich, ob die Tabletten wohl den Wurm besiegt hätten. Zu vieles Hinterfragen gestattete er sich dabei nicht, schliesslich hatte er eine klare Diagnose, die besagte, dass er keine Befürchtungen zu haben brauche. Das Alles brauchte eben
einfach seine Zeit. Doch dann begann er neue Veränderungen wahrzunehmen, Zuckungen in den Oberarmen beunruhigten ihn, doch „im Busch war man eben auch weit weg vom Geschütz“.

Ende Dezember 96 kehrten Armando und Myriam in die Schweiz zurück, mieteten in Zürich eine Wohnung und Armando trat in die RehaKlinik Rheinfelden ein, wo er die nächsten Monate zubringen sollte. In dieser Zeit wollte er Myriam nicht um sich haben. Er würde da die ganze Zeit voll beschäftigt sein und sie würde nichts anderes machen können, als ihn ständig zu fragen, wie's ihm gehe. Er fand das unmöglich für sie. Auch behagte ihm die Vorstellung von Myriam, allein, da er sich ja sechs Tage die Woche in der Klinik aufhalten würde, in der kleinen, unpersönlichen Wohnung in Zürich überhaupt nicht und so ermunterte er sie, sich beim IKRK nach einer geeigneten Kurzmission umzutun. Myriam wollte zuerst nicht so recht, doch als dann das Angebot kam, für zwei Monate nach Lima zu gehen, sagte sie zu.

Als Armando am 20. April 1997 die Klinik verliess, hatte er nicht das Gefühl, dass es ihm besser gehe. Im schien, als habe er die ersten paar Wochen eine Verbesserung verspürt, dann aber stagniert und schlussendlich habe er einen eigentlichen Abfall festgestellt. Doch alle redeten ihm gut zu. Das würde schon besser kommen, er müsse sich jetzt eben wieder an das Draussen gewöhnen. Faktisch war er zu diesem Zeitpunkt fit geschrieben; sein nächster Rot-Kreuz-Einsatz stand bereits fest.
Es ist verständlich, dass vor allem die Ärzte und Physiotherapeuten in Rheinfelden ihm beizubringen versuchten, dass es ihm besser ging als er sich fühlte, schliesslich hatte die ganze Behandlung rund 70'000 Franken gekostet. Doch das Offensichtliche war nicht aus der Welt zu argumentieren: Rein gegangen in die Klinik war Armando ohne Gehhilfen, heraus kam er auf Krücken gestützt.

Anfang Mai schien ihm seine Situation dermassen aussichtslos, dass er beschloss, einen Arzt, den er vom IKRK her kannte, zu kontaktieren. Dieser, ein pensionierter Professor für Herz- und Gefässchirurgie, zu dem Armando grosses Vertrauen hatte und der auch sehr hilfsbereit war, meinte, die entscheidende Frage sei, ob die Diagnose noch stimme.
Er veranlasste weitere Untersuchungen am Zürcher Unispital. Ein Professor für innere Medizin, der schon die ersten Tests vorgenommen hatte und von dem sich Armando gut betreut fühlte, würde auch die weiteren Untersuchungen vornehmen. In einer Woche wisse man mehr.

Zwischenzeitlich, anlässlich eines Besuchs bei Myriams Bruder im Bernischen, fiel Armando im Haus eine zwanzig-stufige Treppe hinunter. Er musste danach erst einmal eine Viertelstunde lang liegen bleiben bis die Schmerzen so weit nachliessen, dass er wieder aufstehen konnte. Entschlossen, sich nicht den aufkommenden Ohnmachtsgefühlen auszuliefern und dem Tag eine Wendung zu geben, suchte er am Nachmittag in Zürich ein Fitnessstudio auf, wo Myriam zur Zeit, als er in Rheinfelden war, ab und zu trainiert hatte. Er wollte wissen, was er tun könnte, um seine Muskeln zu stärken.
Der Geschäftsführer, der zu Myriam schon im Januar einmal gesagt hatte, sie wisse ja, es gebe nicht nur die Schulmedizin und sollte sie sich dafür interessieren, er auch einschlägige Adressen habe, guckte Armando an und meinte, er solle ins Sunnehus. Was das sei? Ein ökumenisches Kur- und Bildungszentrum im Toggenburg, das von einer 80jährigen Frau, einer Heilerin, geleitet werde. Und wie es komme, dass er ihnen das empfehle? Er sei einer, der mit Wundern aufgewachsen sei.

Ein paar Tage später fuhren sie nach Wildhaus, wo Armando der Zentrumsleiterin erst einmal seine Krankengeschichte erzählen wollte. Die Frau jedoch meinte, es wäre zweckmässiger, wenn er sich hinlegen und sie ihn abtasten könnte. Mit Ihnen stimmt ganzheitlich etwas nicht, sagte sie. Sie haben viel Schlimmes gesehen beim Roten Kreuz und einen vollen Tränensack. Sie müssten weinen können.

Unispital Zürich. Der Professor für Innere Medizin, ein Mann, der Armando und Myriam sympathisch war und der die beiden nun über das Resultat der Untersuchungen zu informieren hatte, war sichtlich ergriffen und ihm war ganz offenbar nicht wohl in seiner Haut. Er bediente sich medizinischer Fachausdrücke, die auch Myriam, die im Laufe ihres Berufslebens einiges an medizinischem Jargon mitgekriegt hatte, unverständlich blieben. Doch soviel war ihnen, als sie das Unispital an diesem Tag verliessen, klar: Armando litt an einer unheilbaren Muskelkrankheit und würde am Schluss ersticken.

Du verlierst den Boden unter den Füssen, fühlst dich völlig ohnmächtig, kannst keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen, beschreibt Armando das heute. Ein Schmerz, eine Verzweiflung, wie wenn deine Freundin in deiner Jugend mit einem anderen schläft.
Und dann, wie ging's weiter? Wir sind zurück an die Brauerstrasse. Ich stell mich ans Fenster und sag zu Myriam: Aus dem Fenster schmeissen geht nicht, wir sind nur im zweiten Stock. Galgenhumorig. Doch wir wussten, wir mussten ins Sunnehus. Wir machten uns noch am selben Tag auf den Weg. Als wir dort ankamen, sagte die 80jährige Hausmutter: Ja, wüssed Sie, ich ha no Hoffnig für Sie. Und wie wirkte das auf Dich? Sensationell guet.

Sieben Wochen blieben sie dann im Sunnehus und lernten dort, was sie dort zu lernen hatten. In dieser Zeit besuchten mich die beiden einmal. Es war ein Jahr vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Abgesehen davon, dass er an Krücken ging, ganz, ganz langsam, mit nach innen gedrehtem Fuss, und eine absolute Ewigkeit zu brauchen schien, bis er die Strasse überquert hatte, wirkte er auf mich nicht besonders verändert. Dünner war er vielleicht geworden, doch ich kann mich da täuschen, denn dünn war er seit ich ihn kenne.
Wir setzten uns in eine Gartenwirtschaft und ich redete viel. Wie immer schon. Und wie immer blitzte ihm der Schalk in den Augen. Mir kam es nicht so vor, als ob sich viele verändert hätte. Wir gingen noch genau so miteinander um wie vorher.
Ich weiss, das klingt absurd. Konnte das denn wirklich sein, dass da zwei Leute, von denen einer plötzlich dem Tode nahe ist, miteinander umgingen, als wäre nichts geschehen? Klar, hundertprozentig genau so wie vorher war es sicher nicht, schliesslich redeten wir ja auch über seinen jetzigen Zustand, der eindeutiger kaum hätte illustrieren können, wie vieles wirklich anders geworden war, doch wenn wir uns so gegenüber sassen und uns unterhielten, war es eben eigentlich doch fast wie immer schon. Ich wollte es auch so.
Und doch war etwas anders geworden. Doch das habe ich erst ein paar Wochen später wahrgenommen.

Was auch immer die Gründe gewesen sein mögen, die Armando und mich damals veranlasst hatten, uns dem Roten Kreuz anzuschliessen, die Suche nach Sinn gehörte ganz wesentlich mit dazu. Darüber redeten wir auch häufig, ich vor allem; Armando hörte meist nicht ganz uninteressiert zu, doch war ihm klar wichtiger, was man praktisch mit seinem Leben machte. Spirituell, fand ich, der ich die Lektüre spiritueller Bücher einer gelebten Praxis vorzog, konnte man den Mann schlicht nicht ernst nehmen.

Ich war noch nie ein besonders guter Zuhörer gewesen, doch die Tatsache, dass da plötzlich einer konkret den Tod vor Augen hatte, liess mich plötzlich etwas aufmerksamer werden. Ich war überzeugt, zumindest hoffte ich darauf, dass man in einer solchen Situation zu Wesentlichem vorstossen musste. Ich hatte genügend Geschichten von Todkranken gelesen, die im Angesicht des Todes eine entscheidende Wandlung durchgemacht hatten. Eine solche erwartete ich mir jetzt auch von Armando. So in Richtung spiritueller Durchbruch. Dass er mir dann den Alchimisten und das Lola-Prinzip empfahl, empfand ich als nicht gerade ermutigend. Da ich zu den Leuten gehöre, die über solche Bücher eine Meinung haben, auch wenn sie sie nicht gelesen haben, kostete es mich einige Überwindung, die Lektüre dieser beiden Werke an die Hand zu nehmen. Den Alchimisten schaffte ich mit Mühe, beim Lola-Prinzip blieb es beim Blättern und bei einzelnen Seiten.

Doch da gab es noch eine andere Ebene, nicht die meine der Bücher und Ideen, sondern die seine der praktischen Notwendigkeiten.
Er müsse mit seiner Energie haushälterisch umgehen, sagte Armando, und: man habe keine Zeit im Leben. Wir alle wissen das und merkwürdig ist eigentlich nur, dass uns dieses Wissen erst dann auch wirklich erreicht, wenn wir ihm nicht mehr ausweichen können.
Armando half mir, meine Prioritäten richtig zu setzen. Und vor allem und ungleich entscheidender: diese auch umzusetzen, sie zu praktizieren.
Eines Tages, in einem Strassencafé in Zürich, erzählte ich ihm von meinen Erlebnissen in Kuba, von wo ich gerade zum zweiten Mal in diesem Jahr zurückgekehrt war, als er mich plötzlich unterbrach und mich mit einem Ausdruck anschaute, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liess: „Wenn das wirklich so wichtig ist, wie du sagst, dann kannst du nicht solange warten, dann musst du viel schneller wieder dorthin zurück.“ Ich wusste, er hatte recht und trotzdem, nein, das ging nun wirklich nicht. Jetzt war ich doch eben erst gerade zurückgekommen, hatte dieses England-Jahr im Kopf und überhaupt. Doch mir war auch klar, dass ich gerade wieder einmal dabei war, für das beständige Zögern in meinem Leben ein paar neue Rechtfertigungen zu fabrizieren.
Im Briefumschlag, der mich ein paar Tage später erreichte, steckte eine Postkarte des Cuban Tourism Office in Bern und hinten drauf stand: Just Do It, unterzeichnet von Armando und Myriam. Ein paar Wochen später machte ich mich wieder auf den weg nach Havanna. Es sollte der richtige Entscheid gewesen sein.

Die Muskelkrankheit, unter der Armando leidet, heisst Amyotrophe Lateral Sklerose, kurz ALS, und die Meinungen über ihren Ursprung gehen auseinander. Für die einen gründet sie in einer viralen oder bakteriellen Entzündung, für andere in einer Vergiftung, für wiederum andere in einer verstärkten Glutamatabsonderung im Hirn.
Bei ALS sind die Nervenbahnen in Ordnung, doch die Impulse, die vom Gehirn ausgehen und die Bewegungsabläufe auslösen und koordinieren, erreichen ihre Bestimmungsorte nur noch teilweise oder gar nicht mehr, weil die entsprechenden Schalter nicht mehr richtig funktionieren.
ALS ist etwa gleich häufig wie MS. Dass man von ALS kaum etwas hört, liegt daran, dass die durchschnittliche Überlebensdauer bei nur gerade zweieinhalb Jahren liegt.

Bei ALS kriegst Du die Diagnose und dann bist Du schon bald einmal tot, sagt Armando. Es ist verdammt schwer. Du bist todkrank und wirst jeden Tag schwächer. Doch meine Situation steht mir nicht jeden Tag wie ein Klotz im Weg. Ich streite, ich lache. Ob er auch weinen könne? Nicht so recht.

Alle seine Muskeln lassen nach. Er kann das von Woche zu Woche beobachten. Schreiben kann er nicht mehr und manchmal wird ihm die Zunge schwer. Er kann praktisch nichts mehr alleine machen, weder aufstehen, noch sich anziehen und braucht rund um die Uhr Betreuung. Wenn Myriam nicht wäre, müsste er in einem Heim versorgt werden.
Myriam, deren Leben eine genauso radikale Wendung genommen hat wie das ihres Mannes, ist an ihrer Aufgabe gewachsen und sagt heute, es gebe in ihrem Leben nichts Wichtigeres als Armando durch diese Lebensphase zu begleiten. Auch habe sie neue Werte entdeckt. Das Tibetanische Buch vom Leben und Sterben lese sie heute mit ganz anderen Augen. Und dann habe sie auch festgestellt, dass ihr die Hausarbeit, die ihr früher immer gestunken habe, heute nichts mehr ausmache, sie sogar ganz gerne koche und auch der Pflege der Pflanzen etwas abgewinnen könne. Sie tue einfach was anstehe.

Mit zweiundzwanzig war Myriam in einen schweren Töff-Unfall verwickelt. Ihre Freundin, die den Töff steuerte, kam dabei ums Leben. Myriam, die auf dem Sozius gesessen hatte, lag eine Woche auf der Intensivstation. Genauso gut hätte es sie selber treffen können. Diese Erfahrung hat sie enorm geprägt. Ihr Verhältnis zum Tod ist seitdem ein anderes.
Sie sagt, dass sie damals, wütend und verzweifelt mit Gott gehadert und dann, ganz allmählich, mit den Bedingungen, die das Leben an einen stellt, zu leben gelernt habe. Weil sie es musste.

Von Bekannten wird sie häufig gefragt, wie es ihr gehe, wie sie mit dieser Situation klar komme? Sie habe nicht das Gefühl, sich aufzuopfern, sagt sie dann. Es sei ein Geben und Nehmen. Ein Teilen auch. Und manchmal sei da eine ganz tiefe Trauer.

Einen Toyota-Sportwagen besitzt Armando auch heute. Myriam fährt ihn jetzt. Sie, die mit Sportwagen noch nie etwas anfangen konnte und Sportwagenfahrer sowieso daneben fand. Bis sie dann irgendwann einmal realisierte, dass die Wichtigkeit, die sie solchen Äusserlichkeiten beimass, nicht das Problem der Sportwagenfahrer, sondern ihr eigenes war.
Als sie letzthin gerade dabei war, von einem Parkplatz, der für Behinderte reserviert war, wegzufahren, wies sie ein anderer Autofahrer barsch zurecht: „He, Sie, das ist ein Behindertenparkplatz!“ Sie fuhr ruhig zurück, drückte auf den Knopf, um die Scheibe herunter zu lassen und hielt dem Mann den Behindertenausweis unter die Nase. „Oh, Entschuldigung, das habe ich nicht gewusst.“ Natürlich nicht. Wer erwartet schon einen Behinderten auf dem Beifahrersitz in einem Sportwagen?

Armando hatte immer schon viel Sinn für die Absurditäten des Lebens und er hat ihn sich bewahrt. Als er letzthin zur Zahnärztin musste, fragte ihn diese:
„Was haben Sie eigentlich?“
„Eine Muskelkrankheit.“
„Hm, hier haben wir zwei abgebrochene Zähne. Eine kleine Sache, da lohnt sich eine Spritze gar nicht.“
Sonst kollabiert mir der womöglich noch in der Praxis, wird die sich gedacht haben, kommentierte Armando.
Als Myriam zurück kam, erklärte ihr die Zahnärztin, was sie mit den Zähnen ihres Ehemannes alles gemacht habe.
Armando schaut seiner fortschreitenden Entmündigung teils gelassen, teils amüsiert zu. Er sei nachsichtiger geworden, habe es nicht mehr nötig, etwas zu sagen. Die Leute wüssten es einfach nicht besser. Und im Übrigen habe seine Nachsicht auch damit zu tun, dass er mit seinen Kräften haushalten müsse.
Myriam hingegen kocht manchmal vor Wut ob der Ignoranz der Leute. Sie wehrt sich für ihn, explodiert, reagiert häufig unverhältnismässig.
Vor zwei Monaten, im Pick+Pay, ist einer Armando mit dem Wägelchen hinten rein gefahren. Myriam brüllte den Mann zusammen, machte ihn richtig zur Schnecke. Wie hast Du das empfunden, Armando? Er könne sich nicht erinnern, das liege doch schon zwei Monate zurück.

Stephanstag, morgens um 11 Uhr. In der Tiefgarage herrscht Feiertagsruhe, als Myriam und Armando nach Hause kommen und ein anderer gerade hinzu fährt. Armando ist am Aussteigen, als der andere frägt, ob sie da gerade wegfahren? Ja, gleich.
Doch solange kann der Mann nicht warten, er kurvt hin und zurück, um seinen Wagen in die Parklücke zu manövrieren. Er benötigt genau die Zeit, die Armando zum Aussteigen braucht.
Aussteigen braucht.
„Du, das isch echli en Arme gsi“, sagt Armando im Lift zu Myriam.
„Ja, total en Arme.“
„Au, wenn's en Arme isch, mer chönd nöd mit jedem Mitleid ha.“ Die beiden grinsen sich an und lachen sich's Füdli voll.

Armando betont es immer wieder: er habe Hoffnung, dass sich alles noch einmal drehen lasse. Natürlich wisse er, dass er für die Schulmedizin ein verlorener Fall sei. Trotzdem habe er Mut und Hoffnung. Ein Geistheiler habe ihm gesagt, dass der Mensch, so lange er atme, Zellen produziere und so lange er dies tue, sei alles möglich.
Sie suchen verschiedene Heiler auf, Armando macht auch Atemtherapie und Feldenkrais und besucht eine Ärztin, die traditionelle chinesische Medizin praktiziert. Von den Leuten, mit denen sie dabei in Kontakt kommen, fühlen sie sich liebevoll begleitet.
Einmal machen sie auch eine ihnen empfohlene, rigorose Diät, die sie jedoch nach zwei Monaten, da das erhoffte Resultat ausblieb, wieder aufgaben.

Er tue alles, einfach alles, was ihm helfen könne, seine inneren Heilungskräfte zu aktivieren, sagt Armando, schlussendlich könne er sich ja nur selber heilen.
Es ist verblüffend, wie sich dabei die Dinge manchmal gleichsam organisch ergeben. Eine IKRK-Kollegin, die in Genf einen Geistheiler/Masseur/Wahrsager aufsuchte, erzählte diesem auch von Armando, worauf der Mann die Augen schloss – er kannte zu diesem Zeitpunkt weder Armandos Namen noch die Art der Krankheit – und sagte, er sehe zwei As vorherrschend im Namen – abgesehen von den beiden As in seinem Vornamen, beginnt auch Armandos Nachname mit einem A – und dann sehe er noch eine Krankheit, die durch Wasser ausgelöst sei. Nicht durch Trinken, sondern durch Berührung mit Wasser. Und dann sagte er noch, das Wasser sei nicht von hier, er sehe nämlich auch Nilpferde.

Armando ist ein Mann von gesunder Skepsis, doch, sagt er, das war dann schon etwas viel auf einmal. Zu viel jedenfalls, um es einfach vom Tisch zu wischen.

Armando und Myriam suchten den Mann in Genf auf. Anwesend war auch ein Kollege des Heilers aus Paris, der einen Dr. Mana aus Nepal erwähnte, dem man nachsagt, er habe schon Leute von Krebs und Aids geheilt. Dies wäre nicht weiter erwähnenswert, solche Geschichten man heute zuhauf, hätte Armando nicht mit ebendiesem Dr. Mana bereits einmal zu tun gehabt. Und das kam so: vor etwa 15 Jahren hatte er sich in Nepal aufgehalten und war ziemlich schwer krank geworden. Er litt an Hepatitis und Amoeben und fühlte sich total schwach. Als er da von Dr. Mana hörte, hatte man ihm im Spital von Kathmandu gerade einen Sack mit Medikamenten abgegeben. Dr. Mana sagte ihm damals, er müsse sich entscheiden, ob er die Medikamente nehmen oder sich ihm anvertrauen wolle, worauf Armando den Sack auf der Stelle in den Papierkorb schmiss. Dr. Manas Mixtur aus Wurzeln und Kräutern wirkte, Armando erholte sich wieder.
Als ob diese Koinzidenz noch nicht genügen würde, erwähnte dann ein Freund aus Jakarta sowie Jean-Pascal vom IKRK, ein Mann, der sehr ernsthaft meditiert, den Dr. Mana, so dass Myriam und Armando beschlossen, im neuen Jahr nicht nur nach Thailand, wo sie in einem buddhistischen Kloster einkehren wollten, sondern auch nach Nepal zu fahren.

Jean-Pascal habe ihm gerade eine Diskette mit Spirituellem zugeschickt, die er jetzt am Ausdrucken sei. Der Drucker habe zu tun, er sei bereits bei Seite dreissig, erwähnt Armando am Telefon und fügt hinzu, dass er, um nicht vollständig spirituell abzuheben, gleichzeitig seine Bankauszüge lese.

Auffallend ist, zumindest für mich, wie wenig die beiden mit ihrem Schicksal zu hadern scheinen. Die Sachen passieren, wie sie passieren müssen, sagt Myriam einmal.
Man kann es ja auch ganz besonders makaber finden, dass sie, gerade als sie aus Peru zurückgekehrt war, wo die Geiselnahme in der japanischen Botschaft eben ein blutiges Ende genommen hatte, von der tödlichen Diagnose ihres Mannes erfuhr. Als ob die Konfrontation mit dem Tod in Lima noch nicht gereicht hätte. Doch die Toten in der Botschaft hätten dem Tod als Einzelschicksal etwas von seinem Schrecken genommen, erklärt sie, so dass sie besser eigentlich gar nicht hätte vorbereitet sein können, um mit den neuen Realitäten, die sie in der Schweiz erwarteten, zurecht zu kommen.

„Das ganze Leben habe ich gedacht, ich sei 'invincible' und ich könne alles erreichen, wenn ich nur wolle. Und jetzt kriege ich einen solchen Hammer.“
Was er von den Leuten halte, die von Krise als Chance sprechen? Er lächelt leicht despektierlich und meint, so weit würde er nicht gehen.
Er habe früher auch esoterisches Zeugs gelesen, doch so richtig erreicht habe es ihn nie. Gelassenheit, zum Beispiel, sei damals mehr ein mentaler Kraftakt gewesen.
Und wie ist das heute? Wenn er sich hinlege, dann gebe es da Momente, wo er aus seinem Mittelpunkt, dem Bauch, heraus spüre, dass alles stimmig sei.

Es sind noch einige wenige Wochen hin, bis sich die beiden nach Thailand und Nepal aufmachen werden. Um sich über Möglichkeiten, in thailändischen Klöstern unterzukommen, zu informieren, hat Armando vor kurzem mit Dr. Rong Tong, einem hohen Würdenträger und Vorsteher eines buddhistischen Zentrums im Solothurnischen, Kontakt aufgenommen. Es war dies nicht das erste Mal, er hatte vor einigen Wochen schon einmal mit ihm telefoniert.
Als Myriam und Armando jetzt dem Mann zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gegenüber sitzen, fragt Dr. Rong Tong, wie es mit der Verdauung stehe? Gut, erwidert Armando. Solange die Verdauung stimme, sei noch alles möglich, meint daraufhin Dr. Rong Tong und fügt hinzu, er möchte ihm einen Rat geben: Relax.
Und dann sagt er noch: 'There are people who are afraid of dying and there are people who are not afraid of dying. Both people must die. People who are afraid of dying die sooner and people who are not afraid of dying die later.'

Ich sag Dir, ich hab mich total gut gefühlt, als der Dr. Rong Tong das gesagt hat, berichtet mir mit befreitem Lachen Armando übers Telefon. Und er habe total gut geschlafen. Und sei am andern Morgen total gut aufgewacht.
Ob dieses Gefühl angehalten habe?, will ich wissen. Er könne es ganz leicht abrufen, erwidert Armando.

Während der Audienz habe ihnen übrigens ein junger Thai Tee gereicht, worauf Armando, sich ein paar thailändischer Vokabeln noch von früher her mächtig wähnend, 'shukram' sagte. Da ihn der Thai daraufhin verständnislos angeblickt habe, habe er sein 'shukram' wiederholt, was jedoch die Verwirrung des jungen Mannes nur noch gesteigert habe.
Erst nachdem sie wieder draussen waren, gelang es Myriam, Armando darauf hinzuweisen, dass 'shukram' Arabisch und nicht etwa Thailändisch für Danke sei, worauf sich die beiden wiedereinmal s'Füdli voll lachten.

Als wir uns zur Besprechung einiger noch offener Fragen zu diesem Artikel am Dreikönigstag in Zürich treffen und dabei natürlich, wie es sich gehört, einen Dreikönigskuchen essen, erzählt Armando, dass er es gewesen sei, der vor einem Jahr den König gewonnen habe. Zu der Zeit habe es ihn noch häufig genervt, dass die Leute ihm immer auf die Beine schauten, weswegen er sich, als sie von Genf kommend am Hauptbahnhof aus dem Zug stiegen, die Krone aufsetzte. Und siehe da: alle guckten ihm von nun an aufs Haupt. Und er freute sich königlich. Dieses Jahr hat Myriam den König gewonnen. Da Armando seine Krone vom letzten Jahr immer noch hat, haben jetzt beide eine.
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Genug

‚Warum müssen wir das eigentlich alles wissen? Die ganzen letzten Wochen gab’s nur zwei Themen, die Finanzkrise und die amerikanischen Wahlen. Warum müssen wir das wissen, was haben wir damit zu tun?’, fragt Daniele im Englisch-Konversationskurs. Daniele ist Anfang dreissig, hat ein abgeschlossenes Studium hinter sich und arbeitet in einem grösseren Industriebetrieb in Santa Cruz do Sul, einer Stadt mit 120'000 Einwohnern im südlichsten brasilianischen Staat, Rio Grande do Sul, der so gross ist wie Italien, doch nur gerade eine Bevölkerung von 10 Millionen aufweist.

Die Antwort ist einfach: wir müssen das alles gar nicht wissen. Warum sollten wir auch? Weil es uns die Medien sagen? Nun ja, die Medien sagen uns, was den Medieneignern nützt. Weil wir davon betroffen sind? Die meisten hier im Süden Brasiliens sind es nicht. Und diejenigen, die es sind, können, auch wenn sie gut informiert sind, deswegen doch nicht viel tun. Aber weshalb glauben wir (okay: nicht alle, doch viele) eigentlich ständig, irgendwas zu müssen? Eine hellsichtige Erklärung lieferte Oswald Spengler in „Der Untergang des Abendlandes“:

„Nicht was wir tun, was wir erstreben, was wir werten sollen, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, dass diese Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschliesslich des abendländischen Wertgefühls ist. Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluss einer ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle fordern etwas von den andern. Ein "Du sollst" wird ausgesprochen in der Überzeugung, dass hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, gestaltet, geordnet werden können und müsse. Der Glaube daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam verlangt. Das erst heisst uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne. In diesem Punkt sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, lehrt, will, ist sündhaft abtrünnig, ein Feind. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese Form der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen Sinn der Moral. Aber das ist weder in Indien noch in China noch in der Antike so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Formen hoher - willensfreier - Moralen.“

Es liegt einige Zeit zurück, dass ich diesen Text zum ersten Mal las; die Einsichten, die er mir vermittelte, finde ich nach wie vor anregend, doch heutzutage genügen mir Einsichten nicht mehr, heutzutage (ich habe nämlich total GENUG von diesem dauernden Sollen und Müssen) benötige ich praktische Relevanz, und das meint: ich mag nicht mehr immer ‚müssen’ und ‚sollen’ und überhaupt: ich kann und darf so, wie ich mag. Wirklich? Ja, wirklich. Obwohl Spengler behauptet, wir seien alle Sklaven der Kultur, in die wir hineingeboren, sind wir eben doch nicht nur Opfer der Umstände (sicher, das auch, teilweise), wir können auch wählen.

Der Schweizer Schriftsteller Otto Steiger erzählte in „Ein Stück nur: Erinnerungen in Episoden“ wie er eines Tages beobachtete, er war bereits in fortgeschrittenen Jahren, wie eine Mutter mit ihrer Tochter, es regnete leicht, ein Haus verliess. Die Tochter war etwa acht, die Mutter Mitte vierzig. Die Mutter sagte: ‚Wir müssen rennen, sonst verpassen wir den Bus.’ ‚Ich mag aber nicht rennen’, erwiderte das Mädchen.
Möglich, dass Otto Steiger diese Geschichte anders erzählt hat als ich sie hier wiedergebe, doch dies ist, was ich erinnere – ja, ich verspüre eine Verpflichtung, nachzublättern, ob mich meine Erinnerung nicht täuscht, ob Otto Steiger diese Geschichte wirklich so erzählt hat, doch ich werde es nicht tun, ich mag mich nicht mehr von solchen Konditionierungen (man muss wörtlich zitieren, wenn man zitiert, sonst ist es kein Zitat) mein Denken und Fühlen und Verhalten bestimmen lassen.

A propos ‚mögen’ (die Geschichte geht auf meinen lieben, 2006 im Alter von 97 verstorbenen Münchner Freund Wamse zurück): Sagt die Mutter zum Kind, als sie die Wohnung verlässt: ‚Wenn ich nach Hause komm, will ich dein Zimmer aufgeräumt sehen.’ Als das Zimmer bei ihrer Rückkehr noch genau gleich ausschaut, stellt die Mutter die kleine Marie zur Rede. ‚Ich hab dir doch g’sagt, du sollst dein Zimmer aufräumen. Warum hast du es denn jetzt ned g’macht?’ ‚Ja, Mama, es tut mer ja selber so leid dass i ned megn hab’, erwiderte daraufhin die Kleine.

***

Was Kindern gelegentlich nachgesehen wird, wird bei Erwachsenen gnadenlos bekämpft:
„Sie spielen ein Spiel. Sie spielen damit, kein Spiel
zu spielen. Zeige ich ihnen, dass ich sie spielen sehe, dann
breche ich die Regeln, und sie werden mich bestrafen.
Ich muss ihr Spiel, nicht zu sehen, dass ich das Spiel sehe, spielen.“
schrieb Ronald Laing in „Knoten“

Ich habe GENUG von den Erwachsenen-Spielen. Und überhaupt weiss jeder, dass man wieder zum Kind werden muss, um das Leben zu begreifen – nein, nein, man muss gar nicht, MAN DARF.

Eines dieser Erwachsenen-Spiele ist das Fragen-Spiel, demgemäss es gute und schlechte, richtige und falsche Fragen geben soll. Als gute Frage gilt eine, auf die es keine, zumindest keine eindeutige Antwort gibt; um eine richtige Frage handelt es sich hingegen, wenn es darauf eine klare Antwort gibt. Und dann diese Pädagogen: Blöde Fragen gebe es nicht, sagen sie. Das ist Blödsinn: Blöde Fragen gibt es zuhauf. Man denke nur an Pädagogenfragen.

Richtig und falsch basieren auf willkürlichen Kriterien, auch Kontext (wer definiert den eigentlich?) genannt. Es versteht sich: Ohne diesen wären wir aufgeschmissen. Wer in Diskussionsrunden moniert, die andere (es kann auch ein Mann sein) habe, was er gesagt, aus dem Zusammenhang gerissen, versteht unter Zusammenhang immer seine eigene Definition davon.

Kane knew what he liked
(knowing what you liked was,
he felt, one of the most important
characteristics of a modern life well lived)
Nicola Barker: Darkmans (2007)

Wer heutzutage nicht weiss, was er will, ist am Arsch.
Durchwursteln ist keine Option, jedenfalls nicht in der Theorie. Heutzutage brauchen wir Businesspläne, Exposés und Dispositionen. Und wir müssen wissen, wie man die sogenannt richtigen Fragen stellt – sonst kann Google nicht helfen. Ein ziemlicher ‚circulus vitiosus’, nicht? Um die richtige Frage zu stellen, muss ich wissen, was ich will. Wenn ich nicht weiss, was ich will, weiss ich auch nicht, was und wie ich fragen soll.

Wer heutzutage nicht weiss, was er will, fällt aus dem System raus – und hat Glück gehabt, denn wie Shakespeare in ‚Hamlet’ dichtete: "Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt".

Und deshalb, gleich noch einmal: Ich habe GENUG davon, mir von andern einen Kontext aufzwingen zu lassen: Sich selber einen zu basteln ist schöner, beglückender und, ja klar, anstrengender, aber nur gelegentlich.