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Bilder-Propaganda

Am 21. Juli 2010 erfuhren die Nachrichtenkonsumenten weltweit, dass das Foto, das am Wochenende zuvor auf der Website von BP zu sehen war und zeigte, wie Mitarbeiter in Houston, die auf zehn gigantische Videoschirme mit Bildern von den Ereignissen unter Wasser blicken, gefälscht war. Zwei der Bildschirme seien in Wirklichkeit leer gewesen, erkärte BP-Sprecher Scott Dean und führte aus, ein Fotograf des Konzerns habe das Bild mit Hilfe von Photoshop verändert. In der Folge wurde auch das Original veröffentlicht. BP-Sprecher Dean sagte, der Fotograf habe nur seine Photoshop-Kenntnisse unter Beweis stellen wollen. Die Mitarbeiter seien angewiesen worden, das Bildbearbeitungsprogramm nur für Veränderungen wie Farbkorrekturen oder das Erstellen von Ausschnitten zu verwenden.

Kurz darauf berichtete die Washington Post von weiteren manipulierten Bildern auf der Website des Konzerns. Wiederum war es ein Blogger, der die Fälschung entdeckt und veröffentlicht hatte: Ein Foto auf der Webpage von BP zeigt das Cockpit eines Hubschraubers. Der Blick durch das Fenster zeigt Einsatzschiffe auf dem Meer, die, so muss man anehmen, mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind. Das Foto vermittelt den Eindruck, dass sich der Helikopter in der Luft befindet, doch das tut er nicht: Die Farbabstufungen wirken unrealistisch, zudem hat der Blogger in einer Ecke des Fotos einen Teil eines Kontrollturms ausgemacht und daraus gefolgert, dass sich der Hubschrauber bei der Aufnahme gar nicht in der Luft, sondern am Boden befand. Und genau so war es auch, wie BP schließlich zugab.

Spiegel online bezeichnete diese Manipulationen als "PR-Panne", die Wiener Kronen Zeitung sprach vom einem "PR-Debakel" und man darf annehmen, dass wohl die meisten Betrachter dieser Fälschungen diese Einschätzung teilen. Doch eine solche Sichtweise ist irreführend, ja sie ist falsch, denn Bild-Fälschungen sind, im Kontext dieser Ölkatastrophe, zuallererst Lügen und die Leute bei BP, die dafür verantwortlich sind, sind keine PR-Leute, sondern zynische Lügner. Aber ist das nicht sowieso das Gleiche?

Nun, die Wahrheit ist bekanntlich ein weites Feld. Angesichts der Tatsache, dass wir alle wissen, dass mit Fotos gelogen werden kann und häufig auch wird, ist es jedoch einigermaßen erstaunlich, dass wir Fotos überhaupt trauen. Und zwar so lange, bis jemand kommt und uns beweist, dass wir uns getäuscht haben.

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Dass Fotos die Wirklichkeit abbilden, sei eine Illusion, meint Pedro Meyer, der Herausgeber der Online Foto-Zeitschrift Zone Zero. Einmal aus den allseits bekannten Gründen, der Wahl des Objektivs, des Films etc., dann aber auch, weil es zwischen der Fotografie und anderen Arten dokumentarischen Schaffens Parallelen gebe, die oftmals übersehen würden. So sei etwa der Journalist keine simple Kopiermaschine, er reproduziere nicht gedankenlos, was sich vor seinen Augen abspiele, sondern er sammle Informationen und stelle dann, was er in Erfahrung bringen konnte, so zusammen, dass akkurat wiedergeben werde, was sich vor Ort abgespielt habe. Ein Dokumentarfilmer tue genau dasselbe, auch er mache Aufnahmen mit der Vorstellung im Kopf, wie er diese anschließend zusammenfügen wolle.

Jeder Schritt, meint der frühere Fotojournalist Jeff Share auf www.medialit.org, den ein Fotograf mache, also was, wann, wo, warum und wie aufgezeichnet werde, sei subjektiv und ein Foto deswegen immer eine dekontextualisierte Wiedergabe der Realität, festgehalten von einem Menschen, der bewusste oder möglicherweise unbewusste Entscheidungen fällt, die von seiner kulturellen Herkunft, seinen Erfahrungen, Vorlieben und Abneigungen geprägt sind. Joan Fontcuberta, der Herausgeber von Photovision, geht noch einen Schritt weiter: Er hält den Begriff "manipulierte Fotografie" für eine Tautologie, da jedes Foto manipuliert sei.

Nur: Wer so argumentiert, verkennt das Wesen der Manipulation, bei der es um eine bewusste Irreführung geht. Er verkennt zudem, was wir von der Fotografie (nein, nicht von der, die sich als Kunst versteht) wollen: die Realität, so wie sie sich unseren Augen präsentiert, einfangen; den Augenblick festhalten; die Zeit zum Stillstand bringen. Wir erwarten von Fotos, dass der Fotograf uns vermittelt, was seine Augen gesehen haben und was er seinen Augen zu sehen erlaubt hat. Aber das genügt nicht, denn wir wollen von Fotos mehr: wir wollen sie echt, und wir wollen sie wahr; wir erwarten von ihnen, dass sie uns nicht hinters Licht führen. Auch wenn uns klar ist, dass Fotos uns die Dinge oft nicht so zeigen, wie unsere Augen sie wahrnehmen – getäuscht und angelogen werden wollen wir deshalb noch lange nicht.

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Zugegeben, an Fotos "herumzudoktern" ist gängig und nichts Neues, das gibt es, seit es die Fotografie gibt. Aufhellen, Nachdunkeln, eine Horizontale in eine Vertikale umwandeln etc, sei es in der Dunkelkammer oder am Computer – welcher Foto-Redakteur hätte dies oder Ähnliches nicht schon mal gemacht? Und überhaupt: Was soll denn schon dabei sein? Kommt ganz drauf an, welche Fotografie wir meinen. Von der Werbefotografie (und PR-Fotos sind nichts anderes) erwartet niemand, dass sie aufrichtig ist (es soll jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass 'aufrichtiges Informieren' Bestandteil erfolgreichen Werbens sein kann), von Nachrichtenbildern oder dokumentarischen Aufnahmen hingegen erwarten wir, dass sie uns die Wirklichkeit so präsentieren, wie sie der Fotograf vor Ort gesehen und mit seiner Kamera eingefangen hat.

Anzunehmen, dass die PR-Abteilung von BP etwas anderes auf Ihre Website stellt als was den eigenen Zwecken dient, ist naiv. Und ebenso gilt: BP vorzuwerfen, dass sie für sich wirbt, verkennt das Wesen einer Konzern-Webpage. Vorausgesetzt, dass bei einer Ölkatastrophe wie derjenigen im Golf vom Mexiko die üblichen Regeln gelten. Das tun sie aber nicht, denn in diesem Fall ist Aufklärung nicht nur gefragt, sie ist Verpflichtung. Mit andern Worten: Wer diese Katastrophe unter PR-Gesichtspunkten, also als reinen Wahrnehmungswettstreit, sieht und verkennt, dass es hier um das reale Leben von Menschen geht, denen ihre Lebensgrundlage abhanden gekommen ist.

Wenn wir Fotos als Dokumente, als Informations- und als Erinnerungsstücke verstehen wollen, müssen wir, was sich unseren Augen zeigt, befragen. Wie, Wann, Wo, Warum, und für welchen Zweck sind diese Aufnahmen gemacht worden? Fragen müssen wir aber auch, was wir alles nicht zu sehen gekriegt haben, was gerade vor der Aufnahme passiert ist und was gerade nachher, und was uns alles nicht gezeigt worden ist.

Genau das hat der Blogger gemacht, der den BP-Schwindel aufdeckte. Und es sind immer wieder Blogger, die den Foto-Manipulateuren auf die Schliche kommen. Man denke etwa an den August 2006, als ein freier Mitarbeiter der Agentur Reuters die aus den Trümmern aufsteigenden Rauchschwaden im von israelischen Kampfbombern bombardierten Beirut verdunkelt, damit sie den Eindruck einer brennenden Stadt vermitteln. Das ist nicht hinnehmbar. Mit anderen Worten: Kritisches Hinterfragen ist zur Domäne der Blogger geworden.

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Entgegen einer weitverbreiteten Annahme bilden Fotos die Wirklichkeit nicht ab. Sie können es auch gar nicht, denn bekanntlich befindet sich unser Leben in stetigem Fluss, und diesen abzubilden, ist schlicht ein Ding der Unmöglichkeit. Aber was tun dann Fotografien überhaupt, wenn sie nicht die Welt, die inszenierte oder die vorgefundene, abbilden? Sie kreieren die Illusion von etwas Festem, sie versehen uns mit Halt und Orientierung, sie geben unserer Sehnsucht nach Beständigkeit Form und Ausdruck, sie helfen uns, uns auf dieser Welt zurechtzufinden – und das ist gut so. Sie tun aber noch etwas ganz anderes, meint Paolo Maurensig in Der Schatten und die Sonnenuhr: "Jede Form opfert sich, um eine andere, unmittelbar folgende Form hervorzubringen. Das ist der menschliche Geist. Er hat sogar die Gabe, sich zurückschauend so weit zu korrigieren, dass nichts, obwohl es nun der Vergangenheit angehört, als feststehend angesehen werden kann. Die Photographie hingegen fixiert und kristallisiert die Realität. Sie saugt in gewisser Weise dem Lebensfluss selbst das Blut aus und gibt als Leben aus, was nicht mehr Leben ist."

Wie schon die alten Römer wussten: Mundus vult decipi, "Die Welt will betrogen werden." Doch angelogen werden wollen wir deswegen trotzdem nicht.

Erschienenen in Aurora-Magazin, Salzburg, März 2011
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Über Happy Slapping

Mitte November 2006 machte das sogenannte „Happy Slapping“ einmal mehr Schlagzeilen: in Zürich kam es zu einer (von einem Video-Handy aufgenommenen) Gruppenvergewaltigung einer 13jährigen Schülerin durch zwölf 15- bis 18jährige Täter; im argentinischen Mendoza wurde in einer privaten Sekundarschule ein Schüler von Mitschülern zusammengeschlagen, der Vorgang mit einem Video-Handy aufgenommen und die Aufnahmen ins Internet gestellt.

Eine Woche später sorgte dann, so Spiegel online, ein auf einer Google-Seite veröffentlichtes Gewalt-Video, das zeigt, wie Schüler einen anderen Jugendlichen misshandeln, in Italien für Aufsehen.

In der Schweiz kam, wie üblich, der Kinder- und Jugendpsychologe Allan Guggenbühl zu Wort, der von einem «perversen Mannbarkeitsritual» sprach und seiner Befürchtung Ausdruck gab, dass solche Rituale in Mode kommen könnten; der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer forderte einen früheren Sexualunterricht bereits in der Mittelstufe und auch an einer Fachtagung der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie (SKJP) in Solothurn, bei der die Schulpsychologie im Zentrum stand, wurde der Vorfall diskutiert: der SKJP-Geschäftsleiter Josef Stamm glaubt aber nicht, dass ein Bedarf für zusätzliche Massnahmen oder spezielle Weiterbildungen besteht, wie er dem Zürcher Tagesanzeiger auf Anfrage mitteilte.

In Mendoza, der mit 800’000 Einwohnern viertgrössten Stadt Argentiniens, berichtete die Tageszeitung UNO, bei dem Vorfall in der Sekundarschule handle es sich um einen klaren Fall von „bullying“ (darunter versteht man das Bedrohen und oft rituelle Zusammenschlagen von Einzelnen durch eine Gruppe), doch für „bullying“ braucht es keine Kamera. Auch wenn der Begriff „Happy Slapping“ – ein im Übrigen vollkommen unsinniger und irreführender Ausdruck, der besser nicht verwendet, sondern durch „Brutal Slapping“ ersetzt werden sollte, da ja die Art des „Slapping“ und nicht die vermeintliche Gemütsverfassung des Täters (von Täterinnen hat man in diesem Zusammenhang bislang noch nicht gehört) bezeichnet werden soll – in Argentinien noch nicht bekannt scheint (keiner der Englischlehrer, die ich hier zur Zeit in Soziolinguistik unterrichte, hat den Ausdruck bislang gehört), das Phänomen ist es jedenfalls. Nur in den Massenmedien ist es hier erst jetzt zum ersten Mal aufgetaucht.

In Italien haben in der Folge die Strafverfolger Ermittlungen gegen zwei Google-Mitarbeiter eingeleitet.

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Gewalt in Schulen ist nichts Neues, Gewaltinszenierungen für die Kamera (mit oder ohne Einverständnis der Geschlagenen oder Vergewaltigten) hingegen schon. Ob an Schulen oder anderswo. Gibt es also dieses brutale „Slapping“-Phänomen nur, weil es das Internet und Video-Handys gibt?

Graham Barnfield von der University of East London meint, es handle sich bei diesem brutalen “Slapping” nicht um neue Gewalt, sondern es werde nur Gewalt, die es bereits gebe, sichtbar gemacht. Eine für einen Medienwissenschaftler erstaunliche Aussage: offenbar geht er davon aus, dass ein Medium (und ein Handy-Video ist nichts anderes als ein Medium) gleichsam neutral und wertfrei abbildet, was sich dem Kameraauge darbietet. Nur eben, das ist nicht die Realität, denn diese ist genau umgekehrt: eine Kamera verändert ein Geschehen nämlich immer. Man braucht sich nur vorzustellen, was in einem Raum voller Leute passiert, wenn plötzlich ein Fotograf Bilder schiesst: man setzt sich in Szene, bemüht sich, möglichst gut rüber zu kommen oder man tut alles, um nur ja nicht „verewigt“ zu werden.

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Kameras und Video-Handys sind heute allgegenwärtig; wer noch Handy-unbewehrt durch die Gegend läuft, mag sich gelegentlich schier nackt vorkommen. Und wo die Möglichkeiten, fast jederzeit Bilder aufzunehmen, gegeben sind, werden sie auch genutzt. Die ersten Bilder, die nach den Anschlägen auf die Passagiere der Londoner U-Bahn im Juli 2005 um die Welt gingen, stammten von Handy-Kameras und es ist anzunehmen, dass künftig wohl immer mehr Amateurfotografen die Bilder, die um die Welt gehen, mitprägen werden. Denn es scheint, dass in unserer von den Medien geprägten Welt wirklich nur das ist, was auch dokumentiert ist. Und Bilder, obwohl wir doch wissen ,wie leicht sie manipuliert werden können, gelten als Dokumente erster Ordnung, solange jedenfalls bis jemand kommt und nachweist, dass sie gefälscht sind. Wie schrieb doch Susan Sontag: „Leben heisst fotografiert werden und Aufzeichnungen vom eigenen Leben zu besitzen.“ Oder eben gefilmt werden.

Doch worin besteht der Reiz, Gewaltattacken mit der Kamera festzuhalten? “Manche Jugendliche sehen Happy Slapping als eine Abkürzung zum schnellen Ruhm in ihrer Gang. Sie wollen nicht ihr Leben lang auf ihre 15 Minuten Ruhm warten, wenn das – ihrer Meinung nach – auch mit einem 15-Sekunden-Film gelingen kann“, sagte Graham Barnfield im letzten Jahr der Süddeutschen Zeitung. Der Basler Professor Anton Hügli, Leiter des Forschungsprojektes „Jugend und Gewalt im Zusammenhang mit sozialökologischen Strukturen“, meint, dass – neben dem Kick, den die Droge Aufmerksamkeit bietet – die heutige Jugend, die, nicht zuletzt der Allgegenwart der Medien wegen, schon alles gesehen zu haben glaubt, ständig neue „thrills“ sucht, und eine Studie des Erlanger Psychologieprofessors Friedrich Lösel weist auf den sehr deutlichen Einfluss, welcher der Konsum gewalthaltiger Video-, Fernseh- und Fernsehfilme ausüben kann, hin. Der argentinische Schulpsychologe Alejandro Castro in Mendoza wiederum erklärt: „Gewalt hat es immer gegeben, doch sie passt sich den technischen Hilfsmitteln an, welche den Jugendlichen zur Verfügung stehen.“

Plausible Gründe, in der Tat. Doch heisst das, dass es ohne technische Hilfsmittel wie Internet und Handy-Videos diese Gewalt nicht gäbe? Natürlich gäbe es sie nicht. Schliesslich wird diese Art Gewalt verübt, damit sie aufgenommen, dokumentiert und anderen gezeigt werden kann.

Übrigens: nicht alle Gewalt, die im Internet oder via Handys zirkuliert, ist echt, oft ist sie auch gestellt. So soll der Junge, der in Mendoza zusammengeschlagen wurde, auf den Aufnahmen verschiedentlich gelacht haben. Ob er allenfalls freiwillig mitgemacht hat, wird untersucht.

Erstveröffentlichung auf www.morgenwelt.de am 23.1.2007,
da jedoch nicht mehr abrufbar.
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Ein grosser Journalist

Nachruf auf Ernst Müller-Meiningen jr.
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M.-M.jr., wie seine Beiträge gezeichnet waren, arbeitete von 1946 bis 1979 in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. In mehr als 4000 Leitartikeln, Glossen und Kommentaren setzte er sich für einen humanen und liberalen Rechtsstaat ein.

Als im April dieses Jahres der Journalist und promovierte Jurist Ernst Müller-Meiningen jr., der in der NS-Zeit aus politischen Gründen nicht als Anwalt tätig sein durfte, im Alter von 97 Jahren in München starb, wurde sein Wirken vom Bundesvorsitzenden des Deutschen Journalisten Verbandes, Michael Konken, treffend so gewürdigt: "Unabhängigkeit, Engagement und journalistisches Gespür prägten seine Arbeit. Durchdacht, nicht selten unbequem und von hoher journalistischer Qualität waren seine zahlreichen Kommentare."

Ernst Müller-Meiningen, der "Junior", wie er von seinen Kollegen bis ins hohe Alter genannt wurde – sein Vater war Bayerischer Justizminister und Reichtagsabgeordneter gewesen – war in der Tat ein unabhängiger Geist, allergisch gegen Unrecht in jeder Gestalt, einer der, wie es Herbert Riehl-Heyse einmal auf den Punkt gebracht hat, "lieber die Schreibmaschine aus dem Fenster werfen als sich zum Hofsänger verbiegen lassen würde".

M.-M.jr., wie seine Beiträge gezeichnet waren, arbeitete von 1946 bis 1979 in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. In mehr als 4000 Leitartikeln, Glossen und Kommentaren setzte er sich für einen humanen und liberalen Rechtsstaat ein. Und das las sich dann so:

"Vaterlandsliebe: Liebe zum Land der Väter, das sollte der heute der Menschheit schier aus dem Bewusstsein geratene Sinn des Wortes sein. Welch inniger Gemütsaffekt liegt in den Worten 'Liebe' und 'Land der Väter’, aber auch welch konkrete Bezogenheit der Empfindung. Frage nun: Vermag überhaupt ein altbayerischer Bauer die märkische Heide oder ein friesischer Fischer das westfälische Industrierevier als 'Land der Väter’ wahrhaft zu lieben? (Die Frage ließe sich beliebig auf alle größeren modernen Nationen abwandeln!) Gewiss, man kann die Gegebenheit eines nationalen Zusammenschlusses, bedingt durch historische, geographische, sprachliche, wirtschaftliche und sonstige Umstände, bejahen, eine sehr positive Haltung zu ihr einnehmen und in ihrem Dienst ausgeprägtes staatsbürgerliches Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, jedoch: Die Vaterländer und die Vaterlandsliebe sind heute nach ihrer ebenso folgerichtigen wie allgemeinen und heillosen Entartung in den mörderischen Abgründen eines barbarischen Nationalismus einer grundlegenden geistigen Revision und, das sei ausgesprochen: geistigen Abwertung bedürftig (...)
Wir Deutsche aber, denen der Nationalismus die bittersten Wunden geschlagen hat, wir, die wir bar jeglicher Macht geworden sind, könnten heute als Einzelwesen und Volk reif werden für einen entscheidenden Schritt. Wir konnten aus der Not der Wehrlosigkeit die Tugend der Friedfertigkeit werden lassen. Das Mittel hieße: Verweigerung jeglichen Kriegsdienstes. Auch für Amerika und Russland." (Gehorsam dem Vaterland?, 1947)

"Dem überzeugten Zivilisten läuft eine Gänsehaut über den ungedrillten Privatmanns-Buckel, wenn er in diesen Tagen die anschaulichen Wort- und Bildberichte über die ersten einrückenden bundesdeutschen Soldaten in Illustrierten, Zeitungen und Wochenschauen zur Kenntnis nimmt. Er empfindet nichts als Trauer, dass es schon wieder soweit ist. (...) Nehmen wir, bitte, das Soldatensein so ernst und sachlich, wie es ist: als einen Beruf, der von der National-Staatlichkeit offenbar immer noch nicht wegzudenken ist, ein Beruf, im Frieden glanzlos und im Kriege furchtbar." (Neue Soldaten in alten Kasernen, 1956)

"Sie sind wieder recht auf Draht, die Totenvögel. Sie spielen auf der Klaviatur des Rechtsstaats so, als ob für sie der Rechtsstaat seit eh und je eine Selbstverständlichkeit gewesen wäre. Adolf Eichmann will seine Richter und die Welt glauben machen, er sei nichts anderes gewesen als eine Art korrekter Bahnbeamter, der seine ebenso korrekten Ausschwitz-Fahrpläne gebastelt hat, und selbst das nur auf Befehl. Auf Befehl und in 'Befehlsnotstand’ wollen auch seine gestern in München abgeurteilten einstigen SS-Kollegen Bradfisch und Schulz Tausende unschuldiger Menschen hingemetzelt haben. 'Soldat und brav’.
...Die Unverschämtheit, mit der diese grössenwahnsinnigen Kleinbürger und Herrenmenschen uns heute weismachen wollen, sie hätten damals leider morden 'müssen’, ist nicht zu überbieten. In Wahrheit war eine Mordaktion solch ungeheuerlichen Ausmaßes nur möglich mit einer breiten Spitze willfähriger Durchführungs-Fanatiker. Von Eichmann bis Bradfisch." (Die große Ausrede, 1961).

Ganz besonders am Herzen lag M.-M.jr. die Pressefreiheit. Zeugnis davon gibt nicht zuletzt sein Buch "Orden, Spießer, Pfeffersäcke", das 1989 im Schweizer Verlagshaus in Zürich erschienen ist und das besonders kritisch mit den Eignern der Süddeutschen Zeitung (SZ) ins Gericht geht, so kritisch jedenfalls, dass eine damals von der SZ-Redaktion beim Juristen und Zeit-Mitarbeiter Hanno Kühnert in Auftrag gegebene, positive Besprechung nicht gedruckt wurde.

Bei "Orden, Spießer, Pfeffersäcke" handelt es übrigens nicht um Memoiren – "Memoiren hab i fei net gschriebn, Memoiren schreibt ja heut jedes Rindvieh, und sollt i au a Rindvieh sein, dann auf jeden Fall keins, das Memoiren schreibt", so der Autor zu dem ihn befragenden Redakteur anlässlich eines Interviews beim Fernsehsender Tele 5 –, es handelt, einerseits, von der Lizenzen-Vergabe im Bereich der Presse nach Kriegsende und hat damit auch wesentlich die Nachkriegsjahre der Süddeutschen Zeitung zum Thema, und andrerseits von den persönlichen Reminiszenzen eines Mannes, der mit viel Verstand und Humor seine Zeit und einige seiner Zeitgenossen (von F.J. Strauss zu Richard Strauss) kommentierte:

"Man kann am Einzelfall der 'Süddeutschen Zeitung' illustrieren, welch kleinkarierter Gebrauch leider von jener schnellen Zufallsgründung vielfach gemacht wurde, die alsbald von den Begünstigten und ihren Erben als gleichsam gottgewollt empfunden und oft wenig gottgewollt genutzt wurde."
"Ursula von Kardorff wäre überhaupt ein Kapitel für sich. Lebensneugier, Beobachtungsgabe, glückliche Naivität. Kontakt- und Festfröhlichkeit, ein Herz für alle Mühseligen und Beladenen. Feindin allen Ungeists, das sind nur ein paar markante Wesenszüge. Wenige Tage vor ihrem Tod fragte sie mich am Telefon: "Glaubst du an Gott?" Als eine Art Agnostiker, der freilich keine Einwände gegen die christliche Ethik hat, antwortet ich schlicht: "Nein." Darauf ihre, da es immerhin um Gott ging, köstliche Antwort: "Gott sei Dank".

Im Vorwort zu seinem ebenfalls in der Schweiz erschienenen Buch (bei Helbing & Lichtenhahn in Basel, vergriffen) "Das Jahr Tausendundeins", das hauptsächlich eine Auswahl von Artikeln zu Problemen der Justiz, der Presse "oder im weitesten Sinne von dem, was als 'Vergangenheitsbewältigung' teils moniert, teils diffamiert" darstellt, hält er fest: "Und es findet sich auch dieses oder jenes Kuriosum der Zeit, vom Autor eingefangen in seiner Neigung zu Scherz, Satire, Ironie und, wie er hofft, zu einem Quentchen Humor." Mehr als ein Quentchen, viel mehr. Um dies zu illustrieren, zitiert man ihn am besten selber.

Wen der Berg nicht ruft

"Die Bergsteiger sind zu 99 Prozent Scheuklappendenker." Dieses markige Wort stammt vom, wie es heißt, gegenwärtig weltbesten Bergsteiger Reinhold Messner. Und dem guten alten Luis Trenker sagt er auch gleich, was er, Messner, in gar keinem Fall sein will: "Vor allem kein Luis Trenker." Er weiß auch warum: "Mich ruft der Berg nicht, ich habe auch nie den Berg rufen hören." Was ruft den Messner dann? "Einfach allgemein das Abenteuer." Und: "Ich bin ein alpiner Anarchist." Ein Berg-Anarcherl.
Nun, die restlichen 99 Prozent Bergsteiger mögen schauen, wo sie bleiben mit ihren schlichten himalajafernen Antrieben, als da etwa sein könnten: Freude an der Natur, Freude aber auch an der Bewältigung von Schwierigkeiten und Gefahren, Tatendrang, Leistungswille, Selbstbestätigung. In Graz hat kürzlich ein Kongress getagt, der sich endlich Rechenschaft geben wollte, was es denn mit dem Bergsteigen und dem Alpinismus auf sich habe. "Das Bergsteigen als edelste Form der Leibesübungen", das extreme Klettern als die "Eroberung des Unnützen" – dies waren ein paar Stichworte. Die Hauptfrage blieb offen.
Reinhold Messner hat bei dieser Gelegenheit Neues propagiert: das "ökologische Klettern". Was will das heißen? Den Verzicht auf das übertechnisierte Sich-Hinaufnageln im extremen Klettersport, statt dessen Bezwingung etwa des Mount Everest ohne Sauerstoffapparat. Das klingt ganz sympathisch, sozusagen "zurück zur Natur" im Geiste von Jean-Jacques Rousseau. Ob darin freilich nicht auch ein kräftiger Schuss von neuem Alpin-Snobismus steckt, wer will das schon sagen? Und was den etwaigen stillen Vorwurf an den Luis Trenker betrifft, Auswertung des Alpin-Ruhms: Messner verkauft sich ja auch nicht schlecht. Der Berg ernährt seinen Mann, auch wenn er nicht ruft. (1977)

Ferner stiegen ...

Rein alpinistisch gesehen war es eine tolle Leistung: Eine Schweizer Expedition bezwang vorige Woche den höchsten Berg der Welt, und zwar gleich in zwei verschiedenen Seilschaften an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Ganz nebenbei, sozusagen als Gipfel-Zuwaage, erklomm eine weitere Seilschaft, weil man gerade so schön am Gipfelstürmen war, den vierthöchsten Berg der Welt, den immerhin 8545 rechtschaffene Meter hohen Lhotse I (mit Worten: römisch eins).
Sollten freilich, was wir zu ihren Gunsten keineswegs annehmen, die eidgenössischen Recken neben sportlichem und bergsteigerischem Abenteuergeist auch noch einer Portion Ehrgeizes teilhaftig und der Publicity nicht abgeneigt sein, dann allerdings hätten sie ausgesprochen Pech gehabt. Prangte Anno 1953, als der Neuseeländer Hillary mit dem einheimischen Sherpa Tensing den Mount Everest bezwang, auf den Titelseiten der Weltpresse noch die Siegesnachricht, so verkrümelten sich – diese unsere treffliche Zeitung nicht ausgenommen – die Meldungen über jene gehäuften Glanzleistungen der Schweizer irgendwo im hinteren Teil des Blattes auf Seite sowieso unter "Vermischtes" mit 5 bis 19 kärglichen Zeilen. Gewissermassen unter dem Motto: Am Mount Everest nichts Neues.
Brav historisch betrachtet, hatte der gute, alte, dauerhafte Himalaja nur drei tagespublizistisch manierliche Tage: 1950, als der erste der, wenn richtig gezählt wurde, vierzehn Achttausender durch die Franzosen Hertzog und Lachenal bezwungen wurde, die mit teilweise schrecklichen Erfrierungen zurückkamen; 1953, der besagte Triumph von Hillary und Tensing über den dieserhalb nicht sonderlich gehobenen oder zerknirschten Mount Everest als dem höchsten Berg der Welt; und wenige Tage später noch des Deutschen Buhl somnambuler Alleingang über die letzten zwölfhundert Meter auf den Nanga Parbat. Inzwischen wurde die Hälfte jener Vierzehn von menschlichem Höhendrang bewältigt. Aber kein Hahn kräht mehr danach. (Dabei ist übrigens gar nicht einmal gewiss, ob der Mount Everest nicht schon 1924 bezwungen wurde; zuletzt hatte man die Engländer Mallory und Irvine nur wenige hundert Meter unter dem Gipfel gesehen. Dann schloss sich der Nebel, und niemals kamen sie wieder.)
Die Moral von der Geschicht? Sie ist alt und schon fast langweilig: nur die Sensation gilt. Hillary meinte nach vollbrachter Tat: "Interessant ist jetzt eigentlich nur noch der Mount Everest ohne Sauerstoffmaske" Nun, so möchten wir hinzufügen, nachdem auch das geschafft wäre, gäbe es, was Publizität betrifft, noch folgende Varianten: Mount Everest, nackt, auf den Knien, mit dem Hintern zum Berg. Das gäbe schon noch flotte Schlagzeilen.
So aber: Am Mount Everest nichts Neues. Nichts Neues auf dem Planeten. (1956)

Erstveröffentlichung im Aurora Magazin, Salzburg 2006
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Die Medien für die Massen

Am Sonntagabend, dem 7. Dezember 2003, sieben Uhr mitteleuropäischer Zeit, geschah unter anderem dies: Der Fernsehmoderator Wolf Blitzer kündigt auf CNN ein Gespräch mit Andrew Card, dem Stabschef von George W. Bush an. Gefragt soll der Mann werden, ob die Präsidentschaft seines Chefs bisher erfolgreich gewesen sei. Schwer vorstellbar, dass der Herr Card darauf eine negative Antwort geben wird.

Massenvernichtungswaffen seien bisher ja keine gefunden worden, ob es denn da Fortschritte gebe?, beginnt Herr Blitzer das Stichwortgeben, worauf Herr Card ausführt, dass dieser Saddam Hussein ein ganz schlimmer Diktator ... das Übliche also. Vor ein paar Wochen noch hätte ich wohl weitergeguckt, mich in Rage versetzen lassen, heute drehe ich den Fernseher ab.

Als bei den vorletzten amerikanischen Präsidentschaftswahlen der Unternehmer Ross Perot sich zur Wahl stellte, wurde er auch vom amerikanischen Biolek (der einmal im ORF mit "Prof. Dr. Alfred Biolek, Kochbuch-Autor" – so die Einblendung – vorgestellt wurde), Larry King, befragt. Larry stellte Ross die üblichen Fragen, auf die Ross alles andere als gemeinhin üblich antwortete. Ich meine hier nicht, was er sagte, sondern wie (und dies ist schließlich medial entscheidend) er das tat: bei jeder Antwort drehte er sich von Larry weg und zur Kamera hin und sprach direkt in diese hinein. Der Mann war nicht zu einem dieser Pseudo-Gespräche ins Studio gekommen, er war gekommen, um eine Ansprache zu halten. Und das tat er auch. Mit einzigartiger Unverfrorenheit wurde das Medium auf seinen Platz verwiesen.

Am Tag nun, an dem Herr Card dem Herrn Blitzer auf keine seiner Fragen eine Antwort gibt (und der Herr Blitzer sich das gefallen lässt, weil er sonst nie mehr einem Politiker Stichworte geben darf), wird der Schriftsteller John Le Carré im Londoner Guardian zitiert: Der Irak-Krieg sei von einer Clique kriegshungriger jüdisch-christlicher geopolitischer Fantasten angezettelt worden "who hijacked the media" ... Wirklich? Das war doch gar nicht nötig. Die Medien haben da völlig freiwillig mitgemacht. Gemeint sind die amerikanischen. Doch auch in Europa haben die nationalen Medien ihre jeweiligen Regierungen unterstützt.

Wer in dem politischen System, das man Demokratie zu nennen sich angewöhnt hat (und wo sich die Herrschaft des Volkes, trotz des Anspruchs, dem Laien nicht recht erschließen mag) braucht Mehrheiten. Wahlbetrug, das hat sich so eingebürgert, muss sich in vertretbaren Grenzen halten (und er tut es, so vermuten wir, wohl auch). Hat eine Regierung die Mehrheit, hat sie in der Regel auch die Medien auf ihrer Seite. Es versteht sich: gemeint sind die Medien für die Massen, die Massenmedien.

Nicht dass sich die Vertreter dieser Medien als typische und ausgesprochen durchschnittliche Repräsentanten des allgemeinen Volksempfindens verstehen würden, doch je stärker sie dies sind, desto mehr Konsumenten werden sich mit ihren Ansichten und Meinungen identifizieren können. Anders gesagt: Massenmedien richten sich an die Massen und haben, logischerweise, dem Geschmack dieser Massen, dem Massengeschmack, zu entsprechen. Und genau das tun sie auch.

Ist das schlecht? Ist es nicht, natürlich nicht, wieso sollte es auch? Nur hat es nichts, aber auch gar nichts mit dem Selbstverständnis der Medien (zumindest einiger) zu tun, die sich da als "Vierte Gewalt" verstehen.

Und Ausnahmen, gibt es die nicht? Klar doch. Und zwischen den Zeilen, da findet man sie auch immer wieder. Schliesslich habe ich den Satz von Peter Turrini "Man kann nur etwas über die Welt erfahren, wenn man wenig Zeitung liest" in der Zeitung gelesen und werde also auch weiterhin Zeitung lesen müssen, weil mir sonst solche Sätze entgehen. Aber auch, weil ich sonst zu erfahren verpasse, auf was für einem Niveau die Welt regiert wird: Als der spanische Ministerpräsident Zapatero telefonisch dem Herrn Bush zur gewonnenen Wahl gratulieren wollte/musste, wurde er nicht durchgestellt. Dafür wurde Herr Aznar, Zapateros Vorgänger, der sich in Washington mit der Unterstützung des Irak-Kriegs beliebt gemacht hat und deshalb jetzt dort unterrichten darf, von Bush zu einem vierzigminütigen Gespräch empfangen, wie in der Zeit online zu lesen war. Ob vierzig Minuten bei Bush wirklich so toll sind, ist natürlich eine andere Frage.

Erstveröffentlichung im Aurora-Magazin, Salzburg, März 2005
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Vom Alkohol und den Medien

Es erstaunte ihn immer wieder aufs Neue, wie das Gehirn Worte, Melodien, Blumendüfte bewahren und dann Jahre nachdem sie die Sinne berührt hatten, wieder freisetzen konnte. Und es war nie vorhersehbar, wann sie wieder auftauchten, es konnte durch einen Klang, einen Anblick oder Geruch ausgelöst werden, der mit dem ursprünglichen Erlebnis gar nichts zu tun hatte.
William S. Cohen: Die Verschwörer


Am Dienstag, dem 26. Januar 2010, einen Tag, bevor das World Economic Forum (WEF) in Davos seine Pforten öffnete, wurde Markus Reinhardt, der Kommandant der Graubündner Kantonspolizei und Sicherheitsverantwortliche des WEF, tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden. Er hatte sich mit seiner Dienstwaffe das Leben genommen.

Reinhardt hatte während einiger Jahre "ein Alkoholproblem" gehabt, im Regierungsrat wusste man davon. Seine direkte Vorgesetzte, die Direktorin des Justizdepartements, Barbara Janom Steiner, äusserte sich während einer Pressekonferenz so: "Die Alkoholprobleme haben seine Arbeit nie beeinträchtigt." Weiter sagte sie: "Ich hatte den Eindruck, dass Reinhardt das Alkoholproblem allmählich in den Griff bekam." Und, wie der Tages-Anzeiger schrieb: "Sie habe unter Beizug eines Vertrauensarztes Massnahmen vereinbart, damit Reinhardt seines Problems Herr werde."
Die Medien fragten nicht nach, mit was für Massnahmen die Politikerin und der Vertrauensarzt glaubten, einen offenbar Alkoholkranken zur Räson bringen zu können, stattdessen wurden sie auf ihre typische Art aktiv.

Der Tages-Anzeiger befragte Roberto Zalunardo, interimistischer Generalsekretär der Polizeikommandanten, der sagte, dass Kommandanten unter grossem Druck stünden, dass man an der Spitze sehr einsam sei und mit der Tatsache, dass sehr viele Anforderungen an einen gestellt werden, müsse umgehen können. Als Leser hatte man das Gefühl, dass, wenn einer damit nicht klar komme, er zum Alkohol Zuflucht nehmen könnte. Nun ja, dass Leute saufen, weil sie Druck nicht aushalten, ist zwar eine weit verbreitete Auffassung, doch sie ist falsch. Alkoholiker brauchen keinen Grund um zu saufen, sie finden immer einen.

Dann befragte die Aargauer-Zeitung den früheren Aargauer Polizeikommandanten Léon Borer, der sagte, Reinhardts "Alkoholproblem" sei seit vielen Jahren bekannt gewesen und dass der Mann zu retten gewesen wäre. Wie das hätte geschehen können, darüber liess er sich nicht aus. Fragen dazu gab es keine.

Am 19. Februar 2010 berichtete der Tages-Anzeiger, dass die Aussage von Regierungsrätin Janom Steiner, Polizeichef Markus Reinhardt habe seinen Job trotz Alkoholproblemen tadellos ausgeübt , falsch sei und wies auf einschlägige Vorfälle hin – so sei er angetrunken zur Arbeit erschienen, sei alkoholisiert Auto gefahren, sei in einen Autounfall verwickelt gewesen und hätte dafür gesorgt, dass es keine offiziellen Aufzeichnungen darüber gebe etc. etc.

Halt! Stopp! Wir alle kennen doch diese Art von Geschichten zur Genüge: Regierungsvertreter rechtfertigen ihr Verhalten, einige Journalisten wittern Ungereimtes, strengen sich an, aufzudecken, was ihrer Meinung nach vertuscht werden soll und bringen es manchmal sogar fertig, gegen Widerstände von Chefredakteuren und Medieneigentümern (sofern es in deren Interesse liegt), die Wahrheit ans Licht zu bringen ...

Erstaunlich ist, dass wir dieses Regierungs- und Medientheater ernst nehmen. Als die Bündner Regierung betonte, sie halte es für wichtig, dass zwischen Arbeit und Privatleben unterschieden werden müsse, gab es niemanden in den Medien, der diese Unterscheidung in Frage stellte. Das ist mehr als bedenklich, denn falls Herr Reinhardt wirklich Alkoholiker gewesen ist (und so ziemlich alles deutet darauf hin), dann ist diese Unterscheidung nicht nur lächerlich, sondern ausgesprochen gefährlich.

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Ein Alkoholiker ist ein Alkoholiker ist ein Alkoholiker. Was ihn (Frauen sind mitgemeint) wesentlich ausmacht, ist, dass er allzu oft seine Impulse nicht kontrollieren kann (und das bezieht sich nicht nur aufs Saufen) – ganz unabhängig davon, ob er bei der Arbeit oder privat unterwegs ist. Dazu kommt, und dies macht ihn speziell unberechenbar, dass ihm ein Doktor Jekyll und Mister Hyde-Charakter eignet, er sich also meist ganz aussergewöhnlich kontrolliert verhält, bis ihm dann, häufig ganz plötzlich, die Sicherungen durchbrennen.

Ein Alkoholiker verhält sich wie ein Kranker (im Sinne von „dis-eased“), in allen Aspekten seines Lebens. Das weiss jeder. Wieso bieten uns dann Regierungen und Medien so ein absurdes Spektakel, tun so, als ob man bei Trinkern zwischen privat und beruflich eine Grenze ziehen könne? Weil sie tun, was wir alle tun: sie rechtfertigen ihr Verhalten; rationalisieren ihr Handeln beziehungsweise ihr Nicht-Handeln; sie geben vor, unter Kontrolle zu haben, was nicht kontrolliert werden kann.Weil mit der Wahrheit zu leben, unerträglich scheint. In Sachen Sucht ist dies die Wahrheit: wir wissen nicht, was sie auslöst, wir wissen nicht, wie wir sie stoppen können, wir sind ihr gegenüber meist machtlos.

Unterzieht sich ein Süchtiger einer Therapie und bleibt anschliessend suchtfrei, so führen Therapeuten dies auf die Therapie zurück; wird der Süchtige hingegen rückfällig, so gilt er als therapieresistent. Obwohl: niemand kann wirklich sagen, weshalb einige (schätzungsweise zwischen sieben und siebzehn Prozent) ihre Sucht zum Stillstand bringen können, andere hingegen nicht.

Gängige Therapien gehen davon aus, dass Einsicht in die Motive unseres Tuns, zu Verhaltensänderungen führen könne. Wenn ich weiss, weshalb ich saufe, kann ich mein Saufen beeinflussen. Das ist reines Wunschdenken, denn jeder Grund, den ich ausmache (den ich finde, der mir passt), kann sowohl Anlass fürs Saufen, wie auch fürs Nicht-Saufen sein. Weshalb denn auch die Anonymen Alkoholiker sagen, es gebe genau sieben Gründe, weshalb einer saufe: Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag.

So recht eigentlich gibt es keinen allgemeinen Konsens über die Natur, die Ursachen oder die Behandlung von Alkoholismus. In den Worten des Psychiatrie Professors Arnold M. Ludwig (The Alcoholic's Mind): „Was ist ein Alkoholiker? Wo zieht man die Grenze zwischen Problem-Trinken und Alkoholismus, zwischen Alkoholabhängigkeit und Sucht. Ist Alkoholismus eine Störung oder eine Ansammlung verschiedener Störungen? Ist es ein moralisches Versagen, eine schlechte Gewohnheit oder eine Krankheit? Haben Alkoholiker ausgeprägte Persönlichkeitszüge? Ist Alkoholismus angeboren oder angelernt? Ist übermässiges Trinken ein Symptom für einen tieferliegenden Konflikt oder ist es selbst das Problem? Welcher Behandlungsansatz, wenn überhaupt, ist der wirksamste? Wer ist am besten qualifiziert, um zu helfen? ...“.

Wissenschaftlich erhärtete Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Das heisst nicht, dass Suchtbehandlungen nichts bringen (den Therapeuten bringen sie Arbeit und Einkommen), das heisst, dass die gängigen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle keinen Aufschluss über deren Wirksamkeit erbringen können. Gute Therapeuten wissen, dass, wenn es dem Patienten besser zu gehen scheint, sie manchmal dem beiwohnen, was die senegalesischen Wolof „nit nit ay garabam“ nennen, dass der Mensch des Menschen Arznei sei.

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Dass die Grenzen zwischen Propaganda und Journalismus fliessend sind, ist bekannt. Dass viele Medienleute häufig nicht viel mehr als PRopagandisten sind, ebenso. Das eigentliche Problem dabei ist, dass sie gar nicht wissen, dass sie es sind.

Als Brian Eno (ja, der von Roxy Music) im Jahre 1986 zum ersten Mal Russland besuchte, befreundete er sich mit Sacha, einem Musiker, dessen Vater der Leibarzt von Breschnew gewesen war. Eines Tages, sie sprachen gerade über das Leben während der Breschnew-Zeit, sagte Eno: „Das muss sonderbar gewesen sein, so total in Propaganda zu ersaufen“ Worauf Sacha meinte: „Genau das ist der Unterschied: wir wussten, dass es Propaganda war.“

Wer weiss, dass er Propaganda ausgesetzt ist, kann sie ignorieren; wer es nicht weiss, ist ihr ausgeliefert. In der sogenannt freien Welt wissen die meisten nicht, dass sie ständig mit Propaganda zugeschüttet werden. Weil sie gar nicht wissen, was Propaganda ist.

"Wir beschliessen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein grosses Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein zurück mehr gibt", wird der Luxemburger Europapolitiker Jean-Claude Juncker in Eva Hermans „Die Wahrheit und ihr Preis“ zitiert. So werden nicht nur Fakten geschaffen – „Fakt“ kommt vom Lateinischen „facere“ = machen – , so werden auch die Themen gesetzt, die dann von den Medien fast immer aufgegriffen und weiter verbreitet („propagare“ auf Lateinisch) werden.

Werden wir konkret:
Dass bei Alkoholabhängigen Therapie besser ist als Strafe, glaubt mittlerweile jeder. Zu verdanken ist dies der geballten Propaganda von Psychologen und Journalisten. Bei den Psychologen liegt der Grund auf der Hand (sie müssen ja schliesslich von was leben), bei den Journalisten wird es wohl daran liegen, dass sie so recht eigentlich Herdentiere sind. Kommt dazu, dass wenn der Mensch einmal etwas glaubt, er nur mehr schwer davon abzubringen ist.

Das meint nicht, dass Strafe der Therapie vorzuziehen wäre; das meint, dass wer glaubt, dass Therapie die Lösung sei, sich davon womöglich zu viel verspricht, denn die Behandlung von Alkoholikern ist ein Feld voller Widersprüche und Paradoxien. Kein Wunder bei Phänomena wie diesen (aus: Arnold M. Ludwig: The Alcoholic's Mind):

Seinen persönlichen Tiefpunkt erreicht zu haben, gilt als ein notwendiger Schritt für die Genesung – bei anderen Krankheiten legt dies eher eine negative Prognose nahe.
Alkoholismus ist „eine Krankheit“, deren charakteristische Symptome, wie etwa der Drang zu trinken, zu gewissen Zeiten, zum Beispiel am Abend oder an Wochenenden, auf mysteriöse Art und Weise auftauchen und zu anderen Zeiten, wie bei der Arbeit oder in der Kirche, abwesend sein können.
In vielen Spitälern werden Alkoholiker unverzüglich von der Behandlung ausgeschlossen, wenn man annimmt, sie seien unkooperativ, unmotiviert, gäben ein schlechtes Beispiel ab für andere oder wenn man sie beim Trinken oder Drogen konsumieren erwischt. Anders gesagt: zeigt der Alkoholiker Anzeichen seiner Krankheit (etwa, dass er sein Trinken nicht zu kontrollieren weiss), gilt er als ungeeignet für die Behandlung. Es ist gänzlich absurd: Er muss trocken sein, damit man ihm hilft, trocken zu werden.

Auf diesem Hintergrund zeugt das Verhalten der Graubündner Regierung, die offenbar glaubte, es genüge, unter Beizug eines Vertrauensarztes Massnahmen zu vereinbaren, „damit Reinhardt seines Problems Herr werde“, von schwer zu überbietender Ignoranz. Die Medien haben diese in ihrer gewohnten Art weiter verbreitet.

PS: Im März 2000 hatte Markus Reinhardt den Befehl für den Todesschuss auf einen Amokschützen gegeben. Es wurde Anklage auf vorsätzliche Tötung erhoben; Reinhardt wurde freigesprochen. In der Süddeutschen vom 27. Januar 2010 stand zu lesen: „Der finale Rettungsschuss habe ihn nicht losgelassen, sagte der langjährige Freund und Nationalrat Pius Segmüller dem Blick. "Er hatte seither gewisse Sorgen. Am Ende war wohl alles zu viel für ihn."

Erstveröffentlichung in Soundscapes, Groningen, März 2012
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Von der Politik, den Medien und der Sucht

Helmut Schmidt, der als deutscher Bundeskanzler mehr als ein Dutzend Mal bewusstlos zusammengebrochen war, und Franz Josef Strauss, der gemäss seiner Lebensgefährtin Renate Piller „einfach nicht nippen“ konnte, hat der Spiegel-Autor Jürgen Leinemann als süchtig erlebt; Joschka Fischer, der vom unmässigen Bechern und Futtern zum unmässigen Joggen (und wieder zurück) wechselte, ist ihm ein Exempel an Suchtverlagerung. Leinemann, der wohl zu den kenntnisreichsten politischen Berichterstattern Deutschlands gehört, weiss, wovon er schreibt – er ist selber süchtig, er hat sich seiner Sucht gestellt, ist mittlerweile schon lange trocken.

Seit zwanzig Jahren wusste er, dass er über seine Erfahrungen und Beobachtungen zum Thema Sucht und Politik ein Buch schreiben würde. Warum hat er so lange gewartet? „... weil ich wusste, dass ich mich selbst als Süchtiger zu erkennen geben müsste, sollte die Charakterisierung der Politiker als potenzielle Erfolgs-Junkies nicht denunzierend wirken.“ Zudem wollte er sich erst als trockener Alki bekennen, wenn er nicht mehr für den Spiegel, der ihn, als er es nötig hatte, schützte und stützte, im politischen Tagesgeschäft tätig war, denn schliesslich begegnet man auch in unseren vermeintlich aufgeklärten Zeiten einem Süchtigen nach wie vor mit (moralisch eingefärbten und diffamierenden) Vorbehalten.

Das Wort ‚Sucht’ kommt nicht von ‚suchen’, es kommt von ‚siech’ und das heisst krank. Ein Süchtiger ist ein Kranker, der die Wirklichkeit als unerfüllt oder bedrohlich erlebt und nun versucht, diesem Gefühl Abhilfe zu schaffen, sei es durch chemische Substanzen wie Alkohol oder Rauchwaren, sei es durch Arbeit oder öffentliche Anerkennung. Man gewöhne sich an solche Mittel, durch ständige Wiederholung und immer höhere Dosierung entstehe zunächst Abhängigkeit, dann Sucht, schreibt Leinemann, und fügt hinzu:.„Einzugestehen, dass ich zwar alkoholabhängig war, dass mein süchtiges Verhalten aber nicht durch Whisky, Bier oder Wein erzeugt wurde, sondern dass umgekehrt der Suff die Folge eines persönlichen Defizits war, fiel mir nicht leicht. Es half aber, dass ich schnell merkte, wie sehr auch andere sich mit dieser Problematik herumschlugen – nicht zuletzt in der Politik.“

Die Beweggründe eines Politikers, hat Willy Brandt gesagt, ergäben sich häufig mehr aus dessen Struktur als aus den eingespielten politischen Regeln. Auf dieser Einsicht gründet Leinemanns Berichterstattung. Sorgsam hat er jeweils der Herkunft und Lebensgeschichte der politischen Akteure wie auch den sozialen Rollen, die sie spielen, nachgespürt. Und er hat, weil er nicht nur genau zu beobachten weiss, sondern oft auch Zusammenhänge bemerkt, die von viel Menschenkenntnis zeugen, Schilderungen von erhellender Eindrücklichkeit zustande gebracht, die einem noch lange im Kopf bleiben. Diese hier zum Beispiel: „Franz Josef Strauss war nicht nur der bayerische Kraftbolzen, als der er sich mit Vorliebe gerierte and als den ihn Freund und Feind bewunderten. Er war auch empfindlich, verwundbar und ängstlich. In Wahrheit kennzeichnete ihn Unstimmiges. Statisch und dynamisch war er zugleich, grazil und massig, grossspurig und kleinmütig. Er marschierte ja nicht, wie das Klischee behauptete, er walzte nicht und schon gar nicht schob er sich vorwärts. Er hastete vielmehr in weicher Eile, verfiel fast ständig in einen unsteten Trippeltrab. Sein Gang hatte kein Gewicht.“

Leinemanns Buch überzeugt nicht zuletzt, weil er offen legt, dass seine jeweilige Sichtweise mit seiner persönlichen Biografie, mit dem jeweiligen Stand seiner Selbsterkundung zu tun hat. Damit macht er klar, dass es objektive Berichterstattung nicht gibt, sie nicht geben kann; dass man, um wahrhaft Zeugnis ablegen zu können, auch über sich selber Auskunft geben muss, sich selber und anderen gegenüber. Über Strauss zum Beispiel konnte er erst (und vor allem darum) einfühlend schreiben, als er entdeckte, dass es mit dem Bayer – „nicht in seinen politischen Inhalten und seinen gesellschaftlichen Zielen und schon gar nicht in seinen finanziellen Praktiken, wohl aber in seinen verdeckten Ängsten, in den Lebenszielen der ehrgeizigen Aufsteigers, in den emotionalen Einfärbungen und den zeitgeschichtlichen Prägungen durch eine autoritäre Familien- und Kleinbürgerwelt – mehr Ähnlichkeiten und Überschneidungen [gab], als ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen hätte ausmalen können.“

Auch wenn der 1937 im niedersächsischen Celle geborene Historiker, der seit 1971 für den Spiegel arbeitet, eine Fülle von Informationen verarbeitet und eine veritable, aus der Nähe miterlebte, deutsche Polit- und Politiker-Geschichte der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts vorgelegt hat, die eigentliche Stärke seines Buches liegt in der Selbstreflexion, zu der auch die Einordnung des eigenen Ego in Zeit und Kultur gehört: „ ... es bedurfte des völligen physischen und psychischen Zusammenbruchs, bis ich begriff, dass mein privates Unglück, meine zunehmende Entfremdung von mir selbst, vom gesellschaftlichen und politischen Umbruch dieser Jahre nicht zu trennen war.“

Eine zunehmende ‚Versüchtelung’ der Gesellschaft diagnostiziert der Suchtexperte Werner Gross in der heutigen Zeit – mehr denn je scheint der Mensch von Sucht bedroht; das von den Medien geförderte Bedürfnis nach der Droge Aufmerksamkeit („die unwiderstehlichste aller Erfolgsdrogen“) trägt nicht wenig dazu bei.

Er schreibe doch jetzt seit vier Jahrzehnten über Politik, das sei also auch sein Leben, meinte Die Zeit in einem Gespräch mit Leinemann und fragte: „Warum tun Sie sich das an? Immer noch einen leeren Egomanen? Immer noch einen, der nicht aufhören kann?“, worauf dieser antwortete: „Vielleicht bin ich auch so. Ein bisschen. Sonst würde mich diese Welt wohl nicht so faszinieren.“

Erstveröffentlichung im Aurora-Magazin, Salzburg, September 2005
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