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Scouting
Im Sommer 1996 war ich für den Verleger Egon Ammann für drei Monate als Scout in Südostasien unterwegs. Ein Blick zurück.
"Denken Sie daran, dass wir ein literarischer Verlag sind."
Das war mein Job-Beschrieb, der ganze.
Zugegeben, anlässlich eines vorangegangenen, längeren Gesprächs hatte sich der Verleger durchaus auch an anthropologischen und spirituellen Werken interessiert gezeigt, so dass ich den Hinweis weniger als einengend denn als qualitativ interpretierte. Die dezentere Variante von "Bringen Sie keinen Schrott". Eine Vorgabe so vage wie sinnvoll, doch auch nicht besonders hilfreich. Doch andrerseits, wie definiert man schon Qualität? Ich würde mich ganz einfach auf mein Gespür verlassen und das Verlagsprogramm als Richtschnur nehmen.
Engagiert worden war ich als Scout, als literarischer Scout, und mein Tätigkeitsgebiet würde Südostasien sein, für drei Monate. Länger wäre zwar wünschenswert gewesen, doch nicht machbar, des Geldes wegen.
Dass ich mit meinen Recherchen in Bangkok anfing, hatte seinen guten Grund.
Einmal war mir die Stadt relativ vertraut, hatte ich doch während vieler Jahre regelmässig ein paar Monate da zugebracht, zum andern ist die thailändische Hauptstadt ein wichtiges Tor zu Südostasien - fast alle kommen da durch, einige bleiben auch hängen. Zudem verfügt das Land über eine in diesen Breitengraden erstaunlich freie Presse.
Bangkoks englischsprachige Tageszeitungen verschaffen dem des Thailändischen nicht kundigen Leser immer mal wieder einzigartige Einblicke in lokale Befindlichkeiten. Als da einmal auf einer Titelseite zu lesen stand, die Opposition beschuldige die Regierung, korrupt zu sein, lautete die Schlagzeile am nächsten Tag, „Regierung sagt, sie sei 24,8 Prozent weniger korrupt als die sie anschuldigende Opposition“.
Die im Sommer 1996 heisseste Geschichte handelte vom Premierminister, der offenbar sowohl seine Geburtsurkunde gefälscht als auch seine Magisterarbeit nicht selbst verfasst haben sollte. Konnte man letzteres ja noch nachvollziehen, so erschien das Fälschen der eigenen Geburtsurkunde auf den ersten Blick doch reichlich sonderbar. Guckte man dann aber etwas genauer hin, so erfuhr man, dass der Mann eben recht eigentlich Chinese und gar kein Thai und somit zu Unrecht im thailändischen Parlament eingesessen und folglich auch gar nicht thailändischer Ministerpräsident sein dürfte. Natürlich wurde dies von dem Mann bestritten. Dass das Geburtsdatum nur deshalb angepasst worden sei, damit ihm, dem bis anhin Glücklosen, künftig die Sterne besser gesinnt sein mögen, war vermutlich nicht nur ein Gerücht. Und wenn, dann ein gutes.
Es liegt schon einige Zeit zurück, dass The Nation in ihrer Sonntagsausgabe jeweils eine Kolumne veröffentlichte, die sich mit thailändischen und westlichen Wertvorstellungen auseinander setzte und nach der ich regelrecht süchtig war: Thai Whys hiess sie, und verfasst wurde sie von einem Mann namens Mont Redmond.
In Thailand, wie auch anderswo, läuft alles über persönliche Beziehungen. Wen man kennt, ist ungleich wichtiger als was man kann.
Um Mont Redmond ausfindig zu machen, setzte ich mich mit einem Freund in Verbindung, der wiederum einen Freund bei der Nation hat. Doch es funktionierte nicht, der Freund des Freundes meldete sich nie bei mir. Ein paar Tage später telefonierte ich mit dem Herausgeber einer Anthologie über neuere thailändische Literatur, der eine ihm bekannte Frau aus dem Feuilleton der Nation erwähnt, die mir womöglich weiter helfen könne. Ich schickte ihr ein Fax und wartete. Thailand ist ein geradezu ideales Pflaster, um sich in Geduld zu üben, denn die Dinge dauern und dauern und dauern – da die Thais ausgesprochen höfliche Menschen sind, wird es wohl am Klima liegen
Mont Redmond meldete sich ein paar Tage später telefonisch.
Ich erklärte ihm, ich sei auf der Suche nach Manuskripten und Ideen, die den Westlern asiatisches Gedankengut näher bringen könnten, wobei ich natürlich seine Kolumne erwähnte und fragte, ob wir uns einmal zu einem Gespräch treffen könnten. Er sei schon ziemlich überrascht, eigentlich sogar sehr überrascht, meinte Mont darauf, einmal, weil seine letzte Kolumne bereits zwei Jahre zurückliege und er ganz einfach nicht damit gerechnet habe, dass sich überhaupt jemand daran erinnere, dann aber auch, weil er gerade jetzt, gerade diese Woche, und nur diese Woche, weil er sonst ganz einfach keine Zeit habe, dabei sei, ein Manuskript mit einer Auswahl aus seinen Kolumnen fertig zu stellen.
„Doch Zufälle gibt es ja nicht“, sagte er noch, bevor wir uns für den nächsten Tag verabreden.
Mont schreibt philosophische Essays, elegant und witzig und mit einem sicheren Händchen für Dramaturgie. Die Vorstellung, die ich mir von ihm mache, ist die eines älteren Herrn, hochgelehrt und umfassend gebildet. Vermutlich hat er Orientalistik studiert und ist Mitglied der renommierten Siam Society. Na ja, letzteres vielleicht doch nicht, dafür schreibt er schon etwas zu kontrovers.
Der reale Mont, den ich dann traf, war siebenunddreissig, Kanadier und hatte der Universität nach zwei Jahren Adieu gesagt, weil er von institutionellem Lernen nicht viel hält. Ob ich Spengler kenne? Der Untergang des Abendlandes ist sein Lieblingsbuch. Ich hatte den Wälzer vor meiner Abreise, zum ersten Mal, seit ich ihn mir vor langen Jahren gekauft hatte, in der Hand und für eine solche Reise als zu schwer befunden. Augenblicklich beschliesse ich, ihn mir nächstens vorzunehmen
Eigentlich findet Mont die Indonesier viel spannender als die Thais. Persönlicher, interessierter, fragender und anteilnehmender. Warum er sich dann ausgerechnet in Bangkok niedergelassen habe? Als er einmal einen Freund, den er von Indien her kannte, hier besuchte, sei er hängen geblieben. Weil's so bequem sei.
Heute ist er mit einer Thai verheiratet, Vater von sechs Kindern und als Übersetzer tätig (Thailändisch hat er sich im Selbststudium angeeignet). Er ist auch praktizierender Muslim .
und hat sehr prononcierte Auffassungen über die Aggressivität der westlichen Kultur. Kein Wunder schätzt er Spengler, der unter anderem festhält:
„Nicht was wir tun, was wir erstreben, was wir werten sollen, führt auf das Problem, sondern die Einsicht, dass diese Fragestellung ihrer Form nach bereits ein Symptom ausschliesslich des abendländischen Wertgefühls ist.
Der westeuropäische Mensch steht hier unter dem Einfluss einer ungeheuren optischen Täuschung, jeder ohne Ausnahme. Alle fordern etwas von den andern. Ein „Du sollst“ wird ausgesprochen in der Überzeugung, dass hier wirklich etwas in einheitlichem Sinne verändert, gestaltet, geordnet werden können und müsse. Der Glaube daran und an das Recht dazu ist unerschütterlich. Hier wird befohlen und Gehorsam verlangt. Das erst heisst uns Moral. Im Ethischen des Abendlandes ist alles Richtung, Machtanspruch, gewollte Wirkung in die Ferne. In diesem Punkt sind Luther und Nietzsche, Päpste und Darwinisten, Sozialisten und Jesuiten einander völlig gleich. Ihre Moral tritt mit dem Anspruch auf allgemeine und dauernde Gültigkeit auf. Das gehört zu den Notwendigkeiten faustischen Seins. Wer anders denkt, lehrt, will, ist sündhaft abtrünnig, ein Feind. Man bekämpft ihn ohne Gnade. Der Mensch soll. Der Staat soll. Die Gesellschaft soll. Diese Form der Moral ist uns selbstverständlich; sie repräsentiert uns den eigentlichen und einzigen Sinn der Moral. Aber das ist weder in Indien noch in China noch in der Antike so gewesen. Buddha gab ein freies Vorbild, Epikur erteilte einen guten Rat. Auch das sind Formen hoher – willensfreier – Moralen.“
Zu unserem zweiten Treffen hat Mont sein Manuskript mitgebracht. 'Die Rohfassung', meint er, und 'Melden Sie sich, wenn Sie wieder aus Manila zurück sind.'
***
Ich hatte lange gezögert, nach Manila zu fliegen. Was ich von der Stadt gehört hatte, liess sie mich bei meinem letzten Besuch auf den Philippinen links liegen lassen. Sie sei gefährlich und gewalttätig und diesbezüglich etwa gar nicht mit Bangkok zu vergleichen. Ohne Bodyguards würde er da nie aus dem Haus, kommentierte ein Gast in meinem Bangkoker Stammhotel meine Pläne. Für einen Drogenhändler durchaus begreiflich.
Dass ich mich dann doch nach Manila aufmachte, hatte einerseits damit zu tun, dass ich das klare Gefühl hatte, in einer konfrontativen Kultur, wie sie auf den Philippinen herrscht, müsse ein potentiell fruchtbarer Boden für gute Literatur zu finden sein und die Lektüre von Ghosts of Manila des Briten James Hamilton-Patterson, der teils in Italien und teils auf den Philippinen lebt, hatte mich nur darin bestärkt. Zum andern traf ich dann noch auf einen Deutschen, der eigentlich lieber Amerikaner sein wollte, weshalb wir uns auf Englisch unterhielten, und in Manila wohnte. Er empfahl mir einen kleinen Buchladen mit Namen Solidaridad im Stadtteil Ermita, der von einem bekannten Schriftsteller geführt würde und eine wahre Fundgrube sei. Das klang zwar sehr nach Drittweltladen, doch war es immerhin ein Anhaltspunkt.
Froh, dass die Maschine halb leer war und ich mich auf den Sitzen neben mir würde langlegen können, wartete ich auf den take-off, als kurz vor dem Start sich zwei voluminöse Männer auf den Sitzen neben mir niederlassen. Da mir Flüge nie ganz geheuer sind, kamen wir rasch ins Gespräch. Der eine beiden entpuppte sich als Designer, der andere als Architekt. Ich müsse unbedingt die Verlegerin GFC kennen lernen, meinte dieser, die sei toll und wichtig und er sei einmal bei ihr eingeladen gewesen, ein super Haus, sogar die Toiletten total gestylt. Ob er eine Adresse habe? Nein, doch ich solle doch einfach in einem der Antiquitätenläden in der Nähe meines Hotel nachfragen, da könne man mir bestimmt weiterhelfen.
Mein Hotel hat einen Flughafen-Abholdienst. Somit war die, nach Aussage aller Manila-Besucher, mit denen ich gesprochen hatte, gefährlichste Hürde, die Taxifahrer, die einen anscheinend nicht immer ans gewünschte Ziel bringen, erfolgreich genommen.
Der Liftboy im Hotel trug eine Pistole im Gürtel und der etwa fünfundfünfzigjährige Australier, der beim Abendessen am gegenüberliegenden Tisch sass, fragte als erstes, ob ich auch hier sei, um mir eine Frau abzuholen.
Mein erster Gang am nächsten Morgen, vorbei an einer Bank, die von vier mit Maschinengewehren bewaffneten Männern bewacht wurde, galt dem Buchladen des Schriftstellers F. Sionil José. Der Verkäufer, den ich nach ihm fragte, entpuppte sich als dessen Sohn. Sein Vater sei gerade ausser Landes, sollte aber in den nächsten Tagen zurückkommen und ob ich dann noch hier sei? Er gab mir einen Termin. Ob er die Verlegerin GFC kenne? Sie sei eine gute Freundin der Familie, ob ich ihre Telefonnummer wolle?
Ich ziehe mich für ein paar Tage aufs Land zurück. Zum Bücherlesen.
Sionil, dessen Werke in mehrere Sprachen, darunter auch Deutsch, übersetzt worden sind, erweist sich als vorzügliche Informationsquelle. Er kennt jede und jeden und hat zu allem eine Meinung.
'Ja, Thailand. Kennen Sie Sulak?'
'Nein, das heisst, dem Namen nach. Ich habe auch einiges von ihm gelesen.'
'Den müssen Sie machen. Der versteht Thailand.'
'Ja, schon, nur halte ich ihn mehr für einen Sozialkritiker als einen Schriftsteller.'
'Was, Mulder finden Sie gut? Anderson ist viel besser, Mulder versteht das philippinische Klassensystem nicht.'
Das versteht eh keiner, denke ich mir, sage aber nichts, weil er grad fragt, ob ich Hunger habe. Nicht eigentlich. Das nahegelegene Restaurant habe vorzügliche Hamburger. Er bestellt welche. Sie sind hervorragend.
'Nick Joaquin. Kennen Sie den?
'Ja.'
Er greift zum Hörer, wählt.
'Wie lange werden Sie noch hier sein? Übermorgen?'
Er hängt ein.
'Das geht so kurzfristig nicht. Der Mann ist über achtzig.'
Er erwähnt zwei jüngere Kollegen, von denen er viel hält und die ich unbedingt aufsuchen müsse.
Wieder im Laden, das Büro von Sionil liegt im ersten Stock, suche ich im Regal nach Werken der beiden Empfohlenen, kann jedoch keine finden und frage einen der Angestellten nach dem Schriftsteller Charlson ong. Der Angestellte nimmt mich am Arm, führt mich um zwei Regale rum und zeigt auf einen Mann, der gerade von seinem Buch aufschaut, und sagt: 'Das ist Charlson ong.'
Doch Zufälle gibt es ja nicht.
Ong unterrichtet kreatives Schreiben an der Universität. Er ist um die dreissig und für sein literarisches Schaffen schon mehrfach ausgezeichnet worden. Nun gibt es auf den Philippinen so viele Schriftsteller auch wieder nicht, so dass die Chancen, einmal einen Preis zu gewinnen, relativ gut stehen. Doch ong schreibt wirklich gut. Die meisten seiner Geschichten spielen in Manila und man hat bei der Lektüre die Stadt nicht nur plastisch vor Augen, man riecht sie geradezu.
Wir reden über Bücher, natürli
h. Michael ondaatje hat er gerade gelesen. Und ist beeindruckt. Überhaupt die Inder, einfach genial. Keine langweilige Nabelschau eben, sondern Geschichten, grossartige Geschichten. Wer schreibt sonst noch Epen wie Vikram Seth oder Rohinton Mistry? Die Verlegerin GFC kennt er auch, ja klar, und die Toiletten in ihrem Haus müsse ich mir wirklich ansehen. Überhaupt sei die literarische Szene in Südostasien ja recht klein und da kenne man sich eben.
Als ich mich am nächsten Tag nach Quezon City aufmache, erwarte ich eine ältere, gesetztere und vornehme Dame, denn zwischenzeitlich habe ich in Erfahrung gebracht, dass es sich bei GFC um eine sechsundsechzigjährige, mehrfache Grossmutter handelt, die materiell nicht gerade zu leiden hat. Hätte ich's nicht besser gewusst, hätte ich die Frau auf höchstens fünfzig geschätzt. Sie ist schön, spannend, unkonventionell und sehr lebhaft.
Philippinische Kultur, das ist ihr Thema. Verhaltensweisen, die philippinische Küche. Wir sind sofort bei der Frage nach der philippinischen Identität. Geographisch weder Ost noch West, und dann diese Geschichte. Dreihundert Jahre im Kloster, unter den Spaniern, gefolgt von fünfzig Jahren Hollywood, unter den Amerikanern. Kein Wunder wird die Identitäts-Frage zur nationalen Obsession.
Was sie von Ben Anderson halte, und ob sie Sionils Meinung, er sei besser als Mulder, teile?
'Ach, Sionil wird wohl mit Anderson befreundet sein.'
Natürlich, Asien. Sag mir, wen du kennst, und ich sage dir, wieviel du zählst. Nicht, dass dies sonstwo wesentlich anders wäre, nur ist es hier viel offensichtlicher.
Sie zeigt Bücher. Schön gemacht und teuer. Coffee-Table-Books.
Ong hat gesagt, GFC schreibe auch gut. Ob sie was da habe? Ich beginne zu lesen. Sie schreibt wirklich gut. Und kann über sich selber lachen. Was auch beim Schreiben hilft. Und nicht nur da.
Wir reden und reden und reden und zwischendurch gehe ich auch mal auf die Toilette, die, mit den in die Wände eingelassenen Muschelschalen, wirklich recht speziell ist.
Es ist eines dieser Gespräche, die ungeheuer intensiv ablaufen und wo man am Ende gar nicht mehr weiss, weshalb man eigentlich zusammengekommen ist.
Mit einem Packen Bücher unter dem Arm, mache ich mich auf den Weg zur Verlegerin Karina Bolasco, bei der mich GFC angekündigt hat. Der mit Pistolen bewaffnete Wachmann an der Eingangstür zum Verlag will mich erst gar nicht rein lassen – komisch, dass der nicht sofort erkennen kann, das ich in bester Absicht hier bin. Zudem Schweizer, also neutral und entsprechend harmlos. Doch womöglich sieht das ein Philippino, der die Schweiz vielleicht vor allem als Versteck der Marcos-Gelder kennt, etwas weniger neutral.
Mit einem weiteren Packen Bücher unter dem Arm mache ich mich auf den Rückflug nach Bangkok.
***
„Von der einen Scheusslichkeit in die nächste“, meint John, ein Geschäftsmann in Singapur, als ich ihm erzähle, dass ich gerade aus Bangkok komme und auf dem Weg nach Jakarta sei. Da dies mein erster Besuch in der indonesischen Hauptstadt sein wird, ich jedoch als Kenner Südostasiens durchgehen will, lächle ich diplomatisch.
Für Kontaktenlinsenträger ist Jakarta mit Bangkok oder, am allerschlimmsten, Saigon, wo die Luft gänzlich aus Staubpartikeln, die äusserst schmerzhafte Hornhautreaktionen hervorrufen, zu bestehen scheint, überhaupt nicht zu vergleichen. Dass einem Geschäftsmann dies nicht besonders auffällt, ist weiter nicht verwunderlich - klimatisierte Räume gleichen sich auf der ganzen Welt.
Sionil hat mir die Telefonnummer eines berühmten Kollegen mitgegeben. Als ich anrufe, wird mir gesagt, er sei gerade beim Malen und könne nicht gestört werden. Ich solle es doch in zwei Stunden noch einmal versuchen. Doch da ruht er dann gerade. Nochmals eine Stunde später kommt er an den Apparat. Ich habe das Gefühl mit einer Primadonna zu sprechen und verliere nullkommaplötzlich jegliches Interesse.
Sollten die Auslagen in den Buchläden ein Indikator für die öffentliche Diskussionskultur sein, so ist es in Jakarta damit nicht gerade gut bestellt.
Mont Redmond hatte von Yogjakarta, dem kulturellen Zentrum Javas, geschwärmt. Doch auch da sind die Buchläden eine einzige Enttäuschung. In einem der grossen Läden, der mehr einer Papeterie ähnelt, frage ich, zugegeben, wenig erwartungsvoll, einen Verkäufer, ob hier auch Werke von indonesischen Schriftstellern auf Englisch zu finden seien. Und siehe da, er zieht ein Buch aus einer Beige. Es ist noch verschweisst, doch er reisst den Plastik auf, ohne zu fragen, ob ich's jetzt auch ganz sicher kaufen werde. Das Impressum erwähnt eine Stiftung in Jakarta, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, indonesisches Kulturschaffen einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Genau was ich suche und nur dann ein Zufall, wenn es auch welche geben sollte.
Die Sekretärin der Stiftung, eine Schauspielerin, ist äusserst hilfsbereit. Sie türmt Bücher auf einen Tisch, versorgt mich mit Kaffee. Ich fange an zu lesen, stelle hin und wieder Fragen. Eine weitere Sekretärin kommt hinzu, auch sie gibt Auskunft.
Der Geschäftsführer sei Amerikaner und werde in etwa zwei Stunden wieder zurück sein, sagt sie, als sie einmal auf eine Frage keine Antwort weiss.
Romane seien in Indonesien nicht besonders verbreitet, meint dieser dann, im wesentlichen, weil sie kaum Geld einbrächten und man auch zu lange darauf warten müsse. Kurzgeschichten seien da viel populärer, weil's da sofort Geld gebe. Ein Phänomen, das ich bisher überall in Südostasien angetroffen habe.
Mit einer weiteren Beige Bücher unter dem Arm mache ich mich auf den Weg zurück nach Bangkok.
Im Flugzeug treffe ich auf den Südostasien-Verkaufsleiter eines europäischen Multi. Er ist Mitte dreissig, gut ausgebildet, übers Tagesgeschehen auf dem laufenden und mit den derzeit gängigen Management-Büchern, die Asien zum Gegenstand haben, vertraut. Vor kurzem hat er am Ende einer Geschäftsbesprechung festgestellt, dass er der Einzige war, der geredet hatte. Als er seine Assistentin, eine Asiatin, fragte, weshalb sie nichts gesagt habe, erwiderte diese, es sei nicht nötig gewesen. Er war erfreut und kam zum Schluss, dass sie recht gehabt hatte. Auf den Gedanken, dass sie ganz einfach gesagt hatte, was sie glaubte, dass er gerne hören würde, kam er nicht.
***
Ich beschloss einen Freund, der jetzt in Laos lebt und Gott und die Welt kennt, aufzusuchen. Joe ist dreiundfünfzig, Amerikaner und findet grundsätzlich alle interessant, weshalb er auch so viele Leute kennt. 'Du musst unbedingt den kubanischen Botschafter kennen lernen, der ist total interessant. Und der russische Attache, der war früher in Phnom Penh, der plant, über seine Zeit dort ein Buch zu schreiben.' Und, und, und. Wie üblich ist er fast nicht zu bremsen.
'Das ist ja alles schön und gut, doch interessiert mich eigentlich mehr, ob die bereits was geschrieben haben. Jeder zweite läuft doch mit einem Buch im Kopf rum, einige wenige
bringen es dann auch zu Papier und von denen sind es wiederum nur einige wenige, die auch was zu sagen haben und von denen dann auch wieder nur eine ganz kleine Minderheit, die das auch gut zu formulieren weiss. Gut gemeinte Absichtserklärungen bringen mich schlicht nicht weiter. Im übrigen schreibt auch ein sogenannt interessanter Mensch nicht notwendigerweise gut. Ich habe Leute getroffen, die im persönlichen Gespräch unglaublich mühsam und langweilig daher kamen, deren Schreibe jedoch absolut genial war. Was selbstverständlich nicht heissen soll, dass wer nicht reden kann, womöglich gut schreiben wird. Was ich hier sagen will ist eigentlich nur, dass Deine interessanten Kontakte eigentlich nur dann für mich von Interesse sind, wenn sie was auch was Geschriebenes vorliegen haben.'
'Was suchst Du denn genau?'
'Das weiss ich selber nicht, zumindest nicht genau.'
'Entschuldige, aber sowas treibt mich glatt die Wände hoch!' Der Hohn steht Joe ins Gesicht geschrieben. 'Du weisst nicht, was Du suchst! Wie arbeitest Du denn eigentlich?'
'Ich lese viel, ich rede mit Leuten und sehe, was sich daraus entwickelt. Erinnerst Du Dich an die Kolumne von Mont Redmond in The Nation? Sowas, zum Beispiel. Ganz allgemein gesagt, alles, was mir hilft zu einem besseren Verständnis asiatischer Gepflogenheiten zu kommen.'
'Asiatische Gepflogenheiten, aha. Da muss ich Dir was erzählen. Du kennst doch die Carol. Sie spricht ja Lao und da habe ich sie gebeten, im laotischen Wörterbuch nachzuschauen, was da unter Logik steht. Und weisst Du, was da steht? Die Dinge, wie sie sind. Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag. Die Dinge, wie sie sind! So ein Witz! Wenn denn überhaupt, so ist Logik doch das genaue Gegenteil.'
Es macht wohl keinen grossen Sinn, Joe zu sagen, dass mir die laotische Definition gut gefällt. Als ich ihn spätabends verlasse, frage ich mich eigentlich nur, weshalb er nicht in Amerika geblieben ist.
***
Von Vientiane fliege ich weiter nach Hanoi.
Chris ist ein ganz anderer Amerikaner als Joe, nicht zuletzt spricht er fliessend Vietnamesisch. In seinem Büro entdecke ich auch Understanding Vietnam von Neil Jamieson, beginne zu blättern – eine wahre Schatztruhe, nicht zuletzt der Kurzfassungen einiger bedeutender Werke der vietnamesischen Literatur wegen. Ob ich mir das ausleihen könne? Klar doch, Chris schmunzelt. Er hat mich bewusst nicht darauf hingewiesen, er hat sehen wollen, ob mir das Buch auffallen würde.
Wir kennen einander aus Bangkok. Ich könne jederzeit bei ihm wohnen, hat mir Chris dort gesagt und so stehe ich jetzt also in seinem Haus und werde der Haushälterin, einer jungen, hübschen und abweisenden vietnamesischen Studentin vorgestellt, die offenbar zwei Stunden pro Tag zum Aufräumen kommt.
Ich bin zum ersten Mal in Hanoi. Wie er an meiner Stelle vorgehen würde? Er würde zum Schriftstellerverband gehen, sagt Chris. Ob denn bei einer solch offiziellen Organisation was Schlaues rauskommen könne? Er denke es schon, jedenfalls sei es einen Versuch wert.
Ich gehe hin, werde vorgelassen. Von drei Augenpaaren gemustert, trage ich mein Anliegen vor. Ich solle dies schriftlich tun, wird mir anschliessend beschieden. Noch besser sei jedoch, wenn der Verleger selber so ein Schreiben aufsetzen würde.
Chris lacht, als ich ihm davon erzähle. Wichtig ist, dass das Schreiben des Verlegers auf einer Seite Platz haben müsse, denn das oberste Gebot in diesem System sei, dass eine Sache, um es wert zu sein, damit man sich damit befasse, praktikabel sein, und das heisse, dass sie auf einer Seite Platz finden müsse.
Ich besuche Buchhandlungen, komme mit andern Büchersuchern ins Gespräch, erhalte Tipps. Auf dem Nachhauseweg, beim Versuch eine Strasse, wo Hunderte auf Fahrädern unterwegs sind, zu überqueren, werde ich umgefahren. Der Radler, ein Student, entschuldigt sich, er sei in Gedanken bei seiner bevorstehenden Prüfung gewesen. Ob es mir etwas gemacht, ich verletzt sei? Nein, nein. Zurück in der Wohnung stelle ich dann fest, dass da am rechten Oberschenkel eine massive Fleischwunde zu sehen ist. Ob jemand angehalten habe? fragt die Studentin. Der Radler, der gestürzt, doch niemand sonst, erwidere ich. Typisch Hanoi, jeder für sich, sagt sie darauf.
Eines der Bücher, das ich mitgebracht, findet ihr besonderes Wohlgefallen. Es handelt sich um einen Band mit Legenden, von denen sie einige auswendig herzusagen weiss. Ob sie eine, oder auch zwei, vortragen würde? Sie guckt überrascht und setzt, nach kurzem Zögern, frei zu deklamieren an. Da ich die Sprache nicht verstehe, konzentriere ich mich auf ihr Mienenspiel: weicher wirkt sie jetzt, und jünger.
Als ich ein paar Tage später am Flughafen darauf warte, dass mein Flug nach Bangkok aufgerufen wird, komme ich mit einem skandinavischen Entwicklungshelfer ins Gespräch, der von einem Projekt erzählt, dessen Vorgabe gewesen, dass es auf einer Seite hätte Platz finden sollen. Er habe das nicht ernst genommen, vier Seiten abgeliefert und gewartet. Ein paar Tage später habe man ihm gesagt, das Projekt müsse auf einer Seite Platz finden. Er habe erklärt, dies sei nicht möglich, und gedacht, das könne doch nur ein Witz sein. Wieder habe er gewartet. Und wieder habe man ihm gesagt, dass eine Seite ausreichen müsse. Getobt habe er, doch es habe nichts genützt. Als er sechs Wochen später eine Version auf einer Seite ablieferte, sei mit den Arbeiten begonnen worden.
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Zurück in Bangkok, suche ich auch Mont Redmond auf. Ich hätte viel gelernt bei der Lektüre seines Manuskripts, sage ich und beginne unverzüglich Beispiele aufzuführen. Und bin dann fast nicht mehr zu stoppen.
Ich sei zuversichtlich, der Verleger werde meine Einschätzung teilen, sage ich zu Mont, als ich mich ein paar Tage später telefonisch von ihm verabschiede.
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Mont Redmonds Wondering into Thai Culture erschien im Eigenverlag (Redmondian Insight Enterprises Co., Ltd.), wird in Thailand von Asia Books vertrieben und erlebte im Jahre 2002 bereits die dritte Auflage.
Erstveröffentlichung in Titel-Magazin, Karlsruhe, am 12. Januar 2006
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In Uruguay
Im Juli 2008 bin ich zweieinhalb Wochen durch den südlichsten brasilianischen Staat, Rio Grande do Sul, und durch Uruguay gereist. Mit öffentlichen Bussen, rund vier Stunden pro Tag. Das Unterwegssein war mir wichtiger als das Ankommen.
Geblieben sind mir einzelne Szenen und Stimmungen, keine schön kontinuierlich verlaufende Reise von hier nach dort.
In Tapes, einer kleinen Stadt am „Lagoa dos Patos“, einem riesigen Süsswassersee südlich von Porto Alegre, die Notiz in der „Pousada da Lagoa: "Por favor: Não utilize a toalha de rosto ou de banho para limpar os sapatos." Was die wohl für Gäste haben, dass die den Hinweis, dass man weder das Gesichts- noch das Badetuch zur Reinigung der Schuhe benutzen solle, für nötig halten? Ich frage den jungen Mann an der Rezeption. Ich sei der erste Ausländer, den er in den sechs Monaten, die er nun hier arbeite, gesehen habe, sagt er. Es scheint sich demnach um eine regionale Sitte zu handeln.
Die zweite Nacht in Tapes verbringe ich in einem Hotel etwas ausserhalb des Ortes. Es sei heute Feiertag, das Restaurant geschlossen, informierte man mich. In Brasilien ist ständig irgendwo Feiertag. Was denn gefeiert werde? Der Ortsheilige. Aha. Ob ich ein Sandwich kriegen können? Und einen Teller mit Früchten? Selbstverständlich. Ich nehme an, dass das teuer werden wird. Auch weil der Zimmerpreis so günstig ist. Ich bin sicher (und dies von andernorts gewohnt), die werden jetzt die Gelegenheit ergreifen und mir eine gepfefferte Rechnung präsentieren. Ich täusche mich, das Essen ist genauso preiswert wie das Zimmer und ich bin noch etwas mehr von den Brasilianern angetan als ich es eh schon bin. Wochen später werde ich belehrt (von Brasilianern): in Rio oder São Paulo wäre ich genauso geschröpft worden, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Santa Vitória, an der Grenze zu Uruguay. Das Hotelzimmer überteuert, dreckig, das Badetuch noch nass vom Vorgänger, der Papierkorb voll. Sicher, als ich mich beschwerte, wurde alles in Ordnung gebracht. Trotzdem: das Hotel „Brasil“ mag ich nicht empfehlen.
Maldonado, an der uruguayischen Atlantikküste. Das Zimmer sei 520 Pesos, mit Frühstück 650, also 60 Pesos mehr, sagt die junge Frau an der Rezeption. Ich glaube mich verhört zu haben. Ob sie das bitte wiederholen könne? Sie sagt, was sie bereits gesagt. Das sind nicht 60, sondern 130 Pesos Unterschied, sage ich. Sie scheint nicht zu verstehen. Ob sie mir das bitte aufschreiben könne? Sie tut es: $ 60, $ 520, $ 650. Und schaut mich anschliessend mit unbewegter Mine an. Keine Ahnung, was in ihr vorgeht, doch ich entscheide mich für die Variante ohne Frühstück.
Eine Busstunde entfernt, in Piriápolis, frage ich eine junge Frau nach einer Buchhandlung. Sie ist um die zwanzig, wunderschön und strahlt eine solch ansteckende Lebensfreude aus, dass sie mir, auch Wochen später, immer mal wieder durch den Kopf geht.
Zwei Tage stürmt es. In der behaglichen Wärme meines mit Holz geheizten Hotels, einem in die Jahre gekommenen, mehrstöckigem Haus französischer Bauart, mit Türmchen und Erkern, das nur von einer Strasse vom Strand getrennt ist, nehme ich das Blitz und Donner-Spektakel am Himmel, den heulenden Wind, den gegen die Fensterscheiben prasselnden Regen, als aufregenden Film wahr.
Beim Coiffeur. Die Tür geht auf, eine Frau um die fünfzig legt einen Zettel auf einen Stuhl und zählt dabei auf, was sie heute im Angebot hat. Die Coiffeuse erklärt: die Frau sei vom Restaurant beim Sportplatz, das Mittagessen dort sei gut und günstig und werde einem, ohne Aufpreis, auch nach Hause oder ins Hotel geliefert. Ich beschliesse, zum Essen hinzugehen. Plastikstühle, Plastiktische, das Lokal macht nicht gerade viel her, doch das Essen schmeckt und ist preiswert. Mit dem Wirt unterhalte ich mich eine gute Stunde über Gott und die Welt. Unter anderen erklärt er mir, was er vom Journalismus hält: des Journalisten Aufgabe sei, seinen Boss zufrieden zu stellen. Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.
Minas, von Hügeln umgeben, liegt eineinhalb Stunden nördlich von Piriápolis. Die Sonne scheint, es ist kalt. Ich gehe spazieren und nehme eine Strasse, die schnurgerade vom Hauptplatz weg führt. Eine gute halbe Stunde gehe ich ihr entlang. Dann gehe ich den gleichen Weg wieder zurück. Ich erlebe zwei ganz verschiedene Strassen.
In einer Konditorei in Nueva Helvecia (der Ort ist auch als Colonia Suiza bekannt). Woher ich sei? fragt die junge Verkäuferin. Aus der Schweiz, antworte ich, worauf sie strahlt und sagt, ich solle ihr bitte davon erzählen, sie höre gerne von fremden Ländern.
In einem Restaurant in Colonia fragt ein Mann, Anfang vierzig, ob er mich zeichnen dürfe, es dauere nur zehn Minuten (das Resultat findet sich rechts oben auf dieser Seite) und koste 50 Pesos. Er sei Journalist, Zeichnungen mache er nur nebenher. Wir sprechen über Fotografie, er findet meine Gedanken dazu interessant und macht ein Interview, das ich ein paar Wochen später online in El Eco finde und das auch Aussagen enthält, die ich wirklich gemacht habe.
Was ein Zimmer koste? 550 Pesos. Ob ich es mir ansehen könne? frage ich in einem zentral gelegenen Hotel in Mercedes. Als ich am nächsten Tag die Rechnung begleiche, verrechnet mir die junge Frau an der Rezeption 650 Pesos. Ihr Kollege vom Vorabend habe mir den Zimmerpreis mit 550 angegeben, sage ich. Sie zeigt auf die Wand hinter ihr, wo zu lesen steht, ein Einzelzimmer koste 650 und sagt gleichzeitig: Wenn das so ist, müssen wir halt noch einmal von vorne anfangen. Sie zerreisst meinen Visa-Beleg und stellt einen neuen aus. In der Schweiz wäre dies unvorstellbar, in der Schweiz hätte die junge Frau garantiert gesagt: Woher weiss ich, dass, was Sie mir sagen, auch der Wahrheit entspricht? Und, das ist der eigentliche Gipfel (!), ich hätte ihr zugestimmt, denn so bin ich (leider!) kulturell konditioniert.
In Salto drücke ich mir mit dem Fingernagel (unabsichtlich) einen recht grossen Eiterpickel (ein eingewachsenes Haar) aus, den ich mir, nach meiner Rückkehr nach Brasilien (wo ich versichert bin), von einem Arzt aufschneiden hatte lassen wollen. In einer Apotheke will ich mir ein Desinfektionsmittel beschaffen; der Apotheker guckt sich die Geschichte an und meint, das sei unproblematisch, ein Mittel sei nicht nötig. Als er meine skeptische Mine sieht, geht er nach hinten und kommt ein paar Minuten später mit einem kleinen Fläschchen zurück. Das sei reiner Alkohol, damit könne ich die Wunde desinfizieren. Was das koste? Gar nichts, sagt er. Ich kann’s kaum fassen.
Im Bus von Salto nach Artigas beginnt es heftig zu stürmen. Die Frau vor mir wechselt ihren Sitz zweimal, weil es durchs Dach regnet. Eine junge Frau aus Vancouver Island geht mir durch den Kopf. Auf einem Schulausflug in Costa Rica, ein riesiges Gewitter war im Anzug und wir suchten alle Schutz im Trockenen und die junge Frau (nein, sie stand nicht unter Drogen) sagte ganz träumerisch: „I just love weather“.
Dann war ich zurück in Brasilen. In Santa Maria, einer grösseren Stadt, fragte ich den Taxifahrer nach einem guten Hotel im Zentrum. Mir gefiel, was er mir zeigte. Sollte ich ein Taxi brauchen, solle ich ihn bitte anrufen, sagte er. Morgen, mittags um zwölf, brauch ich eins, dann muss ich zum Busbahnhof. Er war da, pünktlich. Am Busbahnhof gab ich ihm eine zwanzig Real Note und erhielt acht zurück. Ob er nicht gestern gesagt habe, die Fahrt koste zehn? Zwölf sagte er und gab mir dann ohne weitere Diskussion zehn zurück.
In der Schweiz wäre mir das nie passiert, sage ich ein paar Tage später zu einer meiner Privatschülerinnen. Ich meine, der wusste doch, dass er mich wohl nie mehr sehen würde und trotzdem … Die junge Brasilianerin lachte: Genau dasselbe ist letzthin meinem Boss in den USA passiert. Er zahlte zuviel für das Mittagessen und der Kellner gab ihm das Geld zurück. In Brasilien würde so was nie passieren. “Aber”, sagte ich, “in meinem Fall ist es doch gerade so in Brasilien passiert.” Nun ja, antwortete sie, möglicherweise habe das ja damit zu tun, dass ich hier fremd sei.
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Südafrikas Küste
Man kann Fotobücher auf ganz verschiedene Arten angehen. Man kann, zum Beispiel, mit dem Vorwort anfangen, oder man kann das Buch einfach irgendwo öffnen, blättern, und sich dann den Bildern überlassen, oder man kann sich von den Kapitelüberschriften leiten lassen, oder …. Wer Letzteres tut und mit Kwazulu-Natal beginnt, weil er (Frauen sind mitgemeint) schon mal vor Ort war, wird sich vielleicht wundern, dass er „sein Kwazuku-Natal“ nur selten wieder findet, wenn er sich dann aber ganz einfach diesen eindrücklichen Aufnahmen von Jörn Vanhöfen, die mehr an Gemälde als an Fotografien erinnern, überlässt, wird er eine ganz wunderbare Horizonterweiterung erfahren, in Herz und Hirn.
Es ist ein sehr schön gestalteter, ja edler und eleganter Band, den der Mare Verlag hier vorlegt: Aufnahmen, Bildqualität, Layout, der differenzierte, kluge, und informative Text von Zora del Buono, alles stimmt, nur das Vorwort des Herausgebers fällt etwas ab. Zugegeben, man erfährt Interessantes (etwa, dass es seine Idee war „Eine Reise entlang den Küsten Südafrikas – 2500 Kilometer Wüste, Felsen, Städte und Urwälder am Meer“ ins Bild zu setzen), doch Sätze wie „Besonders Kapstadt und die Badestrände ziehen jedes Jahr Hunderttausende an. Aber die hohe Kriminalität und die himmelschreienden Unterschiede zwischen schwarzer und weisser Bevölkerung begleiten die grandiosen Kulissen“ sind dann doch etwas arg platt: es gibt mittlerweile nämlich auch sehr reiche Schwarze und recht arme Weisse (die gab es übrigens immer schon in diesem Land, verhältnismässig wenige, sicher, aber trotzdem). Zora del Buonos Text ist da näher an der Realität: „Seit 1707 nennen sie sich selbst Afrikaaner, ihre Sprache, das Afrikaans, ist eine Art ältliches Niederländisch, kehlig und dunkel. Was einst die Sprache der Mächtigen war, ist heute auch die Sprache der Abhängigen, die sich aus ihrer wirtschaftlichen Bedrängnis herauszulösen bemühen, ein Versuch, der oft auf Widerstand stösst, aber immer häufiger auch glückt.“
In einem Interview mit Spiegel Online erläuterte Jörn Vanhöfen sein fotografisches Selbstverständnis wie folgt:
Spiegel Online: In Ihrem Bildband "Südafrikas Küsten" ist nicht das Südafrika der sattsam bekannten Klischees, sondern stille Landschaften und öde Städte zu sehen.
Vanhöfen: Ich bin ein politischer Landschaftsfotograf, und mein Verleger Nikolaus Gelpke wollte das politische, kulturelle, gesellschaftliche Leben nach der Apartheid zeigen. Er wusste, dass ich immer versuche, mehrdeutige Bilder zu schaffen. Ich will den Betrachter damit zwingen, die Bilder nicht nur zu konsumieren, sondern wirklich zu lesen.
Sind denn Bilder nicht sowieso mehrdeutig? fragt man sich da, eingedenk des russischen Sprichworts „Er lügt wie eine Augenzeuge“ unwillkürlich. Zudem: was der Fotograf will, ist das Eine, ob jedoch die Bilder dann auch tun, was er will, dass sie tun sollen, ist hingegen … na ja, wer will das schon wissen?
Wer den Band einige Male durchgeht und den Versuch macht, die Bilder, wie das der Fotograf will, wirklich zu lesen (und dies meint: genau hingucken, was das Bild zeigt; sich überlegen, was man ins Bild hineinliest; das Bild zu spüren versuchen etc), der wird zweifellos emotional bereichert werden. Und er wird weiter denken, und weiter empfinden, über diese inspirierenden Fotos hinaus. Ob der Band es jedoch schafft, „das politische, kulturelle, gesellschaftliche Leben nach der Apartheid“ zu zeigen, ist schwer zu sagen – können Fotos das überhaupt? Gehört es denn nicht zum Wesen der Fotografie, dass sie Abstraktes (Politisches, Kulturelles, Gesellschaftliches) gar nicht abbilden (höchstens zuschreiben) kann? Zudem: Was soll das eigentlich sein, politische Landschaftsfotografie, ausser einer weiteren, für den Betrachter wenig hilfreichen Abgrenzung? Möge uns die politische Weltraumfotografie erspart bleiben!
Jörn Vanhöfen
Südafrikas Küste
Mare, Hamburg 2008
Erstveröffentlichung auf http://rezensionen.ch, Februar 2009
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Boca Ciega, Cuba
Boca Ciega liegt im Osten Havannas und besteht aus ein paar Strassenzügen, ein paar Häusern und ein paar wenigen Restaurants. Wäre da nicht der schöne Sandstrand und die Nähe zur Hauptstadt, wäre der Ort absolut unbemerkenswert. Und weil dem so ist, gefällt es mir da.
Linkerhand, in Richtung Havanna, befindet sich Santa Maria, wo einige grössere Touristenhotels, reine Italienerbastionen, stehen; rechterhand liegt Guanabo mit seinen Diskotheken und Bars und auch hier wimmelt es von Italienern. Ich wüsste nicht, wo auf der Erde, abgesehen natürlich von Italien, es dermassen viele Italiener gibt, jedenfalls habe ich noch an keinem andern Ort so viele gesehen bezw. gehört wie gerade hier auf Kuba. Daran wird es wohl liegen, dass einen hier die Einheimischen dauernd als Italiano einstufen, auch wenn man, zum Beispiel, weniger italienisch gar nicht mehr aussehen könnte als der kleinwüchsige, blonde Mann, dessen Kinn gerade mal bis zur Theke reicht und der sich deswegen auf die Fussspitzen stellen muss, um seine Bestellung aufzugeben. Hamburger, sagt er. 'No hay'. Haben wir heute nicht. Dann eben Cheeseburger. 'No hay', sagt die Bedienung wiederum und wundert sich, was für ein Heini bloss auf die Idee kommen kann, einen Hamburger mit Käse zu bestellen, wenn ihm doch gerade gesagt worden ist, dass es keine Hamburger gebe.
Das zum Hotel gehörende Restaurant beim Kreisel in Guanabo führt schon seit Jahren dasselbe Menu im Glaskasten vor der Eingangstür. Huhn mit Reis oder Reis mit Huhn. Unser Zimmervermieter hat gesagt, dies sei die Spezialität des Kochs. Hoffentlich, denken wir und wagen einen Versuch. Und wirklich, es schmeckt gut. Einmal bestelle ich eine Tortilla und die Bedienung sagt, 'no hay' und ich kann es gar nicht fassen, weil, denke ich mir, die müssen doch, in einem staatlich geführten Hotel, Eier haben, doch so denkt eben nur einer, der mit den hiesigen Verhältnissen nicht so besonders vertraut ist.
Einmal gibt es während einer ganzen Woche kein Klopapier in den Läden. Und ab und zu wird einfach, ohne Vorwarnung, das Wasser abgestellt, was besonders unangenehm ist, wenn man gerade eingeseift unter der Dusche steht. Und, von Zeit zu Zeit, geht der Strom aus. Oder die Hot Dogs. Oder ... Ausser mir scheint sich darüber niemand zu enervieren. Sicher, das sei unangenehm, doch was solle man schon machen, sagen die Kubaner. Sie beschämen mich. Sie haben ständig mit all diesen Unzulänglichkeiten, und einigen mehr, zu leben, und ich, der ich mich ein paar Wochen hier aufhalte, kriege schon einen Anfall, wenn ich ein-, zweimal davon betroffen bin und mache die Kubaner auch gleich kollektiv dafür verantwortlich. Wie kann man sich das nur bieten lassen, das ist doch ein Wahnsinn, total unmöglich, geifere ich dann. Und fühle mich im Recht. Bis der Anfall vorüber ist. Und dann fühle ich mich ziemlich beschissen, weil mir diese saublöde Anspruchsmentalität zu Hause immer so auf den Geist geht. Bei den andern, natürlich.
Wenn wir an den Strand gehen, kommen wir an einem zweistöckigen Haus vorbei. Der davor liegende, kurz geschnittene, Rasen wird gegen die Strasse hin, links und rechts, von zwei hohen, schlanken Kiefern begrenzt. Es ist ein ganz einfaches und gewöhnliches Haus, das mir auffällt, weil es frei steht und mir immer so proper geputzt erscheint. Ich fühle mich instinktiv zu ihm hingezogen. Auch zu den Kiefern. Ich denke, sie haben eine Seele und ich möchte sie umarmen, lass es dann aber doch, weil ich nicht Gefahr laufen will, für spinnert gehalten zu werden..
Die Vermieter hatten uns die Wohnung als besonders ruhig geschildert und wir hatten, da sie etwas abseits lag, keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln, doch ruhig ist, wie jeder Begriff, relativ und auslegungsbedürftig, und in Kuba ganz besonders.
Nun weiss jeder, dass je mehr auf ein Land die Sonne scheint, desto lärmunempfindlicher die Leute sind. In Kuba mag zudem die Tatsache eine Rolle spielen, dass wir es hier mit einer Insel zu tun haben, die Leute sich also der Vorstellung hingeben mögen, man könne sie, da sie sowieso von Wasser umgeben sind, nicht hören. Etwas direkter formuliert: die Kubaner scheinen, en gros, taub zu sein.
Die Musik schallt in solch ohrenbetäubender Lautstärke aus den Häusern, dass ich meinen Tinitus schon gar nicht mehr wahrnehme und wenn einmal, für ein paar Minuten nur, weil, womöglich, jemand zu erschöpft ist, um das Band zu wechseln, keine Musik ertönt und man sich in Ruhe der Lektüre zuwenden zu können glaubt, hält garantiert ein Traktor vor der Haustür, dessen Fahrer ins nahe Kollektiv zum Essen geht, ohne den Motor abzustellen, weil der aus Russland kommt und nur unter grossen Mühen wieder zum Laufen gebracht werden kann.
Von Kuba habe ich gelesen, dass es da kaum Kriminalität gibt und bin umso erstaunter, dass überall, wo wir wohnen, die Haustüren doppelt und dreifach gesichert werden. Und dann vernimmt man Gerüchte von Vergewaltigungen und auch Morden, die in einem Staat, wo die Nachrichten und auch sonst alles, was kontrolliert werden kann, kontrolliert wird, häufig der Wahrheit näher kommen als was man offiziell zu hören kriegt
Trotzdem: selten habe ich mich in einem Land so sicher gefühlt.
Ich solle aufpassen, mich vor Dieben in Acht nehmen, vor allem am Strand, wird mir gesagt.
Polizisten, in Uniform und in Zivil, patroullieren im Sand, kontrollieren Ausweise, vorwiegend von Kubanerinnen, und Yonalkis, meine Novia, regt sich darüber furchtbar auf und sagt, sie werde nicht mehr an den Strand gehen, wegen diesen ScheissPolizisten, und ich versuche sie zu beruhigen, diese Männer machten doch nur ihren Job und überhaupt sei es ja wirklich so, dass es am Strand viele Gauner gebe, das habe sie doch auch selber gesagt, doch heute ist mit ihr darüber nicht zu reden, heute reagiert sie nur wütend und sagt, Du hast überhaupt keine Ahnung, was das für ein Polizeistaat ist, und ich nicke nur und sage nichts, denn es stimmt, sie hat recht, ich weiss es wirklich nicht.
An meinem zweiten Tag in Havanna war ich mit einer jungen Frau ins Gespräch gekommen und hatte sie gefragt, was ihr zum Stichwort Kuba zuallererst durch den Kopf gehe. 'Libertad' hat sie gesagt. Und wieso? Weil sie in keiner Stadt der Welt, morgens um zwei, sich so frei und sicher fühlen, so unbehelligt durch die Strassen gehen könne.
Yonalkis hält das für ausgemachten Schmarren. Nirgendwo könne man hingehen, ohne dass man kontrolliert werde. So sei das. Freiheit? Ein Witz.
Im Jahr darauf haben wir geheiratet und sind in die Schweiz gezogen. ‚Un pais de curvas“ und ‚falta algo en el aire’, sagt sie, wenn ich sie frage, wie es ihr hier gefalle. Auch mir fehlt etwas in der Luft.
Ihr Traumland war immer Mexiko gewesen. Was zieht Dich denn da an? Die sind dort doch alle klein und rundlich, tragen Sombreros, essen Tam-Tam und liegen auf dem Rücken im Schatten eines Kaktus. Keine Ahnung hätte ich, gab sie zurück. Was ich da behaupte, stimme vielleicht für die Leute auf dem Land, doch in der Stadt, in D.F., da seien die Männer gross und schlank, trügen Schnurrbart und Gel im Haar.
Seitdem wir aus Mexiko zurück sind, hat sie einen neuen Traum. Ein Haus in Boca Ciega.
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Die rote Babuschka
Die Rahmenhandlung dieses wirklich witzigen Buches findet sich auf der vierten Umschlagseite gut zusammengefasst. Hier ist sie:
„Zehn Jahre nach dem Sturz der Ceausescu-Diktatur stehen Neuwahlen an. Die Rentnerin Emilia Apostoae, die den grössten Teil ihres Lebens unter dem Regime der „Volksmacht“ verbracht hat, erhält einen nach Anruf von ihrer nach Kanada emigrierten Tochter Alice: ‚Wähle ja nicht die Kommunisten.’ Dieses Telefonat und die folgenden Diskussionen stürzen Emilia in eine Identitäts- und Nostalgiekrise und sie erinnert sich wehmütig an eine Zeit, in der alles perfekt schien (aber gar nichts stimmte). Nach und nach verwebt die ‚rote Babuschka’ den problematischen Alltag des heutigen Rumänien mit dem Alltag der Vergangenheit und geht sich dabei selbst auf den Leim.“
Die Gedanken und Überlegungen, die sich Emilia Apostoae so macht, liessen mich immer mal wieder laut herauslachen. Als Tochter Alice und der Schwiegersohn in spe, Alain, zu Besuch nach Rumänien kommen, kommentiert sie etwa: „Er hatte Discoklamotten an – Jeans, ein T-Shirt und Laufschuhe. Ich habe ja keine Ahnung, wie man es so in Kanada hält, aber wenn man sich bei uns schick macht, weil man um die Hand eines Mädchens anhalten möchte, dann zieht man sich ganz anders an. Hatte er denn nichts Besseres im Schrank? Tucu schwitze sich halbtot in seinem Nadelstreifenanzug, und mit verging in dem viel zu eng sitzenden Tupfenkleid Hören und Sehen. Nun, wer schön sein will, muss eben leiden.“ Beim anschliessenden Essen wundert sie sich, dass Alain nur „einen Salat und zwei mickrige Stücke Fisch mit einer Zitronenscheibe bestellt“ und schliesst, dass ein Leben lang „ewig auf Diät, immer am Hungertuch nagen“ ziemlich unnatürliche Folgen habe müsse: „Deswegen werden sie alle neunzig, und ihre Kinder warten im Rentenalter noch auf das Erbe.“ Am selben Abend dann, vor dem Einschlafen der Schweigereltern in spe, liest man diesen ganz wunderbaren Dialog:
„Hör mal, weißt Du, woran ich eben dachte?“
„Mm?“
„Dieser Junge, Alin …“
„Alain!“
„Für mich ist er Alin, lass mich in Ruhe!“
„Was ist denn mit ihm?“
„Wenn der eine Schubkarre voll Beton schieben müsste, würde er nach zehn Metern tot umfallen.“
„Und?“
„Ich mein’ ja nur.“
„Wozu soll er denn Beton durch die Gegend schieben, er arbeitet doch bei einer Bank.“
„Tia, da hast du auch wieder recht.“
Danach sind wir beide eingeschlafen.
Was diesen Roman lesenswert macht, sind die Schilderungen davon, was für Vorstellungen sich Emilia Apostoae von der Welt macht. Ganz wunderbar ist zum Beispiel diese hier: „Alice und Alain haben uns Hochzeitsfotos geschickt. Kaum zu glauben, dass die in Kanada aufgenommen worden sind: Stühle wie bei uns, Tische wie bei uns, Menschen mit zwei Armen und zwei Beinen. Erst durch die toten Fische auf den Tellern wird einem klar, dass es hier um keine hundertprozentig rumänische Hochzeit geht.“ Wer jetzt wissen will, was denn eine hundertprozentig rumänische Hochzeit sein könnte, wird um den Gang zur nächsten Buchhandlung nicht herum kommen.
Lesenswert macht diesen Roman aber auch die Beschreibungen des Lebens im Rumänien unter Ceausescu – die sind in der Tat, wie der Verlag schreibt, amüsant und schräg.
„Erstens: In Rumänien hat jeder Arbeit. Zweitens: Obwohl jeder Arbeit hat, arbeitet keiner. Drittens: Obwohl keiner arbeitet, wird der Plan zu hundert Prozent erfüllt. Viertens: Obgleich der Plan zu hundert Prozent erfüllt wird, sind die Läden leer. Fünftens: Obwohl die Läden leer sind, können sich alle satt essen. Sechstens: Obwohl sich alle satt essen können, ist keiner zufrieden. Siebtens: Obwohl keiner zufrieden ist, spenden alle Applaus.“
Was aber diesen Roman ganz besonders lesenswert macht, sind Schilderungen wie diese: „Catrina war auf Tucu gar nicht gut zu sprechen. Sie meinte, der elterliche Hof sei in einem chaotischen Zustand, seitdem er dort erschienen war. Weder würde er säen, noch den Garten bewässern. Unkraut jäten oder zur richtigen Zeit ernten. Er tat so, als hätte er alles im Griff, baute aber rund um die Uhr nur Mist. Die Hälfte der Hühner hatte das Zeitliche gesegnet und die übriggebliebenen musste man auf den Knien anflehen, ein Ei zu legen. Im Sommer hatte er die Tomatensträucher nicht zurückgeschnitten, sodass sie in den Himmel wuchsen, die Früchte jedoch so klein wie Kirschen waren. Die Mohrrüben waren zu dicht aneinander gepflanzt und mickrig. Das Unkraut stand so hoch wie der Mais. Die Pflaumenbäume wimmelten vor Raupen. Die Äpfel waren kaum grösser als Walnüsse.
‚Er spielt den erfahrenen Bauer, und das ganze Dorf lacht ihn aus!“, sagte sie.
Mit anderen Worten: Ich hatte goldrichtig gelegen, als ich ihn mir in der Jugend ausgesucht hatte.“
Das ist wunderbar knapp geschildert, hat einen überzeugenden Rhythmus, ist witzig und überrascht. Mit andern Worten: die Lektüre lohnt.
Dan Lungu
Die rote Babuschka
Residenz Verlag 2009
Übersetzt von Jan Cornelius
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Im Westen Finnlands
Ende Januar, Anfang Februar 2009 verbrachte ich zwei Wochen im Westen Finnlands. Ich führte an der Fachhochschule in Nykarleby, das liegt eine Autostunde nördlich von Vaasa, einen Kurs zum Thema „Thinking Photography“ durch. Ich war noch nie in dieser Weltgegend, hatte mich auch vorgängig nicht wirklich darüber informiert, wo ich da hinkommen würde, nur über das Wetter hatte ich mich kundig gemacht, wusste also, dass es da kalt sein würde und so traf ich, mit einigen Pullovern im Gepäck, vor Ort ein, merkte dann aber sehr schnell, dass Pullover, Handschuhe und Mütze nicht wirklich nötig gewesen wären, denn ich verbrachte den grössten Teil meiner Zeit ohnehin drinnen und dort war es nicht nur warm, sondern heiss. Jedenfalls in meinem Zimmer, wo es eindeutig wärmer war als im südbrasilianischen Winter. In Brasilien sind nämlich Zentralheizungen unbekannt, in Finnland hingegen findet man sie meist voll aufgedreht. Im Kühlschrank fand ich dann einen Orangensaft gegen meinen Durst, er hiess „Brasil“.
In diesem Teil Finnlands spricht man hauptsächlich Schwedisch (93%, wurde mir gesagt), fühlt sich aber deswegen nicht weniger Finnisch; die Strassen sind in beiden Sprachen angeschrieben. Ob es da keine kulturellen Reibereien gebe? fragte ich die Schulsekretärin. Nicht bei denen, die beide Sprachen sprechen, antwortete sie.
Viel Tageslicht hat es nicht gerade; die Sonne geht so gegen neun Uhr auf und um vier Uhr wieder unter. Da habe man mehr Zeit, sich die Sterne anzugucken, emailte mir Elsa aus dem südlichen Brasilien. Der Gedanke gefiel mir und so ging ich raus und starrte zum Himmel hoch, doch Sterne waren da keine zu sehen, der Himmel war die ganze Zeit über bedeckt.
Was das Besondere hier in Westfinnland sei, fragte ich die Studentinnen (es gab auch Studenten, doch die Mehrzahl war weiblichen Geschlechts und stammte aus Finnland, Schweden und Norwegen). Die Stille, sagte einer. Von da ab achtete ich auf die Stille und fand sie magisch. Viele halten sie nicht aus, hörte ich später jemanden sagen.
Ich unterrichte, weil ich etwas lernen will. Und ich lernte viel in diesen zwei Wochen in Nykarleby. Ein Beispiel: Fotos scheinen ein Eigenleben zu haben, ja gleichsam über magische Kräfte zu verfügen, sagte ich, wer das nicht glaube, solle doch mal versuchen, ein Foto der eigenen Mutter zu nehmen und ihr die Augen rauszuschneiden. Ich fand dies ein Hammer-Beispiel (ich verdanke es W. J. Mitchell) und konnte mir nicht vorstellen, dass da jemand dagegen reden würde, doch ich hatte mich getäuscht. Eine der Studentinnen meinte, das sei überhaupt kein Problem, sie habe das gerade gemacht. Es sei ja mittlerweile bekannt, dass sie zurzeit nicht gerade ein glückliches Verhältnis zu ihren Eltern habe. Dem gebe sie dadurch Ausdruck, dass sie Fotos von ihnen zerschneide und Collagen draus mache.
Das Meer zwischen Finnland und Schweden sei auf dieser Höhe etwa 100 Kilometer breit, erfuhr ich. Und es ist zurzeit vereist. Lisen, eine Studentin, zeigte mir den Hafen. Als wir ankommen, geht gerade die Sonne unter – ein feuerroter Ball verschwindet im Schnee. Dass Lisen noch mehr beeindruckt ist als ich, macht mir klar, dass ich es mit einem nicht alltäglichen Ereignis zu tun habe. Wenig alltäglich – für mich jedenfalls – ist auch die Tatsache, dass da plötzlich ein Auto auftaucht und übers Eis in Richtung der nahe liegenden Inseln fährt. Die Winter seien ja auch nicht mehr, was sie einmal waren, sagt Lisen, doch früher seien einige mit dem Auto übers Eis nach Schweden hinüber gefahren.
Mein stärkstes Finnland-Bild ist jedoch ein gänzlich unspektakuläres: da mein Flug von Vaasa nach Helsinki frühmorgens geht, bringt mich Emma, die Dozentin, die meinen Aufenthalt organisiert hat, bereits am Vorabend nach Vaasa, wo ich in einem sehr schönen Hotel untergebracht werde. Der Blick aus dem Fenster morgens um fünf zeigt eine tief verschneite, von Strassenlampen erleuchtete, fast lautlose Stadt – es ist wie im Märchen, und es ist magisch. Und es ist dieses Bild, das ich heute hauptsächlich mit Finnland verbinde.
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In Brasiliens Nordosten
Dass es in Rio und in São Paulo viel Gewalt gibt, das weiss jeder. Dass das Ausmass dieser Gewalt im Mai 2006 in São Paulo an Bagdad, mithin an Krieg, erinnert hat, das haben damals viele geschrieben. Doch wie verhält es ich eigentlich mit der Gewalt im Rest des Landes? Ein Augenschein in Brasiliens Nordosten.
Dies ist am 23. Mai 2006 aus den Medien bekannt: Über 170 Menschen sind bei Unruhen zwischen kriminellen Banden – rund 800 Häftlinge, die diesen Banden angehören, sollten in Hochsicherheitstrakte verlegt werden, weshalb denn deren Kompagnons Polizeistationen angriffen – und der Polizei in São Paulo zu Tode gekommen, davon über dreissig Polizisten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Polizei wegen des Verdachts, unbeteiligte Zivilisten hingerichtet zu haben.
Im Fernsehen wird eine Frau gezeigt, die ausser sich ist vor Angst: ihr Mann und ihr Sohn sind beide Polizisten. Die Angst dieser Ehefrau und Mutter ist gut zu verstehen, wenn man sich vor Augen hält, dass vor kurzem ein Polizist, der mit seiner Gattin in einem Restaurant beim Essen sass, von zwei Maskierten aus nächster Distanz in den Kopf geschossen wurde. Auch vollkommen Unbeteiligte wie ein 25jähriger Musiker, dessen Familie und Freunde sagen, sein einziges Verbrechen sei gewesen, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein, finden sich unter den Opfern.
57 Prozent der Bevölkerung, dies ergab eine am 18. Mai veröffentlichte Umfrage, halten die Gewalt für das wichtigste Problem des Landes. Weit abgeschlagen folgt an zweiter Stelle (mit 12 Prozent) die Gesundheit. Wie die meisten Umfragen so offenbart auch diese nichts, was man auch ohne sie gewusst hätte.
45`000, so Amnesty International Schweiz, kommen pro Jahr in Brasilien durch Gewalt zu Tode. Die Gründe sind vielfältig – der leichte Zugang zu den rund 18 Millionen Kleinwaffen im Land gehört sicher dazu – doch die ungeheueren sozialen Unterschiede werden wohl der wesentlichste Grund sein.
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Als ich mich Mitte März 2006 nach Recife aufmache – ich hatte gerade Peter Robbs Death in Brazil gelesen, in dem der Australier Robb, der zwanzig Jahre in Brasilien gelebt hatte, gleich zu Beginn, in Recife, schildert, wie er Opfer eines gewaltsamen Angriffs wird – ist mir etwas bang: mir ist klar, dass ich in eine gefährliche Stadt gekommen bin. Doch jetzt, um sechs Uhr morgens, am fast menschenleeren Flughafen, kommt es mir überhaupt nicht so vor. Die Frau an der Information empfiehlt mir ein Hotel in Boa Viagem, einem Stadtteil, der von einem kilometerlangen Palmenstrand gesäumt ist. Das Hotel ist ein zweistöckiges, unscheinbares Gebäude und liegt zwei Häuserblocks, die mit automatisch gesicherten Türen versehen und darüber hinaus von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht werden, vom Strand entfernt. Es ist sauber, das Zimmer klein, der Preis ausgesprochen günstig; der Eingang ist ständig beaufsichtigt: muss der Rezeptionist aufs Häuschen, tut er das erst, nachdem eine der Küchenhilfen seinen Platz eingenommen hat.
Im nahen, in einem Hinterhof gelegenen, Internet Cafe, das vorwiegend von (sehr lauten) Buben und (ruhigen) Mädchen besucht wird, die sich an Videogames ergötzen, ist der Eingang mit Eisengittern und Schloss gesichert.
Diese Vorsichtsmassnahmen und auch die unübersehbare Polizeipräsenz entlang der Strandpromenade beruhigen mich, ich fühle mich recht sicher, obwohl ich um den nicht gerade tollen Ruf der brasilianischen Polizei durchaus weiss. Manchmal jedoch komme ich bei meinen Spaziergängen auch in Gegenden, die mich an Ghettos aus amerikanischen Gangsterfilmen erinnern (aufgeklappte Motorhaube, junge Männer in ärmellosen T-Shirts, laute Musik) – und natürlich meide ich sie. Ansonsten lasse ich mich treiben. Ich habe mich bewusst nicht über das Land kundig gemacht (ausser übers Klima: ich wollte ja die richtigen Kleider mitnehmen), suche auch nichts Bestimmtes, will einfach nur offen sein für das, was mir zustösst.
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In Maceio, vier Busstunden südlich von Recife, gehe ich eines Nachmittags auf dem Gehsteig so dahin, als mir auf der Strasse ein Radfahrer mit einem Korb voller Coca Cola Flaschen entgegenkommt. Plötzlich knallt es und irgendetwas schiesst an meiner linken Seite vorbei. Ich sehe – wie in Zeitlupe und als ob dies nicht wirklich sei, ich gar nicht beteiligt, sondern nur Zuschauer wäre – , dass an der Innenseite meines Oberarms ein kleines, dreieckiges Stück
Fleisch weggerissen wird. Es schmerzt nicht, doch Blut spritzt nach allen Seiten, ich winkle den Arm an, trotzdem scheint die Blutung zuerst gar nicht zu stoppen und für einen kurzen Augenblick erfüllt mich hysterische Panik, durchfährt es mich, ich werde hier auf der Strasse verbluten; es dauert mehrere Minuten bis ich den Blutstrahl stoppen kann.
Was war geschehen? Eine Cola Flasche war wegen der Hitze geplatzt und ein Glassplitter hatte mich getroffen. Der junge Radfahrer ist stehen geblieben, weiss aber nicht, was er tun soll; ein Passant ruft mit seinem Mobil-Telefon die Ambulanz. Tourist sei ich, schreit er in den Apparat. Woher? erkundigt er sich bei mir. Aus der Schweiz, gibt er weiter. Nach zwanzig Minuten trifft die Ambulanz ein. Die Wunde wird gesäubert, ein Verband angelegt, Blutdruck und Puls werden genommen, meine Personalien aufnotiert.
Ich werde jetzt ins nächstgelegene Spital gebracht, wo die Wunde genäht werden müsse, teilt man mir mit. Ich verabschiede mich bei meinem Helfer mit dem Mobil-Telefon, die Sirene wird eingeschaltet, ich lege mich auf die Bahre und los geht’s.
Die Fahrt dauert und dauert und ich wundere mich: wohin wir denn ...? Die Sanitäterin und der Sanitäter grinsen. In ein Spital hier in der Gegend, sagen sie. Und es dauert weiter. Nach etwa zwanzig Minuten erreichen wir das Spital, ein einstöckiges, von einem Gittertor aus Eisen gesichertes Gebäude, das von drei Männern mit Gewehren bewacht wird. Vor Jahren war ich einmal in einem ganz ähnlichen Spital (allerdings ohne bewaffnete Wachen) in Malawi gewesen. Ich hatte einen Unfall verursacht gehabt und einer meiner Mitfahrer bedurfte ärztlicher Hilfe. Hier möchte ich nicht Patient sein, dachte ich damals, als ich mich im Spital umschaute. Doch jetzt, als ich selber in einem ganz ähnlichen Spital Patient bin, fühle ich mich gut aufgehoben.
Ein paar Minuten dauert das Vernähen der Wunde. Als ich mich wieder aufrichte, fragt die Ärztin, wie ich jetzt zurück zum Hotel komme?
Na ja, zu Fuss, sage ich.
Das sei keine gute Idee, diese Gegend hier alles andere als sicher, ein Tourist zu Fuss ein gefundenes Fressen.
Ich nehme ein Taxi.
Noch zweimal werde ich in der Folge ein staatliches Spital aufsuchen.
In João Pessoa, einer Stadt von etwa 700´000 Einwohnern – da gab es nur eine Wache am Spitaleingang: ein älterer, mit einem Stock bewaffneter Mann – , um die Fäden entfernen zu lassen, und in Piripiri, einem Ort mit 60`000 Einwohnern, da gab es gar keine Wache, wegen einer Lebensmittelvergiftung. Übrigens: keiner meiner Spitalbesuche kosteten mich auch nur einen Cent. Sozialservice nennt sich das.
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Parnaiba (etwa 700`000 Einwohner) liegt am grössten Delta der Americas, hier geht es gemächlich zu und her, das Geldherausgeben im Supermarkt geschieht mit derart aufreizender Langsamkeit, dass ich den Kerl an der Kasse durchzuschütteln versucht bin; schwer vorstellbar, dass hier überhaupt einmal irgendetwas passiert.
Mit einem Motorradtaxi fahre ich zu einer nahegelegenen, von Dünen umgebenen Lagune. Mich reizt, in den Dünen spazieren zu gehen. Das sei keine gute Idee, meint der stämmige Motorradfahrer. Erst gestern seien hier drei Ausflügler angegriffen und beraubt worden. Ich lasse es bleiben.
Am nächsten Tag fahre ich nach Luis Correira, am Meer gelegen, wesentlich kleiner und noch verschlafener als Parnaiba. Friedlicher kann ein Ort eigentlich gar nicht wirken, doch ein paar Tage später lese ich in der Zeitung, dass frühmorgens ein 30jähriger Mann per Kopfschuss umgebracht worden sei.
Mein Hotel liegt am Strand, wenige Kilometer vom Ort entfernt. Ein älteres Ehepaar aus dem Süden des Landes und ich sind die einzigen Gäste. Verlassene Restaurants und Imbissbuden, vereinzelt ein paar Leute, die am Strand spazieren, ein Fischer, der Garnelen zum Kauf anbietet, ein Hund, der in der Mittagshitze die Strasse überquert – eine Stimmung wie aus einem Westernfilm.
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Meine nächste Station ist Teresina, die Hauptstadt des Staates Piaui, wo ich mich sicher fühle, bis mich Kalina, die hier an einer der Unis Englisch unterrichtet, darüber aufklärt, dass Teresina alles andere als sicher und weswegen es auch gesetzlich erlaubt sei, in der Nacht bei einem Rotlicht einen rollenden Stopp zu machen, weil es zu oft vorgekommen sei, dass an solchen Rotlichtern Automobilisten überfallen worden seien. Zudem treffe sie ständig Vorsichtsmassnahmen: kehre sie erst spätabends nach Hause zurück, so rufe sie vorher an, damit jemand Licht mache und an der Türe stehe, wenn sie eintreffe. Im Übrigen stelle sie sich nie vor der eigenen Haustüre zum Ratschen auf die Strasse, weil man so für Räuber und Diebe, die sich häufig auf Motorrädern an einen heranmachten, ein allzu willkommenes Opfer abgebe.
Ob sie glaubten, die Gewalt, die derzeit São Paulo heimsuche, könnte künftig auch in Teresina möglich sein, wurden Studenten von Meio Norte, einer der wichtigeren Zeitungen im Staate Piaui, gefragt. Die meisten konnten es sich nicht vorstellen.
Tags darauf berichtet Meio Norte, dass in Altos, einem Ort von etwa 20´000 Einwohnern, der ganz in der Nähe liegt, ein 30jähriger Mann in den frühen Morgenstunden auf einem öffentlichen Platz Opfer eines brutalen Raubüberfalls (durchgeschnittene Kehle, Messerstiche im Rücken, Geld und Dokumente fehlten) geworden sei. Im Fernsehen werden Bilder der in der Pathologie von Teresina aufgebahrten Leiche gezeigt.
Der Direktor des Colégio Agricola, wo ich einen Vortrag über interkulturelle Kommunikation halte, erzählt, er sei in den letzten zwei Jahren achtmal mit einer Waffe bedroht und beraubt worden, einmal sogar am helllichten Nachmittag, in einer Apotheke; die vorangegangenen vier Jahre jedoch kein einziges Mal. Besser wäre wohl, meinte er trocken, wenn er künftig nur noch in Shorts und Plastiksandalen und nicht mehr mit Krawatte herumlaufe
Je mehr ich von der Gewalt im Land höre, desto mulmiger wird mir. André Heller geht mir durch den Kopf: Trifft ein Wolf im Wald auf einen anderen Wolf, denkt er: sicher ein Wolf. Trifft ein Mensch im Wald auf einen anderen Menschen, denkt er: sicher ein Mörder.
Die nächsten paar Tage gehe ich, den Rucksack mit Geld und Wertsachen eng an mich gepresst, sehr viel vorsichtiger durch die Strassen. In Shorts und Plastiksandalen.
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Meine Erfahrungen mit den Brasilianern sind fast ausschliesslich positiv, ich erlebe sie als freundlich und hilfsbereit. Nervig finde ich eigentlich nur, dass einige wenige noch nie was von Schlange Stehen gehört zu haben scheinen, doch diese laut auf Schweizerdeutsch zurecht zu weisen, hilft meist.
Und dann die Strände, ein Traum nach dem andern. Und die Musik. Forró und Calypso (und ganz besonders die Companhia do Calypso), für mich, und zwar jederzeit. Einmal, an einem Konzert der Solteirões do Forró, morgens um zwei, als es mir vorkommt, als hätte ich einige der Songs schon von anderen Gruppen gehört, erkundige ich mich bei meinen Nachbarn: das sei so üblich an Konzerten, dass man, wenn man die eigenen Songs (so viele habe man häufig gar nicht) gespielt, hernach die Hitparade rauf und runter dudle Mich stört’s nicht, im Gegenteil, ich kann gar nicht genug von diesen Rhythmen und Melodien kriegen.
Was ich sehe und erlebe (meist friedlich auf Plastikstühlen, die allüberall auf Strassen und Plätzen hingestellt werden, sitzende Leute) bringe ich nur schwer mit dem zusammen, wovon ich lese und höre. Ein norwegischer Architekt erzählt von einem Schweizer Ehepaar, das abends um sechs an einem der Strände von Fortaleza mit Messern bedroht wurde, im Fernsehen wird von einem Überfall in Fortaleza berichtet, bei dem ein Polizist (der achte in diesem Jahr) erschossen wurde, die Bilder einer Geiselnahme in São Paulo werden so oft gezeigt, dass man glaubt, selber live dabei zu sein.
In Fortaleza wird eine Fernsehsendung produziert in der Verhaftete, im Beisein der Polizei, vor laufender Kamera interviewt werden. Erstaunlich viele, doch nicht alle, kooperieren. Mit andern Worten, sie werden an den Pranger gestellt bevor sie überhaupt verurteilt worden sind. Als ich dies einem hiesigen Journalisten gegenüber erwähne, zeigt er sich erstaunt darüber, dass mich dies erstaunt - das sei doch in den USA gang und gäbe.
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Es ist ein nationaler Feiertag als ich in Sobral eintreffe, die Stadt wirkt ausgestorben. Mit einem Motorradtaxi mache ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt, der geöffnet hat. Der ältere Motorradfahrer kennt einen. Und zudem eine sehr gute Bäckerei. Als wir nach wenigen Minuten einen Platz überqueren, erfassen meine Augen eine verlassene Häuserschlucht, die mich an Domodossola gemahnt, kurz darauf ist mir, als befände ich mich in der Schweiz, in Glarus. Ich habe keine Ahnung, was diese Assoziationen hervorruft, mag auch gar keine Erklärungen suchen, nicht zuletzt, weil ich weiss, dass es keine Gewissheit geben kann, dass höchstens mehr und weniger plausible Interpretationen möglich sind – und solche interessieren mich für einmal nicht. Doch ist das Leben überhaupt aushaltbar ohne Orientierungspunkte?
Was mir in Sobral zugestossen, ist mir bestimmt schon unzählige Male passiert, ohne dass ich es speziell beachtet hätte. Des Nachts, in Hotelzimmern mit zum Lesen ungenügendem Licht, strecke ich mich nun regelmässig auf dem Bett aus und lasse aus dem Unterbewussten aufsteigen, was da hochkommen will – Bildeindrücke von hier und da, nichts scheint miteinander in erkennbarem Bezug zu stehen. Es ist dies eine faszinierende, doch vor allem zutiefst verstörende, mit viel Angst verbundene, Erfahrung. Es gebe keinen Sinn im Leben ausser dem, den ich ihm selber gebe, habe ich einmal gelesen. Ein einleuchtender Satz, auch wenn ich ihn gefühlsmässig ablehne, denn mir scheint, es sei nicht an uns, den Sinn des Lebens nach Lust und Laune zu erfinden, sondern ihn in dem zu entdecken, was ist. Es gibt Momente, in denen das gelingt. Und weil dem so ist, schaff ich es immer weniger, unsere erfundene Wirklichkeit (von den Ideen eines „heiligen“ Landes bis zu den Prinzipien, auf denen die Wissenschaft gründet) wirklich ernst zu nehmen. „It is possible to think this: without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you are in the real”, schreibt Sharon Cameron in Beautiful Work: A Meditation on Pain.
Als die brasilianische Mannschaft bei der Fussballweltmeisterschaft zum ersten Mal zum Zuge kommt, machen Schulen, Ämter und Läden frühzeitig zu, damit sich alle die Übertragung im Fernsehen ansehen können. Viele tun das in Restaurants, und nicht wenige haben sich für diesen Anlass das nationale Fussballdress angezogen. Fussball vereint, und dieser Identitäts-Kitt ist wohl nötig, damit das Land nicht noch ganz auseinander bricht. Doch Fussball trennt auch, wie man an den Strassenschlachten nach den Spielen häufig sehen kann. Mit anderen Worten: wenn wir die Welt, die wir uns erfunden, allzu ernst nehmen, wendet sie sich gegen uns.
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In Camocin treffe ich auf einen jungen Anwalt aus São Paulo, der mir vom Leben dort erzählt. Komme er spätabends nach Hause und sehe in seinem Wohngebiet verdächtige Gestalten, fahre er so lange um die Häuser, bis sich diese Typen wieder aus dem Staub gemacht hätten. Nie würde er seinen Wagen in die Tiefgarage fahren, wenn Unbekannte davor herumlungerten.
Im Fernsehen ein Bericht über die Schweiz, weil die brasilianische Fussballmannschaft gerade zum Trainingslager in Weggis eingetroffen ist. Waffennarren seien die Schweizer, sagt der Kommentator. Bilder von einem Schützenfest werden gezeigt, erwähnt wird auch, dass in jedem Schweizer Haushalt ein Gewehr zu finden ist. Dabei, und das kann der Reporter fast gar nicht fassen, gebe es in der Schweiz pro Jahr nicht mehr als 43 Gewaltopfer, also etwa soviel wie in São Paulo an einem Wochenende.
Es versteht sich: was ich über die Gewalt im Lande höre und lese, bleibt nicht ohne Wirkung, beeinflusst mich. Nach einbrechender Dunkelheit traue ich mich immer weniger aus dem Hotel obgleich ich doch aus der Kriminologie weiss, dass die meisten Gewalttaten Beziehungsdelikte sind, dass sich also Opfer und Täter von Gewaltdelikten fast immer kennen. Nur eben: dies zu wissen, beruhigt nur wenig. Und überhaupt: was ist mit Raub, Diebstahl, Entwendung etc.? Gerade berichtete das Fernsehen, dass innerhalb weniger Tage zwanzig – oder waren es fünfzig? – Studenten unter Androhung von Gewalt ihre Handys abgenommen wurden. Andrerseits, und vor allem: mir ist doch in den drei Monaten, die ich jetzt hier unterwegs bin, absolut gar nichts passiert.
In einer Kleinstadt am Strand, etwa sechzig Kilometer von Fortaleza, frage ich einen Franzosen, der dort ein Restaurant betreibt und seit Jahren im Land lebt, wie denn er mit der Gewalt hier lebe. Nun ja, sagt er, der Ort hier sei ja nicht mit Fortaleza zu vergleichen und überhaupt, man gewöhne sich eben daran.
Auch, weil es da ja noch ganz Anderes gib: angenehme, lebensfrohe Menschen (nein, nicht alle Brasilianer sind so, doch viele und prozentual sicher mehr als es lebensfrohe Schweizer gibt), Forró, Calypso und sagenhafte Sandstrände, so weit das Auge reicht, gibt. Und nicht zu vergessen, das beste Frühstück (inklusive Kuchen) der Welt.
Erstveröffentlichung im Aurora-Magazin, Salzburg, August 2007
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Über Bangkok, Thailand
Bangkok, das weiss jeder, steht für käuflichen Sex. Und für Shopping. Und vielleicht noch ein paar Tempel. Dabei ist die thailändische Hauptstadt schon faszinierend, wenn man einfach nur schaut, was sich vor der eigenen Nase abspielt.
Von meinem Liegestuhl am Schwimmbecken des Golden Palace sehe ich eine grossgewachsene, schlanke, hellhäutige Thailänderin mit ebenmässigen Gesichtszügen auf den Hoteleingang zu gehen. Die junge Frau trägt Jeans, eine weisse Bluse und eine grosse Sonnenbrille; sie ist so schön, dass es mir fast den Atem nimmt. Minuten später sehe ich sie mit ihrem Freier, einem wesentlich älteren, sportlichen, gutaussehenden Mann mit kurzem, grauen Haar das Hotel verlassen. Er freut sich, lacht, sie lächelt. “Have money, have feeling”, heisst das in der Stadt der Engel.
Das Golden Palace, ein in die Jahre gekommener, von Chinesen betriebener Bau, dessen Gäste dieses Jahr fast ausnahmslos tätowiert sind, liegt ganz in der Nähe des Nana Plaza, wo sich GoGo-Schuppen an GoGo-Schuppen reiht. Und die Soi Cowboy ist nicht weit, wo auch wieder ein GoGo-Schuppen neben dem andern steht. Und dann gibt’s da noch die Clinton Plaza, und den Biergarten in der Soi 7 und die Bamboo Bar in der Soi 3 und und und, man kann da leicht den Überblick verlieren, weil in Bangkok alles in ständiger Veränderung begriffen ist, getreu der buddhistischen Weisheit, gemäss der die einzige Konstante der Wandel ist.
Adrian stammt aus Bristol und lebt seit fünfzehn Jahren hier. Er ist um die fünfzig, gross, schlank und durchtrainiert, schliesslich hat er Jahre lang sein Geld als Fitnesstrainer in den grossen Hotels verdient. Er habe sich gestern in eine der Bars am Eingang zum Nana Plaza gesetzt und sich die Leute betrachtet und da sei ein Typ reingewatschelt, mit gespreizten Füssen wie eine Ente, etwa zwei Zentner schwer, um die einssechzig, einsfünfundsechzig gross, mit einem Hals, der eigentlich gar keiner gewesen sei, weil da zwischen Rumpf und Kopf gar kein Übergang war, neben sich eine vielleicht Siebzehnjährige, klein und dünn. Also er habe ja viel Fantasie, sagt Adrian, doch wie das bei denen beiden gehen solle, dazu reiche sie dann doch nicht aus.
Wir sitzen in einem der Internet-Cafes auf der Sukhumvit, wo ich gerade Callums Begeisterung für alles thailändisch Weibliche mit dem Hinweis zu korrigieren versuche, dass viele gar keine Weibchen seien, weswegen auch die Veranstalter von Schönheitskonkurrenzen vor einigen Jahren sich veranlasst gesehen hätten, die einschlägigen Reglemente dahingehend zu ändern, dass künftige Teilnehmerinnen “female from birth” zu sein, da allzu oft “Ladyboys” das Rennen gemacht hätten. Ach komm, das merkt man doch, ob da eine Mann oder Frau ist, lacht Callum, ein guterhaltener Fünfzigjähriger aus Neuseeland, vor kurzem geschieden, als Adrian sich einschaltet und meint, da könnte er sich täuschen. Er selber, fügt er mit für einen Engländer ungewöhnlicher Offenheit hinzu, stehe ja auf “Ladyboys”. Ah ja, tönen Callum und ich unisono. Ja, ja, die BBC habe sogar einmal ein Porträt über ihn gebracht. Ob denn die “Ladyboys” noch alle ihre Glieder…? In der Regel schon. Ob er dann früher auf Männer …? Nein, nein, er sei immer auf Frauen gestanden, im Übrigen sehe er die “Ladyboys” als Frauen.
Ich trete auf die Strasse und bin mittendrin im Leben. Vor allem mittags, wenn die Angestellten der umliegenden Banken zum Essen ausschwärmen und vor Ständen mit Wassermelonen, Ananas und Papaya oder an Klapptischen, wo Reisgerichte, Nudeln und Suppen gereicht werden, sich einfinden. Daneben dann Verkaufsstände wo Uhren, Unterhosen, Messer, T-Shirts, Hemden, Hosen, Socken und was das Käuferherz sonst noch alles begehrt, feilgeboten werden. Geschäftig und unaufgeregt. Es wird geschnattert und gescherzt und man kommt ohne die einem aus dem Westen so vertraute Hektik aus. Das liegt am thailändischen Naturell, dem das Wichtigste “Sanug”, also Spass und Freude, ist. Und es liegt auch an der Hitze, welche Gelassenheit verlangt und die thailändischen Hunde, die, alle Viere von sich gestreckt, Schnauze vorgeschoben, flach auf den Trottoirs liegen, wohl weltweit zu den schlaffsten Exemplaren ihrer Gattung macht.
Ein paar Schritte weiter und ich bin in Afrika, Der Abschnitt beginnt mit arabischen Restaurants, gefolgt von Läden meist hochgewachsener Schwarzer, die auf riesigen Stoffballen sitzen oder in Sesseln vor monumentalen Schuhhaufen sich lümmeln. Grosshandel, Export und alles sehr bunt, nicht zuletzt der farbenprächtigen afrikanischen Gewänder wegen. Hier kann man auch günstig telefonieren, man muss sich dabei allerdings das hörerfreie Ohr zuhalten, weil die Afrikaner offenbar davon ausgehen, dass die nicht unbeträchtliche Distanz zwischen Bangkok und ihren jeweiligen Heimatländern am besten mit Schreien und Brüllen zu überwinden ist.
Anfang Juli macht sich der Leitartikler der Bangkok Post für ein thailändisch-nigerianisches Abkommen über den Austausch von Gefangenen stark. Die Nigerianer bilden mit über 300 Insassen das höchste ausländische Kontingent in thailändischen Gefängnissen. Wie schrieb doch Paul Thomas schon 1995 in seinem Krimi “Transfer”: “Die Anwesenheit so vieler Nigerianer in einem thailändischen Gefängnis hatte Ricketts überrascht. Mit unverholenem Stolz hatte Adeyemi ihn darüber informiert, dass die Nigerianer die besten und aktivsten Drogenschmuggler der Welt waren und dass ihnen dieser Status in einem aktuellen Bericht des US-Aussenministeriums über den internationalen Drogensschmuggel zuerkannt worden war.” Aktiv sind sie nach wie vor, vielleicht jedoch etwas weniger gut als sie selber glauben.
Noch ein paar Schritte weiter und ich bin im Foodland, einem Supermarkt, der auch ein sehr gutbesuchtes Theken-Restaurant führt, wo man für weniger als zwei Schweizer Franken einen exzellenten “fried rice” kriegt. Hier ist die Szene so Multikulti, dass es keinem in den Sinn käme, sie als solche zu bezeichnen. Weil das Nebeneinander der verschiedensten Nationalitäten, Rassen und Herkunftsorte das Normale und nicht das Exotische ist.
Neben mir sitzt heute ein breiter, schwerer, schwitzender, Amerikaner, Mitte fünfzig, der V.S. Naipaul liest, sich wundert, dass ein solcher Mann den Nobelpreis kriegt (er hält viel von Naipaul, jedoch wenig von den Leuten, die den Nobelpreis vergeben) und wissen will, ob ich sein Indien-Buch kenne. Ich habe es erst kürzlich in der Hand gehabt und teile seine Begeisterung. Gestern sass ich neben einem australischen Ingenieur, der einen Anruf von einem Nigerianer entgegennahm, der ihn von ganz legalen Geldgeschäften, bei denen es nur Gewinner gibt, überzeugen will; vorgestern neben zwei jungen englischen Touristen, die gerade erst angekommen sind, sich noch nicht an thailändisches Essen wagen und vorsichtshalber Hamburger bestellen, und vorvorgestern war ich gerade dabei, einen Löffel Reis in den Mund zu schieben, als ein Mann sich neben mich stellt, mein Wasserglas ergreift, auf ein Päckchen mit Pillen, das er in der andern Hand hält, zeigt, das Glas, mein Glas, zum Mund führt, Sorry sagt, die Pille mit Wasser runterschluckt, das Glas abstellt, nochmals Sorry sagt und davon geht. Ich tippe auf Araber. Weil er arabische Gesichtszüge hatte.
Jing arbeitet bei der Bangkok Bank. Wir kennen uns seit zwölf Jahren. Sie weiss, dass ich mich für Buddhismus interessiere. Ob ich am Sonntag zum Meditieren mitwolle? Ich will.
Ein paar Tage später führt sie mich zu einem mit Mauern umgebenen Tempel zwischen dem World Trade Center und dem Siam Square, an dem ich schon oft vorbeigekommen, jedoch nie hineingegangen bin – vielleicht haben mich die Mauern abgeschreckt. Das Areal ist überraschend weitläufig. In einer Stadt, in der rund um die Uhr neue Häuser hochgezogen werden, habe ich soviel freien Raum nicht erwartet.
Jing geht schnurstracks auf einen kleinen, air-conditioned Supermarkt zu, wo wir uns Getränke besorgen und führt mich dann zu Tischen und Bänken, wo Leute mit Essen beschäftigt sind. Hier kochen regelmässig Freiwillige für die Tempelbesucher, sagt Jing. Das Essen ist gratis. Und hier, wir steigen die paar Treppen zur Mediationshalle hoch, als Jing auf die leere Fläche unter der Halle zeigt, wo Mappen und Decken liegen, hier können Menschen, die keinen Schlafensplatz haben, Unterkunft für die Nacht finden.
Bei einem Cappuccino und zurückgelehnt in einen bequemen Sessel in einem der in letzter Zeit immer zahlreicher gewordenen Internet-Cafes, lasse ich das Bangkoker Trottoirleben an meinen Augen vorbeiziehen Die vielen jungen und meist hübschen Mädchen, die mit ihren altersmässig häufig recht fortgeschrittenen Freiern, von denen die wenigsten eine Schönheitskonkurrenz gewinnen würden, unterwegs sind, fallen in diesem Teil der Stadt kaum auf. Doch die Kombinationen sind manchmal umwerfend. Sie im knallengen Mini, auf ersichtlich ungewohnten Stöckelschuhen, er in kurzen Hosen, Unterleibchen und Badeschlappen. Kommt dazu, dass sie knackiger kaum sein könnte, er hingegen, na ja, schwer zu sagen, auf jeden Fall nicht knackig.
Was mag sich wohl im Kopf dieses Mannes abspielen? Glaubt er ernsthaft, dieses junge, hübsche Mädel vom Land, das er wohl erst vor kurzem in einer Bar kennengelernt hat, hege romantische Gefühle für ihn, einen Mann mittleren Alters mit Bauch und beginnender Glatze? Ausgeschlossen ist das nicht, wahrscheinlich hingegen auch nicht. Wie andere Männer auch, wird er auf seine inneren Werte bauen.
Solange er von den Thais lernt, was die Thais die Welt lehren können – die Dinge nicht allzu ernst zu nehmen, Spass und Freude zu haben – wird er auch die nachher etwas schlankere Geldbörse zu verkraften wissen, denn gratis ist auch in Bangkok nichts. Oder eben, “have money, have feeling”, wie es hier so treffend heisst.
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Kuba und die Axis of Evil
In seinem 1965 auf Englisch erschienenen Werk 'Propaganda: The Formation ofMen’s Attitudes’ weist Jacques Ellul darauf hin, dass Intellektuelle in ganz besonderem Masse für Propaganda anfällig seien, weil sie a) ständig große Mengen nicht nachprüfbarer Informationen zu sich nehmen, b) glauben, über alles und jedes eine Meinung haben zu müssen, und c) der Auffassung sind, sich eine eigene Meinung bilden zu können. Auch wenn ich mich nicht als Intellektuellen (ich stelle mir darunter gänzlich Lebensfremde vor) bezeichnen würde, Elluls Anfälligkeitskriterien für Propaganda erfülle ich ohne jeden Zweifel. Es kommt jedoch gelegentlich vor (selten genug, wie ich leider annehmen muss), dass ich merke, dass ich irregeführt werde. Hier zwei Beispiele.
Vor einigen Monaten hat die BBC die von den Redenschreibern von George W. Bush erfundene 'Axis of Evil’ für eine Serie mit dem Titel 'Holidays in the Axis of Evil’ genutzt. Im Januar 2004 habe ich mir die Berichte aus Nordkorea und Kuba angesehen.
Ich war noch nie in Nordkorea. Aus den Medien habe ich die Vorstellung, dass es ein Land bar jeder Freude ist, und die Leute dort kaum zu essen haben. Und dass dort ein organisierter Führerkult herrscht, man mit Oppositionellen nicht gerade zimperlich umgeht, und dass das Regime seine Fachleute beauftragt hat, nukleare Waffen herzustellen – und das Land deshalb von den Amerikanern (es soll betont werden: den im Norden des amerikanischen Kontinents ansässigen) wohl nicht angegriffen werden wird.
An diesem Bild hat auch der BBC-Bericht nichts geändert. Dazugelernt habe ich, dass es in Nordkorea Sandstrände gibt, und dass auch Westler, die glauben, über den Führer des Landes Witze machen zu können, schnell hinter Gitter landen.
Über Kuba hingegen habe ich nichts, rein gar nichts gelernt, was ich nicht schon wusste. Ich habe mir den Bericht zusammen mit meiner Frau, die aus Havanna stammt, angesehen. Als schon nach kurzer Zeit die Bar eingeblendet wurde, wo Hemingway seine Drinks zu sich zu nehmen pflegte, stöhnte sie ("siempre lo mismo") zum ersten Mal auf. Als dann verschiedene Interviews folgten und die Gesprächspartner immer entweder Schwarze oder Mulatten waren, hatte sie genug. Man könnte meinen, es gebe keine Weißen auf Kuba, ereiferte sie sich. Kein Wunder, guckten hier in der Schweiz alle immer ganz ungläubig, wenn sie ihnen sage, sie sei Kubanerin, wenn im Fernsehen nur immer Schwarze und Mulatten gezeigt würden.
"Der Ethnologe und Schriftsteller Fernando Ortiz ... schätzte in den vierziger Jahren, dass weit über die Hälfte der Gesamtbevölkerung 'negroid’ und Mulatten seien. Nach dem Sieg der Revolution wurde Kuba 'schwärzer’: Die Geburtenraten der Weißen sanken, und sie bilden die überwiegende Mehrheit der Emigranten" (Alfred Herzka: Kuba. Abschied vom Kommandanten?)
Als der Reporter einmal seine vom Staat bestellte Führerin fragte, ob junge Kubaner es vorzögen, auf den Zuckerrohrfeldern oder im Tourismus zu arbeiten?, antwortete diese: Auf den Zuckerrohrfeldern, und zwar aus Tradition. Da müsste der Mann doch stocken, vielleicht sogar nachfragen, schließlich muss man kein Kuba-Experte sein, um diese Antwort als reinstes Wunschdenken abzutun – Jobs im Tourismus gehören in Kuba zu den begehrtesten Jobs; des Verdienstes, der Trinkgelder, der gelegentlichen Hotelverpflegung, der Möglichkeit, Ausländer kennen zu lernen wegen. Der BBC-Reporter fragte nicht einmal nach.
Am 27. Juli 2004 schrieb Lisa Erdmann auf Spiegel Online unter dem Titel "Von der Revolution zur Prostitution", George W. Bush werfe der Regierung in Havanna vor, sie unterstütze den Sextourismus. Obwohl weder das Katholische Missionswerk Missio noch Amnesty International über Informationen verfügten, dass die kubanische Regierung die Prostitution aktiv unterstütze, gehe deren Vermutung gleichwohl dahin, "dass diese Form der Devisenbeschaffung geduldet wird und staatliche Stellen nichts dagegen unternehmen – manchmal allerdings etwas dafür: Vor fünf Jahren wurden mehrere leitende Mitarbeiter des kubanischen Tourismus-Ministeriums nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft entlassen, weil sie Sextourismus begünstigt haben sollen."
Die Logik dieser Argumentation drängt sich einem nicht gerade auf: würde die Regierung die Prostitution wirklich dulden, würde sie wohl kaum leitende Mitarbeiter des Tourismus-Ministeriums, die diese Devisenbeschaffung offenbar gefördert haben, entlassen. Wahr ist jedoch das Gegenteil, wahr ist, dass man in Havanna immer mal wieder zu hören kriegt (und in Havanna verlässt man sich darauf, was man zu hören kriegt), dass die Polizei wieder einmal Jagd macht auf ‚jineteras’, sie einfange und aufs Land zur Arbeit schicke.
Die eigentliche Härte ist jedoch der Schluss dieses Berichts, der im Wesentlichen besagt: Ob etwas wahr ist oder nicht, konstruieren lässt sich da allemal was. Im Original:
"Doch wie viel an Bushs Vorwurf der aktiven Förderung der Prostitution auch dran ist – pikant ist grade dieses Thema allemal. Schließlich hatten der von Washington protegierte Diktator Batista und die Mafia Kuba zum Bordell und Vergnügungsviertel der USA umfunktioniert. Das endete erst mit Castros Revolution 1959. Doch 45 Jahre später ist Kuba offenbar wieder da angekommen, wovon sich die Menschen auf der Insel einmal befreien wollten."
Ob diejenigen, die diese Revolution mitgetragen haben, das auch so sehen, ist einigermaßen fraglich. Und auch die ehemaligen Bordellbesitzer in Miami werden das wohl nicht ganz so sehen. Anders gesagt: Dieses Thema ist nicht pikant, es ist frei erfunden.
Erstveröffentlichung im Aurora-Magazin, Salzburg, August 2004
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Georg Gersters Weltbilder
Es ist selten, dass man auf Bücher stösst, die nahezu perfekt sind. Georg Gersters „Weltbilder“ gehört dazu. Und warum nicht ganz perfekt? Weil es vollkommen unnötig ist, dieses Buch mit einer Rechtfertigung einzuleiten. Der Autor und Fotograf fühlt sich nämlich bemüssigt, sich gegen Kritiker („in die Jahre gekommene Achtundsechziger“, wie er schreibt), die meinen, seine Luftbilder seien ohne gesellschaftliche Relevanz, zu wehren. Nicht, dass er sich nicht wehren sollte, doch dieser tolle Band hat solche Rechtfertigungen nicht nötig, und zum Geleit schon gar nicht, denn jedem, der sich auf dieses Buch einlässt (es also nicht nur überfliegt, sondern Zeit damit verbringt), wird seine gesellschaftliche Relevanz (doch eben nicht nur diese) automatisch aufgehen. Doch so recht eigentlich ist das ein zu vernachlässigendes Detail, es wird vor allem erwähnt, um zu zeigen, dass der Rezensent sich beim Schauen und Lesen etwas gedacht hat.
70 Flugbilder aus den sechs Erdteilen sind in diesem schön gemachten Band versammelt. Beim ersten Durchsehen erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einem Professor der Geologie im thailändischen Prachuap Khiri Khan. Er erzählte davon, dass Luftaufnahmen bewirkt hätten, dass die Geschichte Thailands teilweise neu hatte geschrieben werden müssen. Und wie das? Aus der Distanz hätte man erkennen können, dass, was man bisher für Strassen gehalten habe, in Wirklichkeit Wasserwege gewesen seien. Man könne eben aus der Distanz Muster erkennen, die einem aus der Nähe verborgen blieben.
Ganz wunderbare Muster hat Georg Gerster aus Mietflugzeugen und Ballons fotografiert (und damit geschaffen, denn Muster hängen ja vom Auge des Betrachters ab). Doch dieser Band zeigt nicht nur Muster, sondern ganz unterschiedliche Abbildungen, die von der inspirierenden Einrahmungskunst des Georg Gerster zeugen. Nehmen wir, zum Beispiel, die Aufnahme Nummer 32, die einen Hochspannungsmast und einen Ipé-Baum auf einem Acker bei Piracicaba im brasilianischen Staat São Paulo zeigt. Eindrückliche Farben, eine eigenwillige und ansprechende Komposition, denkt man, ist aber gleichzeitig froh, dass dem Bild ein erläuternder Text beigegeben ist, worin man erfährt, dass der gelbe Ipé viele Namen habe, doch dass keiner angemessener sei als Goldener Trompetenbaum (automatisch gehen die Augen zu dem leuchtend hellgelben, und in der Tat goldenen, Baum auf dem Bild), denn, „er schmettert die Lebenslust der brasileiros heraus.“ Das ist nicht nur trefflich gesagt, es ist wahr. Der Autor fährt fort: „Er ist der eigentliche Nationalbaum Brasiliens und wegen der Heilkraft seiner Rinde neuerdings auch im Blickfeld der industriellen Pharmazeutik. Er soll Krebspatienten das Überleben sichern. Umso pragmatischer mutet daher … das unschuldige Nebeneinander von Natur und Technik, von elektrischer Energie und Baum an. Unser aller Überleben mag ja sehr wohl davon abhängen, dass aus dem Nebeneinander nicht, wie bisher allzu häufig, ein verkrampftes und schuldhaftes Gegeneinander wird.“
Es sind nicht nur die zum Staunen einladenden Bilder, die diesen Band auszeichnen, es sind genauso die wohl formulierten, informativen, von vielerlei Einsichten zeugenden Texte, die viele der Bilder erst verständlich machen. Nehmen wir die Aufnahme Nummer 10, die, wie die Legende sagt, ein Industriedach im japanischen Yokohama zeigt. Ein Industriedach? Man stutzt, hat man doch eher den Eindruck, es handle sich um die Fassade eines Hochhauses, doch der Text lässt uns wissen, dass wir uns täuschen. Oder nehmen wir die Aufnahme Nummer 4, welche das Dorf Labbezanga, „das schönste Dorf Afrikas“, zeigt. Des Fotografen Interesse für sie und ihr Dorf war den Bewohnern zunächst nicht geheuer: „Sie verdächtigten mich, ein Agent der Regierung zu sein, die das Dorf von der Insel im Niger auf das Festlandufer umsiedeln wollte, aus keinem stichhaltigeren Grund als dem administrativer Bequemlichkeit. Sogar mit militärischer Intervention hatte sie gedroht. Nur zögernd schlossen sich die Ältesten des Dorfs meinem Argument an, dass meine Bilder ihre Interessen, nicht die der Regierung fördern würden. Wie es sich in den Folgejahren zeigte, hatte ich recht: mein Flugbild garantierte den Einwohnern Labbezangas die Bleibe. Es wurde in Zeitschriften und auf Plakaten zigmillionenmal vervielfältigt. Und die malische Regierung sah schliesslich ein, was sie an dem Juwel auf der Insel im Niger hatte. Heute lockt sie mit dem ‚schönsten Dorf Afrikas’ Touristen an, von Umsiedlung ist keine Rede mehr.“
Georg Gerster erwähnt in seiner Einführung auch, dass einige seiner Aufnahmen als Wandschmuck in Spitälern hängen („schön“ sowie „heilsam für Körper, Seele und Geist“ waren die Auswahl-Kriterien). Dass diese Luftbilder in der Tat heilsam sein können, zeigt die Erfahrung eines Patienten, der nach einer Amputation in eine Daseinskrise stürzte, eindrücklich: „Ich wollte nicht mehr leben“, sagte er später. „Aber dann bewegte ich während des monatelangen Klinikaufenthalts meinen Rollstuhl immer wieder vor die Bilder und meditierte. Die Bilder gaben mir den Mut zum Leben zurück.“
Georg Gerster
Weltbilder
70 Flugbilder aus den sechs Erdteilen
Schirmer/Mosel, München
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China ist nicht ganz anders
Damit es gleich gesagt ist: Zwei der in diesem schmalen Band versammelten vier "Essays in global vergleichender Kulturgeschichte" sind bereits in anderen Verlagen erschienen und zwar noch gar nicht so lange zurückliegend: 'Komplexe Kulturen' in 2006 (Bautz), 'China - eine altsäkulare Zivilisation' in 2008 (Romero Haus). Die Texte über 'Chinesisches in europäischen Alphabetschriften' und 'Die Schweiz - ein Studienobjekt interkultureller Politologie' sind in dieser Form noch nicht publiziert worden.
Es sei an der Zeit, über einfache Zweiteilungen wie Osten und Westen, Christentum und Islam, Europa und China hinauszukommen, liest man in der Einleitung. Unterstrichen wird dies mit einem sehr schönen Zitat von Hermann Hesse, der im Dezember 1921 in der NZZ schrieb: "... wir sehen im alten China Hinweisungen auf eine Denkart, welche wir allzusehr vernachlässigt haben; wir sehen dort Kräfte gepflegt und erkannt, um welche wir uns, mit anderem beschäftigt, allzu lange nicht mehr gekümmert haben."
Man müsse sich vor den grossen Vereinfachern hüten, schreibt Holenstein, der selber keiner ist, sondern ein differenziert argumentierender Intellektueller, der sich wohlformuliert und verständlich auszudrücken versteht. Das liest sich dann zum Beispiel so:
"Zu keiner Zeit waren die konventionellen Grenzen Europas auf der ganzen Linie zugleich klimatische, ethnische, staatliche, ökonomische, sprachliche, religiöse oder Mentalitätsgrenzen. Selbiges gilt für Südasien (Indien), das von der übrigen asiatischen Landmasse geographisch deutlicher abgegrenzt ist als Europa. Erst recht gilt dies für das "Mittelland" Zhongguo (China) mit seiner unbeständigen Ausdehnung, seinen Aufspaltungen, Sezessionen und Fremdherrschaften, mit seinen freiwilligen und unfreiwilligen Tributstaaten und mehr oder weniger sinisierten, abwechselnd sinophilen und sinophoben Nachbarregionen.
Im gleichen Klima gedeihen Raub- und Beutetiere und spalten sich die Menschen in Kriegsbefürworter und Kriegsgegner. Sprecher der gleichen Sprache gehören verschiedenen Religionen an. Anhänger der gleichen Religion pflegen eine untertschiedliche Philosophie, eine rationalistische die einen, eine mystische die anderen. Im gleichen industrialisierten Staat gibt es Kapitalisten und Sozialisten."
Wie kommt das? Warum sind kulturelle Traditionen nicht wirklich homogen? Holenstein lesen, kann man da nur sagen. Gescheite Überlegungen dazu finden sich im Essay 'Komplexe Kulturen'.
In 'China - eine altsäkulare Zivilisation' wird dargelegt, dass in China die Trennung von Religion und Moral (die der Autor gewichtiger für eine säkuläre Gesellschaft hält als die formelle Trennung von Kirche und Staat) eine Selbstverständlichkeit ist, und zwar seit bereits zweieinhalbtausend Jahren (am Rande: unter Tausenden von Jahren geht in China gar nichts: jeder Besucher des Landes wird innert kürzester Zeit darauf hingewiesen, dass es sich bei der chinesischen um eine 5'000jährige Kultur handelt). Bemerkenswert ist übrigens, dass diese Trennung kulturkampflos erworden wurde.
Im Essay "Chinesisches in europäischen Alphabetschriften: Ein Versuch in vergleichender Schriftgeschichte" wird im Teil über 'Terminologische Vorabklärungen' darauf hingewiesen, dass wer "über elementare sprachwissenschaftliche und/oder schriftgeschichtliche Kenntnisse" verfüge, diesen Abschnitt "selbstverständlich überspringen" könne. Anders gesagt: der Text setzt ein ziemlich ausgeprägtes einschlägiges Interesse voraus. Das gilt auch für den vierten und letzten Essay, der sich jedoch nicht mit sprachwissenschaftlichen und schriftgeschichtlichen sondern mit juristischen Fragen auseinandersetzt. Auch hier findet man wieder den Hinweis, dass sich die Kulturen gar nicht so unterscheiden, sondern dass man in der Regel in der einen Kultur etwas in den Vordergrund rückt, was in der anderen im Hintergrund bleibt. So sind zum Beispiel informelle Konfliktlösungen, die in Japan und China prominent vertreten sind, auch der Schweiz nicht fremd (Deutschland hingegen schon, möchte man da sofort beifügen). Worum es dem Autor ganz zentral geht, drückt er im letzten Absatz dieses Essays so aus:
"Ein Netz von typologischen Gemeinsamkeiten kreuz und quer über politische Grenzen, geschichtliche Entwicklungsläufe und geographische Entfernungen hinweg bietet Leitfäden an, denen folgend die politologische Verständigung und die politische Zusammenarbeit eine vielförmige Gestalt gewinnen können."
Noch dies: die offensichtlichen Sympathien, die Holenstein China entgegen bringt, treiben manchmal auch etwas eigenartige Blüten. Als der Dalai Lama im Jahre 2005, anlässlich der Jahrestagung der Society of Neuroscience in Washington D.C., zu einem Vortrag eingeladen wurde, protestierten 500 Neurowissenschaftler, die vorwiegend chinesischer Abstammung und in den USA tätig waren. In Erwägung ziehen könnte man, meint Holenstein, dass der Protest nicht nur, wie die Presse unterstellte, aus Willfährigkeit gegenüber der chinesischen Regierung erfolgte, sondern "auch damit zu tun haben könnte, dass in China in der Vergangenheit die Kritik an der buddhaitischen Religion immer wieder mit dem Obskurantismus und Zelotentum begründet wurde, denen gegenüber buddhaitische Mönche wie Anhänger auch aller anderen grossen Religionen nicht immer immun waren. Religiöses Schwärmertum und von charismatischen Religionslehrern genährte Unruhen sind im allgemeinen Geschichtsbewusstsein in China präsent geblieben und werden von einem Teil der Regierenden gezielt präsent gehalten. Entsprechend ist keineswegs bloss die Regierung möglichen Anfängen in die Richtung überempfindlich auf der Hut." Das kann schon sein, doch ohne dass dem Leser der Wortlaut dieses Protestes mitgeteilt wird, bleibt dies eine ziemlich obskure Behauptung.
Elmar Holenstein
China ist nicht ganz anders
Ammann Verlag, Zürich 2009
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In Buenos Aires und Montevideo
Und wie ist die Stimmung in der Bevölkerung? will der Redakteur zuhause von dem Korrespondenten vor Ort wissen. Kaum ein Journalist, der eine solche Frage wirklich beantworten könnte. Was weiss er denn schon? Doch sich äussern muss er. Das ist sein Job. Also berichtet er, was ihm die Taxifahrer berichtet haben. Und so erfahren die Medienkonsumenten weltweit, was Taxifahrer über die Welt denken.
Es ist Donnerstag, der 15. Mai 2003, morgens um sieben, als die MD11 der Alitalia aus Mailand kommend auf dem internationalen Flughafen von Buenos Aires aufsetzt. Als ich tags zuvor Europa verlassen hatte, bereitete man sich in Argentinien noch auf das Duell um die Präsidentschaft zwischen Menem und Kirchner vor. Und so war denn meine erste Frage an meinen Taxifahrer, welcher von den beiden denn, seiner Meinung nach, gewinnen würde? Ob ich es denn nicht gehört habe? Menem sei ausgestiegen. Wie ausgestiegen? Er werde nicht zur Wahl antreten. Weil er, gemäss Umfragen, haushoch untergehen würde. Ah ja. Und was er davon halte? Na ja, also dass der Mann überhaupt den Arsch hatte, sich zur Wahl zu stellen, sei ja schon eine dermassen bodenlose Unverschämtheit gewesen, dass ... also ich müsse mir vorstellen, da ruiniere einer das Land und dann glaube der Heini noch ernsthaft, die Leute würden ihn wieder zum Präsidenten wählen. Eine Frechheit sondergleichen. Und was er von Kirchner halte? Na ja, man hoffe halt das Beste.
Wüsste man nicht, dass Argentinien in einer Wirtschaftskrise steckt, in Buenos Aires sähe man sie nicht. Und auch wenn man davon gelesen und im Fernsehen davon gehört hat, sieht man die Krise nicht. Genauer: ich sehe sie nicht. Mir fällt nur auf, dass mein Hotel, das gerade vor dem Parlamentsgebäude steht, äusserst günstig ist. Gerade einmal 26 Dollar kostet das Zimmer (vor der Abwertung hat es 70 Dollar gekostet). Auch die Restaurants sind günstig. Und die Angebote in den Buchläden. Und ja, man sieht Schilder, auf denen „se vende“ oder „se alguila“ zu lesen steht. Und es gibt auch ein paar Leute, die auf der Strasse leben, doch viele sind es nicht. Jedenfalls sehe ich nicht viele. Vielleicht bin ich ja auch im falschen Stadtteil, vielleicht müsste ich in die Vororte fahren. Ich tue es. Es sieht schitterer aus als im Zentrum, doch ist das ja überall so.
Mir ist selber nicht so recht klar, was ich mir unter der argentinischen Wirtschaftskrise vorgestellt habe. Am ehesten wohl Bilder, die ich im Fernsehen gesehen hatte. Lange Schlangen vor den Banken und Strassenschlachten mit der Polizei also, doch davon ist weit und breit nichts zu sehen. Doch eines Abends sehe ich dann doch eine lange Schlange. Ich frage einen Passanten, weshalb die Leute anstünden? Oh, die wollen ins Theater. Und heute sei die Vorstellung gratis.
Mein heutiger Taxista ist um die siebzig und hat eine Tango-Kassette in den Recorder eingelegt. Er ist sehr davon angetan, als ich mich nach der Musik erkundige. Das sei eine ganz alte Formation, die gebe es heute nicht mehr, er selber habe auch ab und zu mit denen gespielt. Bass. Er trommelt mit den Fingern den Takt aufs Lenkrad, lacht, guckt in den Rückspiegel und mir ins Gesicht. Ich muss mich nicht verstellen, mir gefällt die Musik wirklich, ihn freut es.
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Ich solle mich in Acht nehmen, warnt der Ladenbesitzer bei mir um die Ecke. Seit zwanzig Jahren sei er jetzt mit seinem Geschäft schon hier, er wisse wovon er spreche, und er sage mir jetzt, diese Gegend hier sei gefährlich.
Ein deutsches Ehepaar erkundigt sich nach dem Preis für einen Gurt. Er ist günstig, sie wollen ihn kaufen. Der Mann zieht eine zehn Peso-Note aus seinem Geldbeutel. Die ist gefälscht, sagt der Geschäftsinhaber. Es ist auch für mich klar erkennbar eine Fotokopie, die man den beiden angedreht hat.
Woher ich sei? will die etwa sechzigjährige Frau, die ich nach dem Weg frage, wissen. Ich wolle doch sicher nicht hier bleiben? Sie lacht, als ich nein sage. Doch eigentlich würde ich gerne hier bleiben, denn ich fühle mich sehr wohl in dieser Stadt. Obwohl es jetzt seit einer Woche fast ununterbrochen regnet und obwohl ich unter Zahnschmerzen leide.
Ihre Tochter sei vor ein paar Monaten nach Barcelona ausgewandert. Die habe Glück gehabt. Es gehe ihr besser dort, denn hier könne man keine Arbeit finden.
Ich solle mich vor den Taxistas in Acht nehmen. Unter denen gebe es viele Gauner. Ich habe zwar bisher keinen Anlass gehabt, Verdacht zu schöpfen, doch auf meiner nächsten Taxifahrt greife ich dauernd nach meinem Geldbeutel, schliesslich weiss man nie.
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Was er von dem neuen Präsidenten, von Nestor Kirchner, halte? Also, da müsse er mir gleich sagen, der Kirchner sei nicht sein Mann gewesen, er hätte Menem vorgezogen, weil unter dem, also das seien die absolut geilsten Jahre überhaupt gewesen. Klar, das Problem sei natürlich, dass der Menem das ganze Tafelsilber verscherbelt hätte.
Woher ich komme? Was man denn in der Schweiz von Amerika halte? 87 Prozent der Schweizer seien gegen den Irak-Krieg gewesen, erwidere ich und füge hinzu, dass mir persönlich vor allem widerlich gewesen, dass sowohl Blair wie Bush, beide christliche Bekenner, sich für das Töten stark machten. Wenn diese beiden den christlichen Glauben auch wirklich ernst nähmen, dann hätten die doch auf den Papst hören .... Na, na, na, unterbricht mich mein Taxista, schliesslich gebe es auch Prostituierte, die katholisch seien.
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Dr. Roberto Alemann war argentinischer Botschafter in Washington zur Zeit der Präsidentschaft Kennedys, und Wirtschaftsminister war er, und Hochschullehrer, und Herausgeber des Argentinischen Tageblatts, einer deutschen Wochenzeitschrift, die in Buenos Aires erscheint. Herausgeber ist er - hochgewachsen, schlank, um die achtzig Jahre alt – immer noch. Ob ich Deutscher oder Schweizer sei? Er fragt auf Hochdeutsch. Schweizer, genauer: Deutschschweizer. Dann verstehe ich also Dialekt? Natürlich. Seine Familie stamme nämlich ursprünglich aus der Schweiz, sagt er jetzt auf Schweizerdeutsch. Der Name sei eigentlich Allemann, mit zwei l, doch da man in Argentinien zwei hintereinandergestellte l wie ‚tsch‘ ausspreche, hätte sein Vorfahr Johann Allemann, „damit der gleiche Klang mit Betonung der ersten Silbe erhalten bleibe“, die Schreibweise mit einem l beantragt, die ihm dann auch erlaubt worden sei.
Das Argentinische Tageblatt erscheint seit 1989, lange Zeit als Tageszeitung, heute noch als Wochenblatt. In der Jubiläumsausgabe zum 114. Erscheinungsjahr hat Alemann unter dem Titel „Von Pellegrini bis Kirchner“ einen Artikel über „Schweizer Blut in der argentinischen Politik“ verfasst. Da ist zu erfahren, dass die Einwanderung aus der Schweiz in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts einsetzte: „Die überschüssige Landbevölkerung suchte damals, ehe sich die Schweiz weitgehend industrialisierte, einen Ausweg in der Auswanderung.“ Auch Johann Allemann, der in Bern von 1855 bis 1873 neben politischen Blättern sozialliberaler Prägung auch die „Schweizerische Auswandererzeitung“ herausgab, liess sich, Anfang 1974, in Argentinien nieder, gründete in Santa Fé den „Argentinischen Boten“ und vier Jahre später in Buenos Aires das „Argentinische Wochenblatt“.
Über 30'000 Schweizer wanderten bis zum ersten Weltkrieg nach Argentinien aus, viele liessen sich in der Gegend von Santa Fé und Entre Rios nieder, wo ihnen fruchtbares Ackerland zur Verfügung gestellt wurde.
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Auffallend fände ich vor allem die vielen Kaffeehäuser, sage ich zu meinem nächsten Taxista. Sollte ich den Eindruck haben, meint dieser, hier sässen die Leute ständig bei Kaffee und Zigaretten, da müsse ich einmal ins Landesinnere gehen. Da täten sie gar nichts anderes. Und in Montevideo erst, die liefen dort sogar mit der Thermosflasche unterm Arm durch die Gegend.
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Den ersten, den ich in Montevideo mit einer Thermosflasche unter dem Arm und einer Tasse in der Hand sehe, spreche ich an. Ich sei nicht von hier, sei ein neugieriger Tourist aus der Schweiz und würde gerne wissen, was er da trinke. Maté. Was das sei? Eine Art stimulierender Tee aus Kräutern. Und den trage er ständig mit sich rum? Claro.
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Das kenne er, sagt der Taxista, den ich frage, ob er mir einen Nachmittag lang zu einem Pauschalpreis sein Montevideo zeigen könne. Discovery Channel, ein Taxi für hundert Dollar pro Tag. Ob ich das kenne? Die machten das genauso. Er heisse übrigens Marcelo und sei einverstanden mit den zwanzig Dollars, die ich ihm anbiete. Im Verlaufe des Nachmittags werde ich herausfinden, dass er kaum einmal mehr als zehn bis fünfzehn Dollar pro Tag verdient.
Er fährt Richtung Innenstadt, schaut mich von der Seite an, versucht herauszufinden, was ich sehen möchte. Sein Montevideo solle er mir zeigen, wiederhole ich. Er guckt unsicher. Das, was er finde, dass ein Besucher sehen müsste, um eine Ahnung von der Stadt zu kriegen. Er ist sich immer noch nicht so sicher, was er machen soll.
Wir kommen in eine Gegend von Einfamilienhäusern mit Umschwung. Auffallend ist, dass die meisten Fassaden einen Anstrich brauchten. Ja, so ist es heutzutage, sagt Marcelo, wenn einem die Kohle fehlt, kann man eben auch das Haus nicht anstreichen.
Was denn das sei? Ich zeige auf ein Gebäude mit Türmchen, das ich für eine Kirche halte. Ich bin mir jedoch nicht sicher. Das sei eine Botschaft (ich weiss nicht mehr von welchem Land), herrschaftlicher geht es kaum.
Ob er mal anhalten könne? Ich habe eine Häuserzeile gesehen, in der jedes Haus andersfarbig gestrichen ist. Die Sonne steht ideal, die Schatten der Bäume vor den Häusern werfen wunderschöne Farbenmuster auf die Fassaden.
Ich nehme die Kamera, steige aus und beginne zu fotografieren. Als wir weiterfahren sagt Marcelo, das sei keine gute Idee gewesen. Zur Zeit der Militärdiktatur sei es nämlich oft vorgekommen dass ein Auto irgendwo vorgefahren und ein Mann mit einer Kamera ausgestiegen sei, um Fotos zu machen und dann wieder davonzufahren. Da dächten die Leute auch heute noch an Geheimpolizei.
Um die tausend sollen während der Militärdiktatur verschwunden sein. Doch einige von diesen seien später wieder aufgetaucht. In Argentinien zum Beispiel.
Wir fahren zu einem Park, wo ein Mahnmal für die Verschwundenen errichtet worden ist
Auf den Begrenzungsmauern von Sportstadien, und auch von Friedhöfen, sind revolutionäre Sprüche zu lesen – meist Solidarität mit Kuba ausdrückend. Auf dem Monte von Montevideo, dem Aussichtshügel der Stadt, ist ein Platz nach dem Comandante Ché Guevara benannt. Da habe es bei der Einweihung natürlich Proteste gegeben, sagt Marcelo, der sich im Übrigen als gemässigter Sozialist versteht.
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Ob ich sehen wolle, wo er wohne? Auf dem Weg dahin kommen wir auch an leerstehenden Fabriken vorbei. Viele ‚vende’ und ‚aguiler’ Schilder. Da, an der Ecke, da sei noch vor ein paar Tagen eine ‚panaderia’ gewesen. Und da ein McDonalds. Und da ein anderer Laden.. Weg, alles weg, innerhalb von wenigen Wochen, ja von Tagen.
Marcelo doziert: wir sind ein kleines Land, eingezwängt zwischen Argentinien und Brasilien, was unsere Nachbar betrifft, betrifft auch uns. Verbrechen zum Beispiel. Doch die sind in Argentinien viel schlimmer als hier.
Bei Marcelo zu Hause werde ich von seiner Frau, seinem Vater und seinem Schwiegervater begrüsst. Es ist ein einfaches, sauberes, in zwei Wohnbereiche aufgeteiltes Gebäude in einer Gegend, die von einer Strasse und einer Wiese von den Slums abgegrenzt liegt.
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Als wir Marcelos Zuhause verlassen, biegen wir nach wenigen hundert Metern in eine Strasse ein, die direkt in die Slums reinführt. Des Nachts sei das eine gefährliche Gegend. Viele Besoffene. Drogen, klar, das auch. Gewalt, Raub, das Übliche.
Wir fallen nicht besonders auf, stelle ich mir vor. Wir sind ja nicht im Taxi, sondern mit Marcelos privatem Wagen, und das ist keine Luxuskarosse, unterwegs. Doch vermutlich ist es doch gescheiter, wenn ich meine Kamera eingepackt lasse.
Guck dort! Marcelo zeigt auf eine Wiese am Strassenrand, die voller, ja ist das möglich? ja doch, da ist kein Zweifel, die voller ausrangierter Badewannen und Toiletten steht. Ja, was machen die da? Die stehen zum Verkauf. Ob ich die wohl fotografieren könne? Ja, doch ich solle schnell machen.
Später meint Marcelo, mir seien bestimmt die Unmengen von Plastiksäcken am Strassenrand und auf den angrenzenden Wiesen aufgefallen? Ich hatte mir nichts dabei gedacht, ich hatte das schon in andern Ländern gesehen, die reichlich mit Sonne gesegnet sind. Hier lebten die Leute vom Abfall, erläutert Marcelo. Die sammeln in der Stadt die Abfallsäcke ein, bringen sie hierher, durchsuchen sie, was nicht zu verwerten ist, schmeissen sie weg.
Was man nicht weiss, kann man sich auch nicht vorstellen.
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Als Illegaler auf dem Weg nach Europa
Fabrizio Gatti, ein italienischer Journalist und, gemäss dem 'Nouvel Observateur', "der neue Wallraff des Journalismus", beschreibt in diesem grossartigen Buch, seine Reise als "Illegaler auf dem Weg nach Europa" (so der Untertitel dieser aufschlussreichen Reportage).
Immer mal wieder frage ich mich, wie Leute ohne Papiere es wohl aus Afrika in die Schweiz schaffen. Aus Reiseschilderungen von Asylbewerbern, von denen ich schon einige gehört habe, konnte ich mir noch nie ein wirkliches Bild machen - so hatte ich bisher überhaupt keine Ahnung, wie gefährlich das Durchqueren der Wüste ist - , Gatti hat nun diese Lücke gefüllt. Das Buch sollte Pflichtlektüre sein. Nicht nur für Leute, die sich mit Migration beschäftigen, sondern für alle, denn Gatti schildert eindrücklich den Lebens- und Überlebenskampf von Menschen, die nicht das Glück hatten, in materiell privilegierte Umstände hineingeboren zu werden.
Der Mensch hat die Welt geordnet, um sich darin nicht allzu verloren zu fühlen. Eine dieser menschlichen Ordnungsvorstellungen drückt sich in amtlichen Dokumenten aus. Praktisch heisst das, dass wer weder über eine Geburtsurkunde, eine Identitätskarte oder einen Reisepass verfügt, so recht eigentlich keine Rechte hat. So hält Gatti über einen Afrikaner, der gerade von Italien in sein Herkunftsland abgeschoben werden soll, fest: "Dabei fehlt ihm nur ein Stück Papier, damit er in Europa bleiben könnte: 25x15 cm, ein Lichtbild, ein bisschen Tinte, ein Stempel." Dass sowas wirklich entscheidend sein soll, ist jemandem, der sein Leben riskiert hat, um nach Europa zu gelangen, kaum zu vermitteln. Ehrlich gesagt: mir auch nicht.
Gatti hat es unternommen, von Dakar mit dem Flüchtlingsstrom über Niamey, Agadez und Dirkou nach Europa zu kommen. "Eine schwarze Rauchwolke verkündet, dass der Motor angelassen worden ist. Zweimal hupt der Fahrer. Man muss schnell hinrennen und sich wie ein Seemann beim Entern über die Bordwand hinaufschwingen. Der Lkw fährt los, obwohl es noch nicht alle Passagiere geschafft haben. Die letzten klammern sich an die Kanister und riskieren unter die Räder zu kommen. Jetzt ist es noch viel enger." Nicht nur, dass die Reise beschwerlich ist, die Reisenden werden auch von Polizisten und Soldaten (die selber wirtschaftlich alles andere als gut gestellt sind) nach Strich und Faden ausgenommen - es ist ein veritabler Höllentrip, den Gatti da schildert. Und dann sind da noch die Hauptverdiener, die Menschenschmuggler: "Endlich ist der Lastwagen voll. Mindestens hundertfünfzig Personen. Hundertfünfzig Tickets zu fünfundzwanzigtausend Francs macht drei Millionen siebenhundertfünfzigtausend Francs. Fast sechstausend Euro. Derjenige, der Achmed den schrottreifen Lkw abgekauft hat, hat die Unkosten schon herein. Mit einer einzigen Fahrt. Das ist, wie wenn eine Fluggesellschaft den Kauf eines Flugzeugs mit einem einzigen Flug abschreiben könnte. Doch die Einnahmen aus dem Menschenschmuggel haben im weltweiten Transportgewerbe nicht ihresgleichen."
Aus den Medien erfahren wir immer wieder von Flüchtlingen, die vor Lampedusa aus dem Meer gefischt wurden (von denen, die auf dem offenen Meer umkommen, hören wir selten), die Fernsehbilder zeigen uns dann jeweilen, wie den durchnässten Ankömmlingen Decken abgegeben werden, was wir jedoch nicht zu sehen kriegen, ist, wie die Geschichte dann weitergeht: "Auf dieser Insel hat Italien ein Internierungslager eröffnet, das bisher kein Aussenstehender ohne Voranmeldung betreten hat. Anwälte und Abgeordnete, ja sogar Vertreter der Vereinten Nationen müssen tagelang auf eine Genehmigung warten. Und wenn sie das Lager betreten, bekommen sie nur untadelige Verhältnisse zu sehen. Wenige Internierte. Saubere Schlafsäle. Reichlich Essen. Obwohl tagtäglich Boote landen. Was machen sie mit all denen, die dort eingesperrt sind?"
Als eine "erschütternde Odyssee von Millionen heimlichen Einwanderern" hat der "Corriere della Sera" Gattis "Bilal" treffend charakterisiert. Doch es ist mehr: es ist dringend nötige Aufklärung, da es nicht nur Schicksale aufzeigt, sondern Zusammenhänge deutlich macht ("Hier ist Zeit nicht Geld, sondern eine Dimension, die noch den Menschen gehorcht und nicht der Uhr ... die Komplizenschaft zwischen Heer, Polizei und der Menschenhändlermafia ..."). Zudem bringt es einen gelegentlich auch zum Lachen ("Ach mei, wenn wir unseren Humor nicht hätten", pflegte mein lieber Freund Wamse zu sagen): Als Gatti sich schwach und fiebrig fühlt und Malaria vermutet, sucht er in Agadez einen Arzt auf und sagt ihm, er habe Mefloquin dabei: "Mefloquin?" der Arzt runzelt die Stirn: "Das Mittel hat schwerste Nebenwirkungen. Wollen Sie in der Sahara Halluzinationen bekommen? Gegen Mefloquin entwickeln sich in ganz Afrika resistente Erregerstämme." "In Italien verschreiben die Ärzte Mefloquin." "Lassen sie das sein. Kaufen Sie in der Apotheke Artemisintabletten. Die Chinesen benutzen das Mittel seit dreitausend Jahren gegen Fieber. Kennen Sie es?" "Nein." "Es ist ein Pflanzenauszug aus dem Einjährigen Beifuss, der Artemisia annua. In China heisst er Qinghaosu." Der Arzt schreibt ihm ein Rezept auf den Namen Flagyl aus - es ist so ziemlich das einzige Medikament, das sie in der Apotheke haben. Der skeptische Gatti erkundigt sich per SMS bei einem befreundeten Apotheker in Italien, was es damit auf sich habe: "Flagyl gegen Vaginalinfektionen. Machst du eine Geschlechtsumwandlung?"
Fabrizio Gatti
Bilal
Verlag Antje Kunstmann, München 2010
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In Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile
Es gibt Bücher (sie sind selten), von denen fühlt man sich sofort dermassen angetan, dass man gleich von der ersten Seite wegdaraus vorlesen (oder zitieren) will. Andreas Altmanns Reise durch einen einsamen Kontinent gehört dazu. Nicht weil er so wahnsinnig gut schreibt (sprachlich ist er nicht so überzeugend, als Erzähler hingegen schon – siehe die nachfolgenden Auszüge), sondern weil er etwas erlebt und Eigenständiges zu sagen hat. Okay, nicht von der ersten, von der zweiten Seite, dem Vorwort, weg; die allererste Seite mit den ärgerlich banalen Zitaten von David Hockney {Die Menschen sind das Interessanteste von allem}, Teófilo Stevenson {Es gibt nichts Schöneres als das Leben} und der wenig inspirierenden Einsicht von Jorge Luis Borges {Ich habe die schwerste Sünde begangen, die ein Mensch begehen konnte: Ich war nicht glücklich} - was für ein Schmarren: als ob es eine Pflicht gäbe, glücklich zu sein (eine solche Pflicht anzunehmen, ist eher ein Rezept, nicht glücklich zu werden) - hätten getrost weggelassen werden können.
Zum Vorwort also: „Ich reise durch den Kontinent wie einer aus dem 21. Jahrhundert. Wo immer ich bin, bin ich vor Ort, bin da. Und bin gleichzeitig vernetzt. Ich höre eine Radionachricht, ich lese die Zeitung, irgendwo flimmert ein Fernseher, E-mails warten. Sie alle lösen Querverbindungen aus, Hintergedanken, bringen den Fleck, an dem ich mich gerade aufhalte, in Verbindung mit der Welt. Jeder Moment zeigt mir, dem Fremden, wie sehr ich mich von den anderen unterscheide. Und wie sehr wir uns ähneln.“
In Bogotá trifft er auf Seymour, einen Autoschlosser aus Wisconsin. „Lange Zeit hat der 52-jährige mit sich gekämpft, bevor er hierher kam, lies sich immer wieder einschüchtern von den Gräuelberichten der Presse. Gerade hat seine Regierung vor Reisen durch Kolumbien gewarnt. Diesen Aufruf quittiert der Mechaniker mit dem Satz: ‚Ich bin froh, dass ich nicht mehr hinhöre. Wir sterben nicht an den Gefahren, wir sterben an unserer Angst vor diesen Gefahren.’ Ich stecke die Mailadresse des Handwerkers ein. Brauche ich einen klugen Gedanken, werde ich mich melden.“
„Beim Frühstück lese ich, dass die Ciudad Bolívar die herausforderndste Gegend der Hauptstadt ist, mit den meisten Banden und den schiesswütigsten Arbeitslosen, fast jeden Tag ein Mord, ein Totschlag … Ich will nicht sterben, ich weiss nur aus Erfahrung, dass erstens grundsätzlich und grandios übertrieben wird, dass zweitens ein Weisser (ohne Kamera, schmucklos und zu Fuss) nicht sofort standrechtlich erschossen wird und dass ich drittens Geschichten suche.“ Eine 74-Jährige, 154 Zentimenter grosse Frau, nimmt sich seiner an, führt ihn zu ihrer „Behausung, vier Wände mit einem Blechdach, zur Strassenseite zwei vergitterte Fenster, die Löcher mit Pappe verstopft … Meist schaut sie fern, ab 17 Uhr durchgehend. Dann liegt sie im Bett und starrt ins dunkle Eck, aus dem es hell flimmert. Sie mag alles, Hauptsache, sie hört ‚Stimmen’. Ich begreife für einen Augenblick den Nutzen eines Geräts, das sie hier ‚caja tonta’ nennen. Und hätte die Idiotenkiste keinen anderen Sinn, als die Einsamkeit von Señora Curieta zu lindern. Ohne die Stimmen würde sie noch verlassener im Bett liegen.“ (Eine junge Frau im thailändischen Pattaya, die auf einem überdachten Markt Kleider verkauft, geht mir durch den Kopf. Sie guckt eine chinesische Serie im Fernsehen an und sagt lachend: das Gute daran sei, dass es nicht darauf ankomme, ob man hinschaue oder nicht).
Überzeugend an diesem Buch ist nicht zuletzt, dass der Autor einlöst, was er im Vorwort gleichsam als sein Reiseprogramm angekündigt hat, nämlich vor Ort zu sein und gleichzeitig in Verbindung mit ganz Anderem (Gedanken, Erinnerungen etc.) zu stehen, denn ganz genau so findet Reisen statt. Besonders schön zeigt sich dies im folgenden Abschnitt:
„Auf der Fahrt zurück in die Stadt sitzt mir im Bus ein Ehepaar gegenüber. Unschwer zu erkennen, dass beide aus einfachsten Verhältnissen stammen. Auffallend auch hier das aussergewöhnlich attraktive Gesicht der Frau. Seltsamerweise starrt ihr Mann sie nicht an, nicht bewundernd, nicht atemlos. Er sitzt und döst. Weiss er überhaupt, wie schön sie ist? Verwittern Frauen deshalb so schnell (und auf diesem Kontinent schneller als sonstwo) weil bald kein Bewunderer mehr sie bewundert? Weil aus der Göttin ein Haushaltsgerät wird, das ohne grösseres Aufsehen zum (vielfachen) Brutkasten mutiert, zur Köchin und Wäscherin?
Ich erinnere mich an den Kommentar eines arabischen Freundes. Saïd sprach davon, dass der Schleier eine Art Todesurteil für die Frauen seines Landes bedeute. Weil keine Blicke, keine Männerblicke, mehr die Augen einer Frau träfen. Nichts in der Welt dränge mehr darauf, dass die Schöne schön bleibe. Der Schleier als Sargdeckel, der die Toten von den Lebenden scheidet.“
Andreas Altmanns Reise durch einen einsamen Kontinent (trotz des misslungenen Titels – wie kann ein Kontinent einsam sein?) ist eine spannendes, anregendes und lehrreiches Buch, auch wenn man nicht alle seiner Vorlieben („Ich mag die Listigen, einen wie Raúl, der von der Dummheit der anderen lebt.“) teilen mag.
Warum der Autor wohl reist? Ist er womöglich auf der Suche nach dem Glück? (was dann auch das Borges-Zitat am Buchanfang erklären würde). Ein guter Grund wäre dies allemal. Jedenfalls will er wissen, was die Leute in Ecuador glücklich macht. In Otavalo fragt er eine Bäckerin („Alles, was mich umgibt“), in Guayaquil einen Taxifahrer („Klar bin ich glücklich. Weil ich nicht mehr verlange, als ich habe, ich träume nicht“). Schön, dass er fragt. Und schön, die Antworten, die er kriegt.
Andreas Altmann
Reise durch einen einsamen Kontinent
Unterwegs in Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und Chile
DuMont Buchverlag, Köln 2008
Erstveröffentlichung auf http://rezensionen.ch, April 2009
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